Von wegen Fortschritt: Zumindest am Ende ihrer zukunftsweisenden Fahrt fühlen sie die Nutzer von Elektroautos bisweilen in die Vorzeit der Mobilität zurück versetzt: So, wie der Cowboy trotz brennender Kehle und schmerzender Kehrseite erst mit seinem Pferd in den Stall und dann in den Saloon marschiert ist, müssen sich auch E-Pioniere vor dem Feierabend noch um ihren Wagen kümmern. Denn nur wenn sie geduldig mit dem Ladekabel hantieren und ihren Akku ordentlich anstöpseln, können sie am nächsten Morgen wieder mit vollem Akku losfahren. Das kostet zwar selten mehr als ein, zwei Minuten. Aber es ist lästig, und bei Regen und Schnee macht man sich obendrein schnell die Kleidung oder auch den Kofferraum schmutzig.

Dabei beherrscht jede Zahnbürste seit Jahrzehnten das kabellose Laden und mittlerweile auch das Handy. Nur ausgerechnet bei teuren Elektroautos soll das nicht klappen?

Induktives Laden beim Porsche Cayenne 2026
Laden wie ein Smartphone
Das induktive Laden macht das Laden eines Elektroauto komfortabel. Porsche ist der erste Autohersteller, der die Technik nun anbietet. Erst einmal nur für den neuen vollelektrischen Cayenne, später auch für andere Batterieautos und Plug-in Hybride. Fotos: Porsche

Doch, es geht – sagt Porsche-Ingenieur Michael Schätzle. Er leitet die Entwicklung des vierten, rein elektrischen Cayenne und will den großen Geländewagen als erstes Elektroauto tatsächlich von der Leine lassen. Der Konkurrent von BMW iX oder Mercedes EQS SUV soll deshalb zum Verkaufsstart im Frühjahr nicht nur mit Ladeleistungen von 400 kW zumindest unter den Europäern neue Bestwerte setzen und so an der HPC-Säule in weniger als zehn Minuten den Strom für 300 Kilometer ziehen. Sondern mit ihm geht auch das induktive Laden fürs Auto in Serie, stellt Schätzle in Aussicht.

Zusatzkosten von 7000 Euro

Wobei das mit der Serie so eine Sache ist. Denn erstens gibt es die Technologie erstmal nur in Europa und zweitens natürlich nur gegen Aufpreis. Und selbst wenn Porsche den noch nicht genau beziffern will, wird man wohl mit einem deutlich vierstelligen Betrag rechnen müssen. Schließlich braucht es nicht nur die etwa ein Quadratmeter große und 50 Kilogramm schwere Ladeplatte mit WLAN- und LTE-Modem, die drinnen wie draußen auf dem Parkplatz oder in der Garage montiert werden muss. Sondern das Auto muss auch mit einem entsprechenden Gegenstück ausgestattet sein, das gut geschützt zwischen den Vorderrädern am Unterboden installiert ist. Da kommt einiges zusammen, erfahren wir: Die Fahrzeugplatte kostet knapp 2000 Euro, die Bodenplatte im Porsche-Design noch einmal knapp 5000 Euro. Cayenne-Käufer können aber auch erstmal nur eine Vorrüstung für knapp 250 Euro ordern.  

Lotse an Bord 
Der Cayenne muss millimetergenau über der Bodenplatte positioniert werden, damit das System sauber arbeitet und den hohen Wirkungsgrad erzielt. Porsche hat dafür ein eigenes Assistenzsystem entwickelt, dass beim genauen Einparken hilft.
Lotse an Bord
Der Cayenne muss millimetergenau über der Bodenplatte positioniert werden, damit das System sauber arbeitet und den hohen Wirkungsgrad erzielt. Porsche hat dafür ein eigenes Assistenzsystem entwickelt, dass beim genauen Einparken hilft.

Danach geht das Laden allerdings einfacher denn je, erläutert Schätzle – und weiß, dass er sich diese Mühe nicht umsonst gemacht hat. Erstens, weil er damit einen der letzten „Painpoints“ beim Laden adressiert. Und zweitens, weil bei der Porsche-Kundschaft drei von vier Ladevorgängen daheim erfolgen. Künftig kann sie den Stecker dabei einfach stecken lassen. Stattdessen rollt man mithilfe der Kamera und den Parksensoren halbwegs passend über die Platte, der Cayenne senkt sich automatisch ab. Und ohne dass es einen physischen Kontakt gibt beginnt der Strom zu fließen und der Akku füllt sich. Auf Wunsch auch gesteuert über die Porsche Lade-App auf dem Handy samt Timer-Einstellung und Vorkonditionierung.

Ladeleistung von maximal 11 kW

Dabei müssen zwar Sensoren sicherstellen, dass sich kein Lebewesen zwischen den Polen befindet und auch kein Metall auf der Platte liegt, das sich erwärmen könnte. Auch ist die Ladeleistung auf 11 kW limitiert. Doch wer seinen Wagen dort am frühen Abend abstellt, fährt am nächsten morgen mit einem vollen Akku vom Hof – selbst wenn es im Cayenne ein Batteriepaket mit 113 kWh Kapazität für Normreichweiten stabil über 600 Kilometer für jede Motorvariante gibt. Nicht umsonst beziffert Porsche den Wirkungsgrad der Ladetechnik, die der Autohersteller zusammen mit „diversen Zulieferern“ entwickelt hat (darunter wohl mit Mahle), auf nahezu 90 Prozent. 

Porsche-Design 
Edel sieht die Ladeplatte aus, die auf dem Garagenboden platziert wird. Sie verfügt nicht nur über einen Stromanschluss, sondern auch über ein WLAN- und Funkmodem für die Kommunikation mit dem Auto. Das treibt den Preis: Knapp 5000 Euro ruft Porsche dafür auf.
Porsche-Design
Edel sieht die Ladeplatte aus, die auf dem Garagenboden platziert wird. Sie verfügt nicht nur über einen Stromanschluss, sondern auch über ein WLAN- und Funkmodem für die Kommunikation mit dem Auto. Das treibt den Preis: Knapp 5000 Euro ruft Porsche dafür auf.

Zwar machen die Schwaben mit dem Cayenne den Anfang, wollen aber auch künftig andere Batterie-Fahrzeuge oder Plug-in-Hybride damit ausrüsten. Außerdem reklamieren sie die Technik nicht dauerhaft allein für sich. Mittelfristig könnten etwa vor Hotels oder auf Firmenparkplätzen entsprechend ausgerüstete Elektroautos anderer Hersteller die Ladetechnik nutzen.

Für Christian Guhl, der sich bei der Unternehmensberatung Cap Gemini Invent in Stuttgart mit Themen der Energie- und Mobilitätswende beschäftigt, ist das induktive Laden ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Akzeptanz von Elektroauto: „Automatisches Laden ist für den Durchbruch der Elektromobilität wahrscheinlich so bedeutend, wie es vor 100 Jahren die Erfindung des elektrischen Anlassers für die Benziner war,“ glaubt der Capgemini-Experte. „Einsteigen und wegfahren war damals wie heute die entscheidende neue Fähigkeit.“ 

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