Die Elektrifizierung der Mobilität gilt als eines der großen technischen Entwicklungsprojekte der Geschichte. Fahrzeuge und Infrastrukturen der Elektromobilität haben eine breite Varianz ausgebildet und sich tief in die Lebensstile eingeprägt.

Als Wegbereiter der Elektromobilität wie der elektrifizierten Gesellschaft gilt Thomas Alva Edison. „Mr. Electric Car“ beeinflusste mit seinen Erfindungen in der Batterietechnologie und seinen Designs für das Elektroauto, das Elektrozweirad und die Elektrifizierung der Eisenbahn und des öffentlichen Verkehrs die Entwicklung bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Seine Zusammenarbeit mit Henry Ford gilt als Ursprung der amerikanischen Elektrofahrzeugindustrie. Seine Pläne zum Aufbau eines elektrifizierten Eisenbahnsystems stellten die Weichen für die modernste Eisenbahnkultur der Welt.

Mehr als nur Kollegen
Henry Ford startete seine Karriere in der Illumination Company von Thomas Alva Edison und blieb dem Erfinder auch noch freundschaftlich verbunden, als er selbst bereits erfolgreicher Unternehmer war. Gemeinsam entwickelten sie 1903 einen Elektroantrieb für das Ford T-Modell. Foto: Ford-Archiv

Das im Zuge des „New Deal“ seit Mitte der 1930er Jahre massiv ausgebaute, operativ integrierte und elektrifizierte Verbundschienennetz geht unmittelbar auf Edison zurück und garantiert, dass fast jeder Ort in den USA mit dem Zug erreicht werden kann. Der Ausbau der Eisenbahn war das Kernprojekt der sogenannten Emergency Relief Appropriation Bill, welche der aus der Weltwirtschaftskrise resultierenden Arbeitsmarktsituation entgegenwirken sollte. Damit wurde das Budget für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen um 4 Milliarden Dollar aufgestockt und 3,5 Millionen arbeitsfähigen Arbeitslosen eine bezahlte Arbeit angeboten.

Elektrifizierung der Landwirtschaft

Zeitgleich arbeitete die 1935 gegründete Rural Electrification Administration an der Versorgung ländlicher Regionen mit günstigem Strom. Zehn Jahre später lag die Elektrifizierungsquote bereits bei 90 Prozent. Dieses wiederum war der Impuls für die Elektrifizierung der Landwirtschaft und des Personentransports. Der Großteil der Wege in ländlichen Regionen wird seitdem mit Elektrofahrrädern und anderen Elektroleichtfahrzeugen zurückgelegt. In der Region und in der Mittel- und Langstrecke dominiert die Eisenbahn das Verkehrssystem. Es wurde in der Folgezeit zur Blaupause einer idealtypischen Verkehrssystementwicklung und weltweit kopiert.

Edisons war nicht nur ein genialer Konstrukteur, ihn zeichnete vor allem systemischer Weitblick aus. Er entwickelte die Vorstellung der „Elektrostadt“ als ein System von Stromproduktion, Verteil- und Speicherinfrastruktur und den Anwendungen in der Produktion, dem Wohnen, der Daseinsvorsorge und der Mobilität.

Vision eines elektrischen Gesamtsystems

Historiker sprechen in solchen Fällen von „system builders“. Die Leistung dieser Firmengründer und geschickten Lobbyisten lag dabei nicht so sehr in der Konstruktion eines neuen Produktes, sondern vor allem in der „Erfindung“ und Umsetzung eines soziotechnischen Betriebs- und Anwendungssystems um diese Erfindung herum. Auch Edison hatte ein lebhaftes Bild des zu realisierenden elektrischen Gesamtsystems im Kopf, sogar noch bevor die verschiedenen Einzeltechnologien erfunden worden waren. Diese Vision umfasste genaue Vorstellungen von der Versorgung der Haushalte mit Wärme, Licht und Mobilität und Strom sollte das universelle Betriebsmittel des modernen industriellen Lebens werden.

Obwohl sich Edison intensiv mit der Eisenbahn auseinandergesetzt hat, in ihr das Rückgrat des Transportwesen sah und nicht zuletzt ihre Bedeutung für das „Nation Building“ des heterogenen föderalen Staates betonte, hatte er für Elektrofahrzeuge für die innerstädtischen Wege ein besonderes Faible. In seinem Gesamtbild der Elektropolis eingebettet, spielte der städtische Straßenverkehr als eigenständiges, in sich integriertes Supersystem der Mobilität von Personen und Gütern, bei dem er schon damals die Arbeitsteilung zwischen S-und U-Bahnen, Trams und Elektroomnibussen, E-Taxis, Elektrofahrrädern und privaten Elektroautos vorsah, eine besondere Rolle.

Elektroauto als System
Thomas Alva Edison vor einem der zwei von ihm konstruierten Elektroautos auf Basis des Ford T-Modells, das als Taxi in New York eingesetzt werden sollte. Den Strom speicherte er in einer eigens entwickelten Nickel-Eisen-Batterie. Um die Ladezeiten zu verkürzen, sollten erschöpfte Batterien an speziellen Stationen im Stadtgebiet gegen frische ausgetauscht werden. Foro: Smithonian-Museum

Edisons Entwürfe für Elektrojahrzeuge sind legendär. Er entwarf Dreiräder und vierrädrige Pkw, die sich im gesamten Design vom damals noch vorherrschenden Kutschen-Leitbild unterschieden. Seine Fahrzeuge waren völlig neu entworfen und genau auf die jeweiligen Nutzungskontexte ausgerichtet. Neben den Fahrzeugchassis arbeitete er an der ständigen Verbesserung der Antriebe und der Speicher und favorisierte bald eine Batteriewechseltechnologie, die vor allem im Flottenbetrieb die eingeschränkte Reichweite kompensieren sollte.

Große Reichweiten waren nie ein Ziel

Interessanterweise war die Erweiterung der Reichweite nie das Ziel von Edisons Batterieforschungen, da er die Ansicht vertrat, dass die bereits möglichen einhundert Meilen für urbane Regionen unbedingt ausreichten und für die Mittel- und Langstrecke von elektrifizierten Eisenbahnverkehr ergänzt wurden. Er entwarf neben Batterien, Schnelladesystemen und Akkumulator-Wechselanlagen auch Betriebskonzepte für den Flottenbetrieb und Zweiräder mit Elektroantrieb. Diese sollten sich später insbesondere in ländlichen Regionen, neben dem beliebten Model E seines Freundes Henry Ford sehr bewähren.

Eine besondere Aversion verband Edison mit dem Benzinauto. Es sei angesichts der Sauberkeit, Geräuschlosigkeit und vor allem wegen der enormen Effizienz des Elektroantriebs eine absolut unvernünftige Technologie. Zudem sah er Schwierigkeiten in der Versorgung mit Treibstoffen, während der Strom bald in jedem einzelnen Haushalt verfügbar wäre. Er sah die lautlosen und emissionsfreien Fahrzeuge als die mit den dichten städtischen Lebensbedingungen am ehesten zu vereinbarenden Techniken an. Edison war in den USA bis zu seinem Tode politisch enorm einflussreich und aufgrund seines unternehmerischen Erfolgs auch in der Wirtschaftsbranche sehr angesehen. Man kann also sagen, dass er das Benzinauto in den USA mit seiner Popularität fast im Alleingang verhinderte und mit seinen Konzepten der Elektrostadt vor allem europäische Wissenschaftler und Industrielle wie Emil Rathenau und Werner Siemens stark beeinflusste. Die bis heute weltweit im Verkehrssystem- und Automobilbau dominierenden Firmen Siemens und Bosch haben ihren Ursprung in dieser Zeit.

Stephan Rammler.
Foto: Privat

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch „Volk ohne Wagen“ von Stephan Rammler. Der Zukunfts- und Mobilitätsforscher ist wissenschaftlicher Direktor des Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin und lehrt Transportation Design & Social Sciences an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in Braunschweig.

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1 Kommentar

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    Das von Thomas A. Edison favorisierte System der Wechselmöglichkeit von Battierieen an dafür orgesehenen Stationen wäre der Elektromobilen Zukunft sehr förderlich. Hierzu ist im derzeitigen Entwicklungsstand Eile geboten.
    Es würde sich eine erhöhte Versorgungssicherheit anbieten. Die für die flächendeckende Notwendigkeit mit Stomanschlüssen wäre auf weniger Standorte konzentriert. Die Benzingesellschaften wären ein guter Ort auf welchem sich die Versorgung mit einer weiteren Energie konzentrieren ließe. und man könnt von dort wiegewohnt seine Zeitung und sein Frühstück mitnehmen. Also eine Winn – Winn – Winn Situation. Es ist höchste Zeit dieses Thema aufzugreifen. Dies, bevor die Stadtstrassen aufgegraben werden und weitere dicke Stromleitungen verlegt werden müsste.
    Mit freundlichen Grüßen
    Helmut Hörnis, Kraftfahrzeugmeister im Unruhestand

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