Volvo-Technologiechef Anders Bell hat im Laufe seiner Karriere in der Autoindustrie schon so manche Präsentation eines neuen Modells erlebt. In den inzwischen über 21 Jahren, die er inzwischen für den chinesischen Autohersteller tätig ist, eins, zwei aber auch in den sechs Jahren bei Tesla in den USA. Aber die Premiere am Mittwochabend (21. Januar) in Stockholm hatte für ihn schon eine besondere Qualität und einen anderen Stellenwert. Denn: „Der Volvo EX60 ist nicht nur irgendein ein neues Auto, sondern ein echter Neubeginn. Wir starten damit in eine neue Ära der Elektromobilität“, sagte er im Vorfeld der offiziellen Vorstellung des neuen Elektro-SUV im Kunstzentrum Artipelag geradezu euphorisch.

Der frühere Polestar-Chef ist zu Jahresbeginn als Chefdesigner zu Volvo zurückgekehrt und war ganz hingerissen von dem neuen Modell, der die Werte der bald 100 Jahre alten Automarke gekonnt interpretiert und Solidität auf moderne Art verströmt.
Auch Volvo-Chef Håkan Samuelsson, 74, zeigte sich hier ungewohnt aufgekratzt: „Das wird ein echter Game Changer – und ein echter Wettbewerber sowohl für den BMW iX3 wie auch für den neuen Mercedes GLC EQ.“ Was die Dimensionen des Fahrzeugs anbetrifft und den Preis, aber auch in technologischer Hinsicht. Mit einer maximalen Ladeleistung von 370 kW und einer maximalen Reichweite von bis zu 810 Kilometern sei der Volvo EX 60 sogar „einen Tick besser“ als die beiden deutschen Modelle. Gerade einmal 19 Minuten soll es dank der hohen Ladeleistung – die nicht wie bei einigen Wettbewerbern nur ein paar Sekunden gehalten wird – dauern, um den Ladestand des Akkus von 10 auf 80 Prozent anzuheben. Und nach nur zehn Minuten sei genügend Strom für 340 Kilometer geladen. Die Energieaufnahme dauere somit nicht länger als ein Tankvorgang inklusive Bezahlung.
Vollstromer zum Preis eines Plug-in-Hybrid
Was den Volvo-CEO aber noch mehr freut: Der 4,81 Meter lange Mittelklasse-Crossover, der ab April in Schweden produziert wird und im Sommer in den Handel kommt, wird dank neuer Produktionsmethoden und einer komplett neuen 800-Volt-Plattform deutlich günstiger herzustellen sein. Das erlaubt es, den EX60 zu einem Einstiegspreis anzubieten, der unter dem des weiterhin angebotenen XC60 mit wiederaufladbarem Hybridantrieb liegt. Zur Orientierung: Die P6 Plus genannte heckgetriebene Basisversion des Volvo EX60 mit einer Antriebsleistung von 275 kW oder 374 PS und einem (netto) 80 kWh großen Akku wird in Deutschland ab 62.990 Euro angeboten. Für den (allradgetriebenen) XC60 PHEV T6 (Systemleistung 257 kW) ruft Volvo Deutschland wenigstens 67.990 Euro auf.

Im Unterschied etwa zum EX90 ist der zentrale Touchscreen horizontal ausgerichtet. Ein Head-up-Display ist nicht vorgesehen, dafür ist das Zusatzdisplay mit den wichtigsten Infos für den Fahrer nahe an die Windschutzscheibe gerückt. Auch so kann man Kosten sparen.
Und auch sonst kann sich der neue Stromer, der komplett in Schweden entwickelt wurde und im Werk Torslanda vom Band läuft, sehen lassen. Im Unterschied zu den beiden Hauptwettbewerbern aus Deutschland kommt er weniger aggressiv daher und nicht so hochhackig, was laut Samuelsson vor allem weibliche Kunden ansprechen sollte. Das Platzangebot ist mehr als üppig, die Verarbeitung exzellent und die verwendeten Materialien für den Innenausbau mindestens auf dem Niveau von BMW und Mercedes.
Neue SPA3-Plattform auf Elektroantrieb zugeschnitten
Etwas gewöhnungsbedürftig sind lediglich die Türgriffe, die wie kleine Flügel aus der Fahrzeugflanke herausragen. Eine ähnliche Lösung kennen wir vom Ford Mustang Mach E. Im Innenraum haben wir beim ersten Probesitzen ein Head-Up-Display vermisst. Immerhin gibt es ein 11 Zoll großes Display hinter dem Lenkrad, das so weit an die Windschutzscheibe herangerückt wurde, dass es (fast) wie ein HUD funktioniert. Um die Bedienerfreundlichkeit zu verbessern, haben die Designer zudem den zentralen, 15,4 Zoll großen Touchscreen um 90 Grad gekippt – er liegt nun horizontal vor dem Armaturenbrett, was die Bedienung erleichtern soll. Um die Lesbarkeit der Anzeigen zu verbessern, haben sie sich am Firmensitz in Göteborg sogar ein neues Schriftbild einfallen lassen.

Mit einem innovativen Detail warten die Türen des Volvo EX60 auf. Geöffnet wird per Knopfdruck, bei einem Unfall springen sie auf.
Die für Volvo-Verhältnisse revolutionären Neuheiten bekommen die Insassen allerdings nicht zu sehen. Denn sie verstecken sich unter dem Blech und unter den Teppichboden in den neuen, SPA3 genannten Plattform. Sie wurde eigens und ausschließlich für reine Elektroautos entwickelt und ist, wie Bell betonte, auch alleiniges geistiges Eigentum von Volvo – nicht dass jemand auf die Idee kommt, die Konstruktion sei Volvo-Eigner Geely aus China zu verdanken. Was aber nicht heißen soll, dass auch Polestar, Zeekr oder Lotus in Zukunft nicht auf die Plattform zugreifen können.
Megacasting-Verfahren und eingeklebte Batteriemodule
Das Besondere daran ist, dass der Hinterbau des Volvo erstmals im sogenannten Megacasting-Verfahren herstellt wird. Nicht aus über 100 Aluminium-Strängen, sondern in einem Guss in einer riesigen, von Roboter gesteuerten Maschine. Gut 30 Prozent der Kosten sollen sich auf diese Weise einsparen lassen – und etwa 20 Prozent des Gewichts gegenüber konventioneller Bauweise. Die Batteriemodule werden anschließend im „Cell-to-body“-Verfahren direkt in die Struktur eingeklebt, was für eine hohe Steifigkeit der Karosserie sorgt sowie für zusätzliche Gewichts- und Kostenvorteile.
Und damit nicht genug. Obendrein ist der EX60 das erste Software-defined Vehicle von Volvo. Es kommt mit einem Core-Computer sowie zwei zonalen Hochleistungsrechnern aus, die sowohl den Antrieb wie auch das Infotainment-System und das Thermomanagent steuern. Hochleistungs-Chips von Qualcomm und neueste Nvidia-Software sollen dafür sorgen, dass alle Befehle im Bruchteil von Sekunden umgesetzt werden – und sich die Probleme bei der Markteinführung des EX90 beim EX60 nicht wiederholen.

Den Offroad-Charakter betont die Cross Country-Variante des Volvo EX60, den es zum Jahresende ausschließlich mit Allradantrieb gibt.
Michael Fleiss, der deutsche Chefstratege und Product Officer von Volvo, ist sich jedenfalls „absolut sicher“, dass das System von Anfang an problemlos und zuverlässig funktionieren wird. Denn die Probleme beim EX90 seien inzwischen restlos gelöst, versichert er. Mit zwei Jahren Verspätung habe man deshalb auch jetzt grünes Licht für den Start der Produktion des EX60 geben können.
Angebot in sieben Versionen
Volvo bietet den neuen „Game Changer“ zunächst nur in zwei Versionen an, als EX60 P6 mit Heckantrieb und als EX60 P10 Plus mit Allradantrieb und mit 375 kW (510 PS) Spitzenleistung. Letzterer zu einem Basispreis von 65.990 Euro. Das 500 kW oder 680 PS starke Topmodell EX60 AWD P12 mit Brutto 117 kWh großem Akku (und den genannten 810 Kilometer Reichweite) kommt erst im Herbst in den Handel, zu Preisen dann ab 71.990 Euro.
Kurz danach, also mit Beginn des Winters werden in den Showräumen auch die beiden Cross-Country-Versionen des EX60 zu sehen sein, mit breiterer Spur, Allradantrieb und einem um 20 Millimeter höheren Luft-Fahrwerk zu Preisen ab 68.990 Euro. Käufer in Schweden lockt Volvo mit der Übernahme der Stromkosten beim Laden daheim in den ersten drei Jahren. Zu wünschen wäre, dass Volvo Deutschland dieses Angebot übernimmt. Das könnte das Spiel tatsächlich verändern.