Im zweiten Quartal 2026 erlebt die Elektromobilität im privaten Sektor in Deutschland einen noch nie dagewesenen Nachfrageschub. Laut den neusten Daten des HUK-E-Barometers entscheidet sich bei fast jedem achten privaten Fahrzeugwechsel ein Autofahrer für den Umstieg von einem Verbrenner auf einen reinen Stromer. Der Grund für diese Dynamik: Eine explosive Mischung aus drastisch gestiegenen Benzin- und Dieselpreisen seit Ausbruch des Iran-Krieges und der Rückenwind durch die im Mai gestartete neue E-Auto-Förderung.

Die Zapfsäule als Beschleuniger der Verkehrswende

Der Iran-Krieg haben die Kraftstoffpreise an deutschen Tankstellen spürbar in die Höhe getrieben – der Sprit-Rabatt der Bundesregierung brachte da nur vorübergehend eine Linderung. Die ökonomische Quittung an der Zapfsäule hinterlässt nun unübersehbare Spuren im Kaufverhalten der deutschen Autofahrer.

Während vor Beginn des Iran-Kriegs und dem anschließenden Preisschock im Januar und Februar 2026 lediglich 6,3 Prozent aller privaten Pkw-Wechsler im Bestand der HUK-COBURG von einem Verbrennermotor auf ein rein elektrisches Fahrzeug umstiegen, kletterte diese Quote im zweiten Quartal 2026 auf den Rekordwert von 12,0 Prozent. Die Umstiegsquote hat sich somit in wenigen Monaten nahezu verdoppelt.

Wie direkt dieser Zusammenhang ist, unterstreicht die bundesweit repräsentative YouGov-Befragung von über 4.000 Personen im Rahmen des HUK-E-Barometers: Fast jeder vierte Führerscheininhaber in Deutschland (24 Prozent) gibt offen an, dass er nur wegen der Entwicklung der Diesel- und Benzinpreise seit Beginn des Iran-Krieges“ erstmals überhaupt über die Anschaffung eines reinen Stromers nachgedacht hat oder eine bereits geplante Anschaffung zeitlich nach vorne verlegt.

Gebrauchte Stromer und Vielfahrer als Gamechanger

Eine zentrale Erkenntnis der aktuellen Auswertung: Der Boom wird besonders stark durch den Gebrauchtwagenmarkt und durch Vielfahrer getrieben. Da Neuwagen aufgrund von Bestell- und Lieferfristen Zeit benötigen, greifen autofahrende Haushalte bei rasant steigenden Benzin- und Dieselkosten verstärkt zu sofort verfügbaren elektrischen Gebrauchtwagen. So stieg die Wechselhäufigkeit bei gebauchten E-Autos im zweiten Quartal 2026 noch stärker an als bei vollelektrischen Neuwagen.

Besonders drastisch zeigt sich die Reaktion bei Autofahrern mit hoher Jahresfahrleistung (über 12.000 Kilometer pro Jahr), die unter den hohen Treibstoffkosten besonders stark leiden:

  • Höhere Gesamtdynamik: Vielfahrer steigen inzwischen mit 14,7 Prozent deutlich häufiger auf E-Autos um als Fahrer mit geringerer Jahresleistung (8,0 Prozent). Der Abstand zwischen beiden Gruppen erreichte ein neues Rekordniveau.
  • Gebrauchtwagen-Fokus: Bei den Umstiegen auf gebrauchte E-Autos fällt dieser Unterschied in Relation noch weit größer aus (10,7 Prozent bei Vielfahrern vs. 4,5 Prozent bei Wenigfahrern).

„Der Hochlauf der Elektromobilität in Deutschland hat eine neue Dimension erreicht, auch angetrieben durch stark gestiegene Spritpreise“ kommentierte Jörg Rheinländer, Vorstand für Kfz-Versicherung bei der HUK-COBURG, die Zahlen. „Elektrische Gebrauchtwagen können dabei offenbar zum Gamechanger werden.“ Er sprach sich dafür aus, auch Käufer gebrauchter E-Autos von der staatlichen E-Autoprämie profitieren zu lassen – in Berlin wird über eine Reform der Förderprämie im Herbst nachgedacht.

Tesla-Comeback, China-Aufwind und VWs Gebrauchtwagen-Trumpf

Die Hersteller profitieren sehr unterschiedlich vom aktuellen E-Auto-Schub im ersten Halbjahr 2026. Während bei den Neuwagen internationale Marken und Tesla dominieren, können deutsche Konzerne vor allem auf dem Gebrauchtmarkt punkten. Bei den Neuwagen-Umstiegen stehen hingegen preisgünstige ausländische Hersteller hoch im Kurs.

  • Chinesische Hersteller auf dem Vormarsch: Der chinesische Automobilgigant BYD verzeichnet den relativ stärksten Zuwachs bei der Umsteiger-Gruppe (von 0,8 Prozent in 2025 auf jetzt 3,3 Prozent). Auch die Marke Leapmotor legt spürbar zu – von 1,8 auf 3,4 Prozent bei den Umsteigern.
  • Spektakuläres Tesla-Comeback: Nachdem der Anteil von Tesla an den Umsteigern im vergangenen Jahr von 15,5 auf magere 5,6 Prozent abgestürzt war, schoss der US-Pionier im ersten Halbjahr 2026 wieder auf 12,2 Prozent nach oben.
  • Deutsche Marken verlieren bei Neuwagen: Ausnahmslos alle deutschen Automarken (mit Ausnahme von Opel / Stellantis) büßten bei Umstiegen von Verbrennern auf neue E-Autos Marktanteile ein.

Gebrauchtwagen: VW-Konzern behauptet die Marktführerschaft

Werden im Rahmen des Fahrzeugwechsels hingegen gebrauchte E-Autos angeschafft, zeigt sich ein völlig anderes Bild: Jedes sechste gebraucht erworbene E-Auto ist ein VW (17,1 Prozent, leicht gestiegen). Kein Wunder: Mit dem ID.3, ID.4 und 5 hat Volkswagen schon seit 2020 Elektroautos im Angebot, entsprechend groß ist die Zahl der Leasing-Rückläufer. Auch weitere Marken des Volkswagen-Konzerns verzeichnen Zuwächse bei gebauchten E-Autos: Audi steigt auf 6,8 Prozent (vorher 5,4 Prozent), Skoda auf 5,0 Prozent (vorher 2,7 Prozent) und Cupra von 2,2 auf 3,0 Prozent.

Erstmals steht die Mehrheit hinter dem E-Auto – Frauen holen auf

Die gestiegenen Unterhaltskosten für Verbrenner verändern auch die Wahrnehmung der Elektromobilität in der Bevölkerung grundsätzlich. Erstmals seit Beginn der Quartalsmessungen des HUK-E-Barometers im Jahr 2024 erklärt eine absolute Mehrheit der Deutschen (52 Prozent) bei der Befragung, dass sie Elektroautos „gut“ oder „sehr gut“ findet.

Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung bei den Frauen: Während Männer reine Elektroautos weiterhin überdurchschnittlich positiv bewerten (Anstieg von 54 auf 59 Prozent), verkürzten Frauen den Abstand im zweiten Quartal 2026 drastisch. Die Zustimmung der Frauen zu reinen E-Autos kletterte von 37 Prozent im Vorquartal auf jetzt 45 Prozent. Der Anstieg bei den Frauen lag damit um zwei Drittel höher als der Zuwachs bei den Männern.

Nord-Süd-Dynamik und das Gelsenkirchen-Rätsel

Die Marktdynamik im bisherigen Jahresverlauf 2026 unterscheidet sich regional extrem stark: Schleswig-Holstein und Niedersachsen weisen 2026 die höchste Umstiegs-Dynamik auf, gefolgt von Bayern auf Rang drei. Am Ende der Dynamik-Skala rangieren Sachsen und Berlin, wo die Markt-Dynamik nur etwa die Hälfte der norddeutschen Spitzenwerte erreicht. Auch Baden-Württemberg schneidet insgesamt unterdurchschnittlich ab.

  • Großstadt-Blick: Ein Lichtblick in Baden-Württemberg ist die Landeshauptstadt Stuttgart. Unter den 15 größten deutschen Metropolen über 500.000 Einwohnern weist Stuttgart 2026 die höchste Dynamik auf und stellt mit 5,3 Prozent reinen Elektroautos im privaten Pkw-Bestand den Spitzenreiter unter den Großstädten.
  • Ländlicher Raum führt im Bestand: Den bundesweiten Höchstwert im privaten Bestandsanteil hält der oberbayerische Landkreis Starnberg mit 7,4 Prozent. Die höchste Wachstumsdynamik verzeichnen 2026 allerdings die Landkreise Cloppenburg (Niedersachsen) und Schweinfurt (Bayern). Schlusslicht bei der Entwicklungsdynamik ist hingegen die Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen. In Cloppenburg und Schweinfurt wächst der E-Auto-Bestand mehr als sechsmal so schnell wie in Gelsenkirchen. Bei den absoluten Bestandsquoten bilden Frankfurt/Oder (1,4 Prozent) sowie die sächsischen Landkreise Görlitz und Vogtlandkreis (je 1,5 Prozent) das Tabellenende.

Plug-in-Hybride profitieren von neuen Förderanreizen

Neben rein batterieelektrischen Fahrzeugen (BEV) gewinnen auch Plug-in-Hybride (PHEV) wieder spürbar an Fahrt. Seit Jahresanfang greifen für Käufer von Plug-in-Hybriden wieder staatliche Förderprämien. Der verstärkte Umstieg auf Plug-in-Hybride ist vor allem bei bisherigen Benzin- und Dieselfahrern sowie auf dem Gebrauchtwagenmarkt zu beobachten. Während Plug-in-Hybride zulegen, gehen Umstiege auf Mild- und Voll-Hybride (ohne externe Lademöglichkeit) im Jahr 2026 zurück. Der Plug-in-Hybrid erfüllt somit zunehmend seine Funktion als Übergangstechnologie: Im zweiten Quartal 2026 wechselten 39,4 Prozent der bisherigen PHEV-Fahrer bei einer Neuanschaffung direkt auf ein reines Elektroauto – das sind mehr Kunden, als der Technologie treu blieben (38,1 Prozent).

Die E-Mobilität erreicht die Breite des Marktes

Das HUK-E-Barometer für das zweite Quartal 2026 zeigt unmissverständlich: Die Kombination aus hohem ökonomischen Druck durch die Treibstoffpreise infolge des Iran-Krieges und staatlichen Förderanreizen hat dem E-Auto-Markt in Deutschland zu einem historischen Sprung verholfen. Mit einer Umstiegsquote von 12,0 Prozent, einem starken Gebrauchtwagenmarkt und wachsendem Vertrauen bei Frauen und Vielfahrern erreicht die Elektromobilität eine neue Konsolidierungsphase. Um diesen Trend nachhaltig zu sichern, fordern Branchenexperten nun die konsequente Einbeziehung von gebauchten E-Autos in künftige Förderprogramme.

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