Die Zukunft des Automobils findet nicht mehr nur auf der Straße statt, sondern zunehmend auf Bildschirmen und in der virtuellen Welt. Geht es nach dem französischen Autozulieferer Valeo, wird der Fahrzeuginnenraum künftig zum „Third Living Space“ – dem dritten Lebensraum neben dem eigenen Zuhause und dem Büro. Auf einem Webinar zeigte das Unternehmen, wie stark das Software Defined Vehicle (SDV) den Endnutzer in den Mittelpunkt rückt. Der Innenraum soll zu einem „Kokon“ werden, einem sicheren Rückzugsort, der Komfort, Arbeit und interaktiven Spaß vereint. Das von Valeo entwickelte „Panoramic-Vision“-System, das die digitale Hyper-Personalisierung des Info-Angebots im Auto auf ein neues Level hebt, sei dabei erst der Anfang.
Gamification: Wenn Realität und Virtualität verschmelzen
Das große Stichwort für diese neue Ära lautet Gamification. Valeo verwandelt das Auto in eine Plattform für Extended Reality (XR). Alexander Mühlbauer, Director für Research & Innovation bei Valeo, demonstrierte eindrucksvoll, wie reale und virtuelle Welt in Zukunft miteinander verschmelzen. Anstatt als Beifahrer einfach nur passiv auf einen Extra-Bildschirm zu blicken, nutzen neue Videospiele wie das gezeigte „R:Racing“ die Sensoren, Fahrerassistenzsysteme (ADAS) und Kameras des Autos. Die tatsächliche Umgebung und der Live-Videostream der Außenkameras werden in Echtzeit und bewegungssynchron als Augmented-Reality-Hintergrund in das Spielgeschehen eingebunden. Das Auto selbst liefert die dynamischen Daten, während das Smartphone kurzerhand zum Controller wird.
Überwachung mit positiver Absicht
Natürlich dient dieser gigantische technologische Aufwand offiziell einem höheren Zweck. Die Basis für das rollende Unterhaltungsangebot ist ein umfassendes Sicherheitskonzept, das Valeo „Interior Cocoon“ nennt. Die Innenraum-Sensorik entwickelt sich von einer reinen Fahrerüberwachung – etwa zur Erkennung von Ablenkung oder gefährlicher Müdigkeit – hin zu einem ganzheitlichen Monitoring für alle Insassen.
Die Kamera- und Radarsysteme überwachen Vitalfunktionen, erkennen per Kamera und Radar exakt, wer auf welchem Platz sitzt, und schlagen sofort Alarm, wenn beispielsweise ein Kleinkind im Auto zurückgelassen werden sollte. Letztlich geschieht all diese Überwachung mit einer durchweg positiven Absicht: Die Sicherheit und der Fahrkomfort sollen für alle Passagiere maximiert werden.
Die wahre Währung: Neue Einnahmequellen für die Autoindustrie
Doch am Ende des Tages geht es nicht nur um Spielspaß und hehre Sicherheitsziele, sondern um ein knallhartes Geschäftsmodell. Die Automobilindustrie sucht händeringend nach Wegen, um die gewaltigen Kosten der Digitalisierung zu refinanzieren. Digitale Dienste und neue „In-Car-Experiences“ bieten laut Valeo eine beispiellose Gelegenheit für die Hersteller. Allein dieser Markt soll bis zum Jahr 2025 ein Volumen von rund 10 Milliarden US-Dollar erreichen. Durch App-Stores, personalisierte Inhalte und kontinuierliche Software-Updates erhoffen sich die Autobauer eine sogenannte „Post-SOP“ Umsatzskalierung.
Das bedeutet: Auch lange nach dem eigentlichen Verkauf sollen durch die Fahrzeuge noch sprudelnde Einnahmen über den gesamten Lebenszyklus hinweg generiert werden. Das Auto wird Teil unseres Lebens und Unterhaltungsangebots – und öffnet der Industrie dabei die Tür zu äußerst lukrativen, neuen Einnahmequellen.