Desertec sollte Europa mit sauberem Strom aus Wind und Sonne versorgen. 2009 startete die Initiative, doch die Schwierigkeiten und Kosten erschienen zu hoch. Die deutsche Industrie dachte damals daran, rund 400 Milliarden Euro vor allem in Solar- und Windkraftwerke in Nordafrika zu investieren. Doch politische Instabilität etwa in Libyen, ausgelöst durch konzertierte Angriffe amerikanischer, britischer und französischer Kampfflugzeuge, sowie die damals noch hohen Kosten für Wind- und Solarstrom verunsicherten das Investorenkortium der „Desertec Industrial Initiative (DII) bald. 2014 wurde das „Apollo-Projekt des 21. Jahrhunderts“, wie es der damalige Siemens-Chef Peter Löscher nannte, beendet und die DII aufgelöst. Übrig blieb nur eine kleine Beratung mit Sitz in Dubai.

Jetzt lebt die Idee wieder auf. Gleich zwei gigantische Projekte rollen derzeit an, um Strom aus Wüstengebieten zu Verbrauchern in weit entfernten Ländern zu transportieren.

Strom aus Australien für Singapur

Australien will künftig bis zu 20 Prozent des Stroms, der in Singapur verbraucht wird, über 4200 Kilometer lange Unterwasserkabel liefern. Und Marokko wird Großbritannien mit einem fast ebenso langen Unterwasserkabel an einen neuen Wind- und Solarpark im Süden des nordafrikanischen Landes anschließen. In beiden Fällen sorgen gigantische Puffer-Batterien dafür, dass der Stromfluss durch Dunkelheit, Wolken oder Flaute nicht unterbrochen wird.

Solarmodule in Australien
Das klappt schon mal
Mithilfe der sogenannten „Maverick“-Technik des australischen Unternehmens 5B sind größe Solarparks schnell realisiert: Die Solarmoduke sind vorkonfektioniert und brauchen am Bestimmungsort lediglich aufgeklappt zu werden. Foto: 5B

Während die Desertec-Denker den Sonnen- und Windstrom aus der Wüste über tiefgekühlte Supraleiter gen Norden transportieren wollten (eine Technik, die heute zwar eingesetzt wird, aber noch längst kein industrieller Standard ist), setzen die jetzigen Macher auf ein etabliertes Verfahren: Die Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ). Die ersten Anlagen dieser Art entstanden schon Ende des 19. Jahrhunderts in Italien und der Schweiz. Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich die Technik. Deutschland beispielsweise ist seit Ende 2020 über eine 623 Kilometer lange HGÜ-Verbindung – die sogenannte „Nordlink“ an das norwegische Stromnetz angeschlossen, vor allem, um hierzulande Stromlücken zu stopfen, die Wind- und Solarkraftwerke auf Grund des Wetters reißen.

Strom aus Marokko für Großbritannien

In der marokkanischen Provinz Guelmim Oued Noun errichtet das britische Unternehmen Xlinks dazu auf einer Fläche von 1500 Quadratkilometern Fotovoltaikanlagen sowie einen Windpark. Zusammen erreichen beide Anlagen eine Spitzenleistung von 10,5 Gigawatt (GW) – das entspricht mehr als der Leistung von sechs der weltgrößten Kernkraftwerke. Davon kommen in Großbritannien allerdings nur 3,5 GW an. Das liegt an den hohen Übertragungsverlusten. Die sind bei Nutzung der HGÜ-Technik nicht gering.

NordLink Heute ist das Seekabel NordLink freigegeben worden. Es verbindet Deutschland mit Norwegen und soll dem Austausch erneuerbarer Energien dienen. Energiewende

Ein Teil des erzeugten Stroms wird in Marokko für die eigene Bevölkerung abgezwackt. Ein weiterer Teil wird genutzt, um einen gigantischen Batteriepark mit einer Speicherkapazität von 20 GWh zu füllen. Aus dem soll Strom ins Fernkabel nach Großbritannien eingespeist werden, wenn keine Sonne scheint oder über der Wüste Marokko kein Lüftchen weht.

HGÜ-Leitungen über Tausende von Kilometern

Trotz der gigantischen Investitionen in das Morocco-UK Power Project, wie das ehrgeizige Vorhaben mit einem Investitionsvolumen von rund 25 Milliarden Euro heißt, wird sich die Sache wohl lohnen. Wind- und Solarstrom lassen sich in Nordafrika besonders kostengünstig produzieren. Das liegt nicht nur daran, dass Windgeneratoren und Solarzellen immer billiger werden, sondern vor allem an den stetigen starken Winden in der Region sowie der hohen Sonneneinstrahlung: Sie ist doppelt so hoch wie in Mitteleuropa und noch 20 Mal intensiver als in schon sonnenverwöhnten Regionen Spaniens. Dazu kommt, dass die Zahl der Sonnenstunden pro Tag selbst im Winter noch bei mehr als zehn liegt. Und Wolken ziehen dort eher selten auf.

Die Spannung des Stroms, den die Wind- und Solaranlagen liefern, wird zunächst erhöht, vielleicht auf 800.000 Volt. Anschließend wandeln leistungselektronische Gleichrichter ihn in Gleichstrom um. Der wird anschließend auf die Reise in die Grafschaft Devon im Südwesten Englands geschickt, dort wieder in Drehstrom umgewandelt und mit angepasster Spannung ins dortige Stromnetz eingespeist. Großbritannien ist bereits per HGÜ mit Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Norwegen verbunden. Eine Leitung von Wilhelmshaven zum Umspannwerk Isle of Grain im Südosten Großbritanniens ist geplant.

Der Ökostrom aus Marokko, der ab 2030 fließen soll, wird die britische Bilanz weiter verbessern. Schon heute produziert das Land mehr als 50 Prozent seines Stroms ohne Kohlenstoffdioxid-Emissionen. Mit zwei in Bau befindlichen Kernkraftwerksblöcken in Hinkley Point kommt Großbritannien den eigenen Klimazielen näher. Die Inbetriebnahme der neuen Kernkraftwerke soll 2026 beginnen.

Batteriepuffer mit 42 GWh Kapazität

Sun Cable, ein in Australien gegründetes und in Singapur ansässiges Unternehmen, das Solarstrom aus sonnenreichen Regionen auf dem Fünften Kntinent per HGÜ-Verbindung im großen Stil exportieren will, beginnt im Jahr 2022/23 mit dem Projekt „Australia-Asia PowerLink“. Als erstes wird in der nordaustralischen Küstenstadt Darwin eine Fabrik zur Herstellung von Fotovoltaikanlagen in Betrieb gehen.

Lange Leitung
Die Stromübertragung per Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ) und Unterwasserkabel ist bewährte Technik. Auch der 500 Kilometer lange „NordLink“ zwischen Norwegen und Deutschland wurde damit im vergangenen Jahr realisiert. Foto: Tennet

Eingesetzt wird dort die so genannte „Maverick“-Technik des australischen Unternehmens 5B. Die Module werden bereits in der Fabrik verkabelt und lassen sich am Montageort einfach aufklappen und montieren. Das geschieht auf einer Fläche von 120 Quadratkilometern in der Nähe des Dörfchens Elliott. Insgesamt soll eine Leistung von 17 bis 20 Gigawatt aufgebaut werden. Eine Batterie mit einer Kapazität von 36 bis 42 GWh dient hier als Puffer.

Erste Stromlieferungen 2026

Über eine rund 800 Kilometer lange HGÜ-Verbindung gelangt der Strom nach Darwin. Ein Teil davon wird gleich dort verbraucht, der Rest – 3,2 GW – fließt ebenfalls durch ein HGÜ-Kabel, das sich im Meer zwischen den indonesischen Inseln hindurchschlängelt, 4200 Kilometer weit bis nach Singapur. Auch hier ist eine Puffer-Batterie mit einer allerdings weitaus geringeren Speicherkapazität vorgesehen.

Das australische Unternehmen Guardian Geomatichat bereits mit der Vermessung der Unterwassertrasse für das Kabel begonnen. 2026 soll der erste Strom aus Australien nach Singapur fließen. Bisher deckt der Stadtstaat seinen Bedarf zu 95 Prozent mit Erdgaskraftwerken. Das Land will seine Klimaverpflichtungen allerdings erfüllen, doch in dem dicht besiedelten Stadtstaat fehlt es an Flächen für den Aufbau von erneuerbaren Energien. Solarfassaden und kleine Windräder auf Dächern wären nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

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1 Kommentar

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    Griechenland, Italien, Spanien, Portugal. die könnten auch „etwas“ Einnahmen gebrauchen. Würden auch einen größeren Teil des Sonnen-Tages abdecken und wären am Kontinent.

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