In der Nacht zuvor hat es lange und intensiv geregnet, der Offroad-Parcours am Rialb River ist deshalb eine einzige Schlammwüste. Es gibt große Wasserlachen, in denen sich ein Flusspferd wälzen könnte. Und die in das hügelige Gelände geschnittenen Wege gleichen stellenweiseWasserrutschen. Ein Traktor wäre jetzt das adäquate Gefährt oder eine Motocross-Maschine. Aber ein in Vollausstattung fast 210.000 Euro teurer SUV von knapp knapp fünf Meter Länge ist hier eigentlich fehl am Platz. Rechts und links ragen Äste und Wurzeln von Bäumen in den Fahrweg. Und aus dem Boden ragen zudem scharfkantige Felsbrocken.

Die erste Reaktion des Fahrers ist: Rückwärtsgang rein und raus aus dem Gelände, bevor das kostbare Fahrzeug Schaden nimmt. Doch der Beifahrer nickt ermuntern mit dem Kopf – „das geht“. Und so drücken wir den rechten Fuß sachte auf das Fahrpedal und lassen den Porsche Cayenne Turbo Electric langsam anrollen. Und tatsächlich: Trotz seines Gewichts von über 2,7 Tonnen kommt der Elektro-Koloss (dank eines elektronischen Traktionssystems) nicht ins Rutschen, steckt er die groben Unebenheiten im Fahrweg (dank Luftfederung und miteinander vernetzten Dämpfern) locker weg und zirkelt er (dank der bis zu fünf Grad einschlagenden Hinterradlenkung) locker selbst durch spitze Kehren.

Wie es euch gefällt 
Der Cayenne Electric wird derzeit nur als SUV angeboten. Zur Auswahl stehen drei Allradversionen mit unterschiedlichen Antriebsleistungen und über ein Dutzend Außenlackierungen, darunter "Madeiragoldmetallic" und "Mysticgrünmetallic".
Wie es euch gefällt
Der Cayenne Electric wird derzeit nur als SUV angeboten. Zur Auswahl stehen drei Allradversionen mit unterschiedlichen Antriebsleistungen und über ein Dutzend Außenlackierungen, darunter „Madeiragoldmetallic“ und „Mysticgrünmetallic“.

Beeindruckend waren zuvor schon die Fahreindrücke mit dem neuen elektrischen Topmodell der Stuttgarter Sportwagenschmiede auf den kurvenreichen Landstraßen Kataloniens. Der SUV mit „Active Ride“-System (Aufpreis: 8324 Euro) entpuppt sich hier als wahre „Wuchtbrumme“ – stattlich in der Statur, aber überaus agil und temperamentvoll in Bewegung. Dank einer Antriebsleistung von 630 kW (857 PS) und bis zu 1500 Newtonmeter Drehmoment verkürzt der Cayenne Turbo jedes Überholmanöver gefühlt auf Millisekunden. Blinker gesetzt, kurz beschleunigt – und schon ist der Lkw überholt, der da durch die Gegend zockelt. Der Brummifahrer dürfte später beim Abendbrot von einer übernatürlichen Erscheinung sprechen und nachträglich noch ein Kreuzzeichen machen.

In vier Sekunden auf Tempo 200

Ja, der neue Cayenne Electric ist ein technisches Wunderwerk, für das die Ingenieure in Weissach alle Register gezogen haben. Über die aufwändige Batteriekühlung und den neuen, von den Formel E-Boliden abgeleiteten PSM-Elektromotor mit Ölkühlung und Siliziumcarbid-Umrichter haben wir im Vorfeld der Fahrpräsentation schon berichtet, als Beifahrer eines Rennfahrers auf dem Porsche-Testgelände in Leipzig zudem erste Eindrücke vom Cayenne gesammelt. Aber den stärksten Serien-Porsche aller Zeiten im Alltagsverkehr – und auch abseits der Asphaltbänder – selbst zu bewegen, ist noch einmal ein anderes Erlebnis.

Atemberaubend 
Per Launch-Control und im Boost-Modus liegenkurzzeitig 1156 PS Antriebsleistung an. Tempo 200 ist so in vier Sekunden erreicht.
Atemberaubend
Per Launch-Control und im Boost-Modus liegenkurzzeitig 1156 PS Antriebsleistung an. Tempo 200 ist so in vier Sekunden erreicht.

Wie (derzeit) wohl kein anderes Elektro-SUV zelebriert der vollelektrische Cayenne eine Mischung aus Antrittsstärke und Fahrkomfort, wie man sie bislang nur von mindestens achtzylindrigen Sportwagen kannte. Manch Gusseiserner wird sicher die Geräuschkulisse vermissen, die ein turbobeatmeter Benziner bietet. Aber die Fahrfreude ist in diesem Luxusstromer mindestens genauso groß wie in dem V8-Cayenne (Spitzenleistung 478 PS!), den Rallye-Legende Walter Röhrl einst pilotierte. Tempo 100 erreicht der Stromer im Boost-Modus – in dem kurzzeitig bis zu 850 kW oder 1156 PS zur Verfügung stehen – in 2,5 Sekunden, Tempo 200 in etwas mehr als vier Sekunden. Und wo immer das auf der Welt noch möglich ist, lässt sich der Cayenne Turbo Electric auf bis zu 260 km/h treiben.

Bis zu 786 Kilometer Reichweite – im Stadtverkehr

Wobei das natürlich massiv zu Lasten der Reichweite ginge. Nach der WLTP-Verbrauchsnorm soll die neu entwickelte Hochvolt-Batterie mit einer Speicherkapazität von 113 kWh (brutto) für bis zu 786 Kilometer im Stadtverkehr und bis zu 642 Kilometer im gemischten Betrieb gut sein. Aber wer seiner Fahrfreude freien Lauf lässt und auf deutschen Autobahnen die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h nur auf dem Beschleunigungsstreifen akzeptiert, wird sich auf deutlich kürzere Etappen einstellen müssen. Wir kamen auf unserer ersten Testfahrt dank der strengeren Tempolimits in Spanien auf einen Durchschnittsverbrauch 26,9 kWh auf 100 Kilometer – sahen zwischendurch im Bordcomputer auch Werte von fast 40 kWh/100 km.

Turboantrieb verleiht Flügel
Um die Aerodynamik zu verbessern, wachsen dem Cayenne Turbo zwei Aeroblades aus dem Heck. Auch stellt sich der Heckspoiler auf.
Turboantrieb verleiht Flügel
Um die Aerodynamik zu verbessern, wachsen dem Cayenne Turbo zwei Aeroblades aus dem Heck. Auch stellt sich der Heckspoiler auf.

Der Energievorrat ist dann natürlich schneller aufgebraucht, als den Insassen lieb sein kann. Da helfen auch all die technischen Kniffe nicht, die sich die Porsche-Ingenieure und -Designer unter dem Stichwort „Active Aero“ haben einfallen lassen, um die Stromverbräuche zu minimieren. Etwa aktive Lufteinlässe vorne, einen adaptiven Dachspoiler oder – ganz neu – Aeroblades, die ab Tempo 55 beidseitig aus dem Heck wachsen, um die Abrisskante zu verlängern und die Strömungseigenschaft der „Wuchtbrumme“ zu verbessern.

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Porsche Cayenne Turbo Electric

Antrieb: Allrad. Systemleistung: 630 kW (857 PS), Overboost-Leistung: 850 kW (1156 PS);
Batteriekapazität: 113 kWh brutto, 108 kWh netto;
Durchschnittsverbrauch (WLTP-Norm): 22,4 kWh/100km; Reichweite (kombiniert): 564-624 km;
Maximale Ladeleistung: 390 kW DC, 11 kW AC (22 kW gegen Aufpreis);
Länge/Breite/Höhe (mm): 4985/1980/1674; Leergewicht: 2720 Kg, Zuladung: 625 kg;
Basispreis: 165.500 Euro; Testwagenpreis: 209.170 Euro.

Bei artgerechter Haltung dürften sich die Reichweiten im Alltag trotz einer beeindruckenden Rekuperationsleistung von bis zu 600 kW aber wohl eher zwischen 350 und 400 denn bei 500 Kilometern und mehr einpendeln.

Gleichstrom laden mit bis zu 390 kW

Aber was solls? Der Ladestand des netto 108 kWh fassenden Akkus ist dank einer maximalen Leistung von 390 kW an einer 800-Volt-Schnellladesäule in einer Viertelstunde wieder von 10 auf 80 Prozent angehoben. Die kurze Pause reicht damit so gerade, um während der Fernfahrt die sanitären Einrichtungen des Rasthofs aufzusuchen. Und für die zahlreichen Spielereien, die das Infotainmentsystem des Cayenne so offeriert, bleibt da keine Muße mehr. Aber auch für das Laden daheim bietet der Elektro-Porsche manche Annehmlichkeit. Nicht nur die Möglichkeit, Wechselstrom an der Wallbox mit bis zu 22 kWh aufzunehmen. Der Stromspeicher im Fahrzeugboden kann über eine Platte auf dem Garagenboden auch induktiv geladen werden. Gegen Aufpreis, versteht sich.

Kommandozentrale 
Das neue gebogene Flow Display schafft einen fließenden Übergang zur Mittelkonsole. Hinzu kommen ein 14,25 Zoll großes OLED-Kombiinstrument sowie ein Head-up-Display für den Fahrer. Gegen Aufpreis erhält auch der Beifahrer einen Monitor zur Unterhaltung.
Kommandozentrale
Das neue gebogene Flow Display schafft einen fließenden Übergang zur Mittelkonsole. Hinzu kommen ein 14,25 Zoll großes OLED-Kombiinstrument sowie ein Head-up-Display für den Fahrer. Gegen Aufpreis erhält auch der Beifahrer einen Monitor zur Unterhaltung.

Ja, der neue Cayenne Electric lockt mit zahlreichen Features und Feinheiten. Während der Fahrt und auch im Stand. Ein Porsche-Ingenieur schwärmte am Rande der Präsentation nicht ganz zu Unrecht von einem „Alleskönner“. Pferdebesitzer etwa lockt der Cayenne Turbo mit einer Anhängelast von 3,5 Tonnen – theoretisch könnten da bis zu drei Kaltblüter samt Geschirr zum Reitturnier mitreisen.

Porsche lockt mit günstigen Einstiegspreisen

Auch sonst muss der Fahrer des Cayenne Electric nichts missen, was er vielleicht vorher schon an seinem benzingetriebenen Porsche-SUV schätzte – und was den Cayenne für Porsche schon kurz nach dem Start der Modellreihe im Jahr 2002 zu einer Ertragssäule machte. Über 1,5 Millionen Fahrzeuge des Typs haben die Stuttgarter bislang weltweit verkauft. Wie viel der neue Electric nun zu der Erfolgsgeschichte beitragen kann, bleibt abzuwarten. Die inzwischen teilelektrifizierten Versionen bleiben für alle Fälle noch einige Jahre im Lieferprogramm. Und die Produktion in der Slowakei ist hochflexibel.

Hoffnungsträger 
Porsche-Kunden sind konservativ, blicken eher skeptisch auf die Antriebswende. Der neue Cayenne Electric soll das ändern.
Hoffnungsträger
Porsche-Kunden sind konservativ, blicken eher skeptisch auf die Antriebswende. Der neue Cayenne Electric soll das ändern.

Trotzdem sind die Erwartungen des Unternehmens in die mit Milliardenaufwand entwickelten Elektroversion hoch. Um die Nachfrage nach dem Cayenne Electric zu stimulieren, lockt Porsche mit attraktiven Einstiegspreisen. Das 300 kW starke Basismodell startet bei 105.200 Euro, die S-Version bei 126.400 Euro und der Turbo bei 165.500 Euro – annähernd preisgleich mit den Benzinern oder sogar deutlich günstiger. Für den 544 kW starken Cayenne Turbo E-Hybrid (187.600 Euro) werden sogar 22.100 Euro mehr aufgerufen als für den vollelektrischen Turbo.

Verkauf startet im Sommer

Trotzdem ist die Unsicherheit der Vertriebler spürbar. Denn die Porsche-Klientel ist überwiegend konservativ, belegen die enttäuschend geringen Verkaufszahlen des Taycan: 2025 wurden von der Elektro-Limousine weltweit lediglich 16.399 Exemplare abgesetzt. Der Macan, den es seit 2024 nur noch mit Elektroantrieb gibt, schlug sich mit 45.367 Verkäufen zwar deutlich besser. Trotzdem hat Porsche entschieden, die nächste Generation wieder in einer Verbrenner-Version anzubieten.

Aber vielleicht kann der elektrische Cayenne mit starken Verkaufszahlen ja einen Sinneswandel beweisen. Die hohen Benzinpreise sind aktuell ein starkes Argument für leistungsstarke und schwere Fahrzeuge mit Elektroantrieb. Der Cayenne Electric steht im Sommer im Porsche-Zentrum, Bestellungen für den Turbo und die S-Version nimmt der Handel ab sofort entgegen.

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