Seit September vergangenen Jahres leitet der ehemalige Opel-Chef Michael Lohscheller die aufstrebende vietnamesische Automarke Vinfast, die zum privaten Mischkonzern Vingroup gehört. Der 53-jährige soll den globalen Ausbau der Autosparte forcieren, die im kommenden Jahr auch nach Deutschland kommen wird. Auf der Los Angeles Auto Show stellt Vinfast gerade zwei vollelektrische SUV-Modelle vor und kündigte den Bau einer Autofabrik in USA an. Im Interview mit EDISON schildert er, wohin die Reise geht.

Michael Lohscheller bei Vinfast

Herr Lohscheller, seit wann sind Sie konkret mit Vinfast befasst?

Ich bin seit dem 1. September für das Unternehmen tätig und nun hier auf der Auto Show in Los Angeles, um unsere ersten beiden spannenden Elektroautos zu präsentieren.

Was hat Sie den an Vinfast, an dieser völlig neuen Aufgabe gereizt?

Da kamen gleich mehrere Dinge zusammen. Vor allem reizte mich die einzigartige Aufgabe, eine neue Weltmarke zu launchen. Vinfast ist ja quasi ein Startup, das sich jetzt auf Elektroautos fokussiert. Das Thema reizte mich auch schon deshalb, weil ich in der Vergangenheit vor allem mit der Restrukturierung von bestehenden Unternehmen beschäftigt war. Hier kann ich etwas komplett Neues aufbauen, muss nicht alte Strukturen umbauen. Und Vietnam ist obendrein ein unglaublich spannendes Land, das mich persönlich sehr interessiert.

Mit der Kultur des südostasiatischen Landes kommen Sie klar?

Im Vergleich zu Opel und zu dem, was ich früher gemacht habe, ist hier vor allem die Geschwindigkeit des Lebens und des Managements eine andere. In Vietnam geht alles viel, viel schneller. Nicht nur die Entscheidungsprozesse, sondern auch anschließend deren Umsetzung. Es wird weniger diskutiert, aber viel mehr getan. In Deutschland gibt es viele ältere Menschen, die verteidigen wollen, was sie erreicht haben oder besitzen. In Vietnam viel mehr junge Leute, die erst etwas erreichen wollen – und dafür intensiv arbeiten. Bei uns jede zweite Woche auch an Samstagen. Das ist manchmal ganz schön hart.

Entsprechend dynamisch hat sich Vinfast in den vier Jahren seit der Gründung 2017 entwickelt: 2020 wurde in Vietnam mit einem Verkauf von über 30.000 Autos bereits ein Marktanteil von 8,4 Prozent erreicht. Und jetzt geht es in den globalen Export?

Richtig. Es war zunächst wichtig, eine stabile Basis auf dem Heimatmarkt zu entwickeln. Vinfast hat nun in Hai Phong eine sehr große, hochmoderne Autofabrik auf einem Gelände von 335 Hektar mit einer installierten Kapazität für 250.000 Fahrzeuge. Alles auf dem neuesten Stand der Technik. Da sind auch die großen internationalen Zulieferer mit an Bord. Und dort produzieren wir derzeit drei Automodelle.

…die noch auf einer BMW-Architektur basieren.

Ja, und auf einer Plattform von Opel. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, den nächsten Schritt zu gehen.

Raus in die Welt, und das mit rein elektrischen Fahrzeugen.

Mit dem e35 und e36, zwei vollelektrischen SUVs. Wir investieren 200 Millionen Dollar allein in unsere Präsenz in USA mit einem Hauptquartier in Los Angeles. Zudem planen wir den Bau einer komplett neuen Autofabrik hier in Nordamerika. In der zweiten Hälfte des Jahres 2024 soll sie bereits den Betrieb aufnehmen. Der Standort steht allerdings noch nicht endgültig fest.

Diese beiden Elektroautos, ein kompaktes Modell und ein größeres, über fünf Meter langes Fullsize-SUV mit über 550 Kilometern Reichweite, sehen ziemlich ansehnlich aus. Das Design ist vom italienischen Spezialisten Pininfarina – und die Fahrzeugentwicklung lag bei Magna Steyr?

Das eine kann ich vollumfänglich bestätigen – das zukunftsweisende, sehr klare Design der Fahrzeuge stammt von Pininfarina. Magna Steyr war aber nur einer von mehreren Engineering-Partnern. Wir sind überzeugt, dass wir schneller ans Ziel kommen, wenn wir auf mehreren Schienen gleichzeitig fahren. Ich denke, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die komfortablen Autos haben bei Crashtests fünf Sterne erhalten, sie verfügen über eine Spracherkennung, eine Reihe von aktuellen Assistenzsystemen und alle möglichen anderen angesagten Features. Da kann man wirklich von Vollausstattung sprechen.

Mit welchem Absatzvolumen rechnen Sie?

Die Frage bekomme ich immer wieder gestellt. Klar, es gibt ein Absatzziel, aber das kann ich Ihnen noch nicht verraten. Erst einmal müssen wir die Marke hier gut aufsetzen und sie dann sorgfältig weiterentwickeln. Das ist wichtiger, als jetzt große Zahlen in die Welt zu tragen.

Und wie sehen die Pläne für Europa aus?

Dahin gehen wir schon im nächsten Jahr – nach Deutschland, Frankreich und in die Niederlande.

Der deutsche Standort wird nahe an Ihrer alten Heimat sein, habe ich gehört…

Ja, das wird Frankfurt sein. Wir haben bereits ein Büro dort und bauen gerade die ersten Handelsstützpunkte auf, über die wir den e35 und e36 vertreiben werden. Mit eigenen Kräften übrigens. Auch den Service werden eigene Teams übernehmen, die bei technischen Problemen auch direkt zum Kunden nach Hause kommen.

Interessant, dass Vinfast nicht nur Autos baut…

Oh nein, wir haben auch Elektrobusse im Angebot, die auf vietnamesischen Routen eingesetzt werden. Und von unseren neuen Elektromotorrädern haben wir bereits über hunderttausend Exemplare verkauft.

Bei dieser dynamischen Entwicklung: Was schätzen Sie, wo wird Vinfast in zehn Jahren stehen?

Vinfast wird dann ein global agierender Hersteller von Elektroautos sein, innovationsstark und mit einer Reihe wegweisender neuer Technologien. Mit sehr smarten Mobilitätsangeboten, aber ohne jeden Schnickschnack. Das, was die Leute wirklich brauchen.

Mit einer deutlich größeren Modellpalette?

Davon können Sie definitiv ausgehen. Wir haben auch kleinere Elektroautos in der Entwicklung – mehr dazu werden Sie schon im Januar auf der CES sehen, der Consumer Electronics Show in Las Vegas.

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