Ich kann die Verärgerung des Autofahrers hinter mir spüren, gelegentlich auch hören, wenn er sein Gaspedal immer mal wieder kurz antippt, um anzudeuten, dass er vorbei möchte. Dass ein Radfahrer mitten auf der Fahrbahn vor ihm herfährt und seinen Vorwärtsdrang bremst, passt ihm überhaupt nicht ins Konzept, wie mir auch der Blick in den Rückspiegel zeigt, wo sein leicht rot angelaufenes Gesicht hinter der Windschutzscheibe deutlich zu sehen ist. Dabei fahre ich schon 40 km/h in der Tempo-30-Zone.

Und wo soll ich auch hin? Die Nutzung des parallel zur Straße verlaufenden Radwegs ist für S-Pedelecs verboten. Selbst wenn ich dort meine Fahrgeschwindigkeit auf 20 km/h drosseln würde. Und Ordnungshüter würden auch sofort erkennen, dass ich mit einem E-Bike der schnellen Art unterwegs bin. Denn mein in Matt-Königsblau lackiertes Stromer ST2 verfügt nicht nur über einen Rückspiegel, sondern auch über Fahr- und Bremslicht sowie über eine Hupe statt einer Klingel. Und obendrein fährt es ein Versicherungskennzeichen durch die Gegend. Ein grellgelbes obendrein. Nicht weil es aus Holland kommt, wie so mancher vermutet. Zugelassen ist der Stromer vielmehr in seinem Herkunftsland, der Schweiz.

Schweizer Wertarbeit
Das Speed-Pedelec Stromer ST2 besticht durch ein gefälliges Design und technische Finessen wie Riemenantrieb und Nabenmotor.

Dort gehören Speed-Pedelecs wie in den Niederlanden längst zum Straßenbild. Oder besser gesagt: Zum Radwegebild. Wie rein muskelbetriebene „Bi-Bikes“ und auf 25 km/h gedrosselte E-Bikes. In der Schweiz dürfen die schnellen E-Bikes sogar Fahrradanhänger ziehen, in denen Kinder sitzen – im vom Verkehrsminister zum „Fahrradland“ erklärten Deutschland der Hasenfüße hingegen nicht. Hierzulande sind S-Pedelecs mit einer elektrischen Unterstützungsleistung von über 500 Watt als „Leichtkrafträder mit geringer Leistung“ eingestuft. Zwingend vorgeschrieben ist deshalb ein Führerschein der Klasse AM, das Tragen eines Sturzhelms sowie der Abschluss einer Kfz-Haftpflichtversicherung – für etwa 50 Euro im Jahr.

Stromer ST2 Sport: 7662 Euro in Vollausstattung

Da kommt schon einiges zusammen an Zusatzkosten. Und natürlich der Preis für das „Fahrrad“: Das Stromer ST2 kostet wenigstens 6128 Euro. Im Preisinbegriffen ist ein im Unterrohr vollintegrierter Lithium-Ionen-Akku mit einer Speicherkapazität von 618 Wattstunden für Reichweiten von bis zu 120 Kilometer. Wer längere Strecken plant oder unter der Woche seltener nachladen möchte, kann auch einen Akku mit 983 Wattstunden Kapazität wählen und zahlt 870 Euro mehr. Auch eine Federgabel (489 Euro) und eine Sattelfederung (305 Euro) sind als Extras lieferbar. Es läpppert sich, sagt man im Rheinland – auf einen Preis 7662 Euro für ein ST2 in Vollausstattung.

Nichts fürs Gelände

Nichts fürs Gelände

Das Revier des Stromer ST2 ist die Stadt mit ihren asphaltierten Straßen. Allzu hügelig sollte es dort aber nicht sein: Das S-Pedelec liebt die Ebene.

Grüße aus Bern

Grüße aus Bern

Das Versicherungskennzeichen unterscheidet das S-Pedelec vom einfachen E-Bike. Beim Testrad war ein Kennzeichen aus der Schweiz montiert.

Hupe statt Klingel

Hupe statt Klingel

Da das S-Pedelec auf der Straße mit dem Auto konkurriert, muss es sich dort auch lautstark bemerkbar machen können. In der Dämmerung notfalls auch mit Lichthupe und 800 Lumen.

Englische Übersetzung

Englische Übersetzung

Das Speed-Pedelec wird mit einer Fünfgang-Nabenschaltung von Sturmey Archer ausgeliefert. Für den Stadtverkehr ist sie völlig ausreichend. Und sie arbeitet besser als der Ruf des Herstellers lange war.

Alles im Blick

Alles im Blick

Das ins Oberrohr integrierte Display auf dem zeigt nicht nur die Fahrgeschwindigkeit, sondern auf Knopfdruck auch die verbleibende Reichweite an. Über eine spezielle App kann das Fahrrad mit dem Smartphone gekoppelt werden.

Saubere Arbeit

Saubere Arbeit

Der Rahmen des Stromer ST2 ist hochwertig. Über den Knopf an der Seite wird der Akku entriegelt, unter dem Standlicht befindet sich ein USB-Ladebuchse, über den während der Fahrt etwa ein Smartphone Strom ziehen kann.

Ordentliche Verzögerung

Ordentliche Verzögerung

Die Zweikolben-Scheibenbremsen mit 203mm Durchmesser haben mit dem über 30 Kilo schweren und bis zu 45 km/h schnellen S-Pedelec keine Mühe.

Das ist für ein Fahrrad, auch für ein E-Bike, ein stolzer Preis – durchschnittlich werden nach Angaben des Zweiradverbandes in diesem Jahr rund 2.600 Euro für ein Fahrrad mit elektrischer Trittunterstützung ausgegeben. Allerdings ist das Stromer ST2 auch ein E-Bike der besonders feinen Art. Das gilt für den fein geschweißten Rahmen ebenso wie für die hochwertige Lackierung. Und es gilt erst recht für die technischen Finessen: Der Hecknabenmotor ist eine Eigenentwicklung von Stromer. Er arbeitet extrem laufruhig und kann wie ein Elektroauto durch Rekuperation sogar einen Teil der Bremsenergie zurückgewinnen. Wie viel, kann der Fahrer selbst festlegen. Verbunden ist der Motor mit der Tretkurbel über einen Carbon-Riemen von Gates, was den Fahrtkomfort und die Laufruhe nochmals erhöht. Und gebremst wird vorn und hinten mit Zwei-Kolben-Scheibenbremsen mit einem Durchmesser von 203 Millimeter – kräftige Verzögerung ist also garantiert.

Wer (Kraft) gibt, dem wird (Tempo) gegeben

Wie der Hersteller wirbt, ist das ST2 „gebaut, um voran zu kommen“. Und das geht in der Ebene bekanntermaßen am besten mit einem Singespeed-Antrieb. Die verbaute Fünfgang-Nabenschaltung von Sturmey Archer ist für den Heavy-Duty-Einsatz konzipiert und über einen Gripschalter am Lenker leicht zu bedienen – in der Ebene zumindest kommt man damit wunderbar zurecht. Allerdings: Um wirklich schnell voran zu kommen, muss der Fahrer ordentlich in die Pedale treten.

„Denn wer da hat, dem wird gegeben“ – die Entwickler von Stromer scheinen sich das so genannte Matthäus-Prinzip aus der Bibel bei der Konzeption des ST2 zu Eigen gemacht zu haben. Denn erst bei hoher Trittfrequenz und ordentlichem Muskeleinsatz wird Tempo 45 erreicht – was schon mal für ordentlich Schweißfluss sorgen kann, wann einem ein Auto im Nacken sitzt. Es gibt zwar zahlreiche Möglichkeiten, über eine Smartphone-App das Ansprechverhalten der Tret- und Bremssensoren zu verändern und auch ein wenig „Motortuning“ zu betreiben. Die Effekte sind allerdings nur marginal: Mit einem maximalen Drehmoment von 40 Newtonmetern reißt der Antrieb keine Bäume aus.

Wer aktuell ein neues E‑Bike sucht, hat die Wahl sich zwischen diversen Antrieben mit unterschiedlichen Charakteristika. Wir erläutern, für welchen Fahrertyp sich welcher Antrieb eignet - und warum Drehmoment nicht alles ist. E-Bikes

Spürbar wird das spätestens dann, wenn die Ebene verlassen wird und die Straße eine Steigung vorsieht: Aus dem Stromern wird da schnell ein Schnaufen. Nein, das ST2 ist keine „Bergziege“, dafür bräuchte es einen kräftigeren Antrieb. Perfekt ist das S-Pedelec hingegen als Pendlerfahrzeug auf Asphalt in der Stadt. Fahrten über 15, 20 Kilometer vom Wohnort ins Büro vergehen mit dem Stromer nach einer kleinen Gedenkminute (die der Antrieb braucht, um aus dem Schlaf aufzuwachen) wie im Flug. Und dazu braucht es keine keine grimmigen Autofahren, die einem im Nacken sitzen.

Und auch wenn es die Kasse nochmals belastet und das Gewicht des E-Bikes weiter erhöht: Bei der Bestellung sollte hinter der Option Federgabel unbedingt ein Haken gemacht werden: Die großvolumigen Reifen im Format 27,5 Zoll können die schlechten Fahrbahnzustände hierzulande leider nur unzureichend dämpfen. Bei höheren Fahrgeschwindigkeiten gehen ordentlich Schläge ins Handgelenk, die sich auch durch eine aktive Grundhaltung auf dem Rad nicht komplett kompensieren lassen. Und wer auch schon mal abseits der Straße auf Feldwegen unterwegs sein möchte – die immerhin sind für S-Pedelecs auch hierzulande nicht tabu – sollte andere Reifen mit mehr Grip aufziehen lassen. Die Semi-Slicks des Test-Bikes kamen auf Schotter allzu schnell ins Rutschen.

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