16.919 Jobs als Kraftfahrer hat Bundesagentur für Arbeit aktuell (19. September) ausgeschrieben, die meisten davon in Vollzeit. Geschlecht und Herkunft der Interessenten sind egal, anfangen können Bewerber sofort. Nötig ist in der Regel nur ein Führerschein der Klassen C1 (für kleinere Lkw und Transporter mit einer Gesamtmasse von bis zu 7,5 Tonnen) oder CE (für schwere Lkw), manchen Arbeitgebern würde auch ein einfacher Pkw-Führerschein der Klasse B genügen – Hauptsache, die Waren können ausgeliefert, Transporte etwa dringend benötigter Ersatzteile zügig und zuverlässig erledigt werden.
Und die Nachfrage nach „Fahrpersonal“ ist enorm. Um den Bedarf zu decken, bräuchte es derzeit allein in Deutschland 100.000 Berufskraftfahrer schätzt der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). Nicht nur, weil die Zahl der Transporte aufgrund der wachsenden Zahl Bestellungen im Internet wächst, sondern auch, weil viele der heutige noch aktiven Fahrer vor der Altersgrenze stehen und bald in Rente gehen. Was also tun? Die Anhebung der Löhne und die Absenkung der Anforderungen hat die Not im Transportgewerbe bislang nicht lindern können.

Wo kein Mensch verfügbar, muss die Technik aushelfen: Der Discounter Lidl wird als erster deutscher Lebensmitteleinzelhändler schon in Kürze die Belieferung seiner Filialen mit autonom fahrenden Lkw testen, gab das zur Schwarz-Gruppe zählende Unternehmen auf der IAA Transportation in Hannover bekannt. Eine Genehmigung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) liege bereits vor.
Freighliner Cascadia fährt bereits vollautonom durch Texas
In einem viermonatigen Pilotbetrieb soll ein fahrerloser „Pod“ des schwedischen Startup Einride bis zu drei Fahrten pro Tag zwischen dem Lidl-Warenverteilzentrum Edermünde bei Kassel und einer nahegelegenen Filiale erledigen. Läuft der Pilottest erfolgreich, könnte ab 2027 der sukzessive Ausbau zu einem „Milkrun“-Modell mit mehreren Stopps an verschiedenen Standorten erfolgen. Das Logistik-Netzwerk des Discounters bietet dazu optimale Voraussetzungen: Lidl bietet in Deutschland mit 39 Verwaltungs- und Warenverteilzentren sowie über 3.250 Filialen eine perfekte Basis für spätere Skalierungen im regulären Betrieb von vollautonomen „Robo-Trucks“.

Auf Routen zwischen Logistikzentren in Laredo und Dallas testet Daimler Truck seit geraumer Zeit einen Freightliner Cascadia, den die Spezialisten der US-Tochter Torc Robotis für das vollautonome Fahren fit gemacht haben. Foto: Daimler Truck
Auch Daimler Truck bereitet für Ende dieses Jahres erste reguläre Transporte ohne Sicherheitsfahrer im Fahrerhaus auf öffentlichen Straßen vor – zusammen mit der US-Tochter Torc Robotics und auf der technischen Basis des neuen Freightliner Cascadia. Tests auf einer Route in Texas zwischen zwei Logistikzentren in Laredo und Dallas laufen bereits. Ab 2028 werde das System skaliert werden und Daimler Truck ein zusätzliches Umsatzpotenzial in Milliardenhöhe eröffnen, berichtete Vorstandschefin Karin Rådström auf der Messe in Hannover.
Moia-Prototyp eines autonom fahrenden Lieferwagens
Eine Nummer kleiner, aber mindestens genauso Potenzial hat das Einsatzszenario „Autonomous Delivery“, das Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) auf der IAA Transportation präsentierte. Der gemeinsam mit der VW-Tochter Moia und dem israelischen Technologiepartner Mobileye entwickelte ID. Buzz AD für den Personentransport hat im Juli in Hamburg als Robotaxi den Probebetrieb aufgenommen. Im kommenden Jahr soll der Ridepooling-Dienst auf dem Gebiet der Hansestadt nach bisheriger Planung kräftig ausgebaut werden.

Ist der Lieferwagen angekommen, muss der Kunde seine Ware selbst am Wagen abholen – einen Fahrer gibt es nicht. Die Tür öffnet der Besteller mit einer Smartphone-App, wie Moia-Stratege Lukas Haupt demonstriert. Foto: Uli Sonntag für VWN
Paralell dazu bereiten die Experten von Moia auch eine Nutzung des ID.Buzz AD in einer smarten Cargo-Version vor: Fahrerlos könnte der elektrische Kleinbus in Zukunft im Postdienst verkehren, Lebensmittel und Medikamente ausliefern – oder Ersatzteile auf der sogenannten „Letzten Meile“ zu Werkstätten bringen. Auf der IAA Transportation zeigte Volkswagen einen fahrfertigen Prototypen mit einem automatisiertem Locker-Box-Ausbau von Bott – als eine Art rollende Paketstation.
ID.Buzz Cargo AD als rollende Paketstation
Über eine Smartphone-App wird die Ware bestellt, die Lieferung verfolgt. Und sobald das Fahrzeug am Ziel – der Wohn- oder Geschäftsadresse – angekommen ist, erhält der Kunde eine SMS mit der Aufforderung, die Bestellung am Fahrzeug möglichst schnell abzuholen. „Wir können ja nicht immer direkt vor die Haustür fahren und müssen in der Stadt auch schon einmal in der zweiten Reihe parken“, erklärt Moia-Projektleiter Lukas Haupt das Konzept. Steht der Kunde dann vor dem Fahrzeug, öffnet der ID.Buzz die Seitentür und holt nach Einscannen eines RFID-Codes die Box mit der bestellten Ware aus dem automatisch aus dem diebstahlgesicherten Laderaum.

Das „Self-Driving-System“ von Mobileye für den Elektro-Transporter besteht aus 27 Komponenten. Beim Prototypen des autonom fahrenden Lieferwagens kommt ein Locker-Box-Ausbau von Bott, der eine automatisierte Entnahme der Lieferung ermöglicht.
„Mit dem ID. Buzz Cargo AD“, wirbt Volkswagen, „erweitert VWN den Blick auf „Transport as a Service“ (TaaS), etwa für urbane Lieferungen, Ersatzteillogistik oder Lebensmitteltransporte. Im Mittelpunkt stehen Zuverlässigkeit, Skalierbarkeit und Verfügbarkeit. Die Lösung kann dazu beitragen, Herausforderungen wie Fahrermangel, steigende Betriebskosten und die wachsende Nachfrage nach urbanen Lieferdiensten zu adressieren.“ Mal schauen, ob es das Konzept auch in den Alltag schafft: Aktuell sucht der Volkswagen-Konzern im Rahmen seines Sanierungsprogramms nach einem Investor für seine Robotaxi-Sparte Moia – bislang allerdings erfolglos.