Lange Zeit galt in der Energiewirtschaft eine eiserne Regel: Wenn die Sonne untergeht und der Fernseher angeht, muss Gas einspringen. Doch diese Gewissheit bröckelt. Das Jahr 2025 markierte einen historischen „Inflection Point“ – einen Wendepunkt, an dem die Theorie zur Praxis wurde.

Aktuelle Daten des norwegischen Analysehauses Rystad Energy belegen, dass die weltweit installierte Kapazität an Batteriespeichern (BESS) die Marke von 250 Gigawatt (GW) durchbrochen hat. Damit haben die chemischen Speicher erstmals die klassischen Pumpspeicherkraftwerke überholt, die jahrzehntelang das Rückgrat der globalen Energiespeicherung bildeten. Allein im vergangenen Jahr wurden über 100 GW neu installiert – eine Verdreifachung gegenüber 2023.

Der „Duck Curve“-Effekt: Wenn Mittagsstrom wertlos wird

Der Treiber dieses Booms ist nicht nur der Klimaschutz, sondern knallharte Ökonomie. In Europa und anderen Teilen der Welt wird das Phänomen der sogenannten „Duck Curve“ (Entenkurve) immer extremer. Das bedeutet: Mittags flutet so viel Solarstrom die Netze, dass die Preise in den Keller rauschen – in Ländern wie Spanien, Frankreich oder Deutschland erhielten Solaranlagen 2025 teils weniger als 40 Prozent des durchschnittlichen Marktpreises für ihren Strom.

Speicherstadt Hamm
235 Megawattstunden Strom sollen die Batteriespeicher aufnehmen, die RWE an seinen Kraftwerks-Standorten Hamm (Foto) und Neurath aufbaut. Das Speichersystem umfasst insgesamt 690 Batterieschränke mit je acht Batteriemodulen. Foto: RWE
Speicherstadt Hamm
235 Megawattstunden Strom sollen die Batteriespeicher aufnehmen, die RWE an seinen Kraftwerks-Standorten Hamm (Foto) und Neurath aufbaut. Das Speichersystem umfasst insgesamt 690 Batterieschränke mit je acht Batteriemodulen. Foto: RWE

Abends hingegen, wenn der Bedarf hoch bleibt, aber die Sonne weg ist, schießen die Preise nach oben. Ohne Speicher ist das ein ökonomisches Desaster für Solaranlagenbetreiber – man spricht von „Kannibalisierung“. Batterien lösen dieses Problem, indem sie den wertlosen Mittagsstrom aufsaugen und ihn teuer am Abend verkaufen.

Wachablösung: Batterie schlägt Gas

Doch die Batterien glätten nicht mehr nur Kurven, sie ersetzen zunehmend fossile Kraftwerke.

  • Australien als Vorreiter: Im Bundesstaat Victoria produzierten große Batteriespeicher 2025 erstmals mehr Strom als Gaskraftwerke.
  • Kalifornien: Im April 2025 deckten Batterien dort bereits über 20 Prozent des Strombedarfs am Abend – eine Rolle, die bis 2020 fast ausschließlich Gaskraftwerken gehörte.

Das Argument, Batterien seien zu teuer, gilt dabei kaum noch. In der EU sind die Kosten für schlüsselfertige Großspeicher im Jahr 2025 um rund 10 Prozent auf etwa 215 US-Dollar (ca. 200 Euro) pro Kilowattstunde (kWh) gesunken.

Der Preis ist heiß
Die Kombination aus Solarpark und Batteriespeicher (Solar + BESS) ist in Europa oft schon günstiger als der Bau neuer Gaskraftwerke.

Eine Beispielrechnung verdeutlicht die neue Realität: Strom aus Solar- und Windkraft kostet in der Erzeugung oft unter 5 Cent pro kWh. Die Zwischenspeicherung verteuert diesen Strom bei einem Speicherpreis von ca. 170 Euro/kWh (ein Wert, der für 2026 erwartet wird) um lediglich 4 Cent. In der Summe landet man bei unter 10 Cent. Zum Vergleich: Eine reine Gasturbine (Peaker), die nur zu Spitzenzeiten läuft, produziert Strom für 15,4 Cent bis über 30 Cent pro kWh. Das Fazit: Die Kombination aus Solar und Batterie ist mittlerweile oft die günstigste Option für neue Kraftwerkskapazitäten in Europa.

Der deutsche Sonderweg: Die „Entenkurve“ zwingt zum Handeln

Besonders dramatisch zeigt sich die Entwicklung hierzulande. Deutschland gehört zwar weiterhin zu den führenden Märkten für den Speicherausbau, steht aber vor einer hausgemachten Herausforderung: Die „Duck Curve“ war 2025 so tief wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Das Problem ist die schiere Masse an Solarstrom. In den sonnenreichen Mittagsstunden fällt der Marktwert des Solarstroms ins Bodenlose. Solaranlagen in Deutschland erzielten 2025 im Schnitt weniger als 40 Prozent des üblichen Marktpreises für ihren Strom – ein drastischer Absturz gegenüber den rund 60 Prozent aus dem Vorjahr. Experten warnen bereits: Ohne Speicher sind reine Solarparks hierzulande kaum noch wirtschaftlich zu betreiben.

Europäische Enten-Bäuche und -Hälse
Durchschnittliche Strompreise pro Megawattstunde im Tagesverlauf auf dem Spotmarkt. Grafiken: Rystad Energy
Europäische Enten-Bäuche und -Hälse
Durchschnittliche Strompreise pro Megawattstunde im Tagesverlauf auf dem Spotmarkt. Grafiken: Rystad Energy

Die Batterie wird damit zur Lebensversicherung für die Projektentwickler. Eine Analyse zeigt: Kombiniert man eine deutsche Solaranlage mit einem 2-Stunden-Speicher, springt der erzielte Preis für den Strom von mageren 59 Prozent auf satte 98 Prozent des Marktwertes.

Und noch ein Faktor macht Speicher in der Bundesrepublik attraktiv: Während Nachbarn wie Frankreich oder Skandinavien auf Atom- oder Wasserkraft setzen, bleibt Deutschland länger von fossilen Brennstoffen abhängig. Das sorgt zwar für ein insgesamt höheres Preisniveau als bei den Nachbarn, aber auch für jene Volatilität, die Speicher zum Geldverdienen brauchen. Die Prognose bis 2030: Der durchschnittliche Strompreis wird zwar moderat auf 65 bis 70 Euro je Megawattstunde sinken, doch die Preisausschläge – und damit die Gewinne für Speicherbetreiber – werden heftiger.

Ausblick: Kurze Atempause, dann weiter Vollgas

Während die Kosten weltweit fallen, zeigt sich eine interessante geografische Spaltung. China bleibt der Taktgeber mit Kosten von teils nur 150 Dollar pro kWh, während die USA sich durch Zölle abkoppeln und höhere Preise in Kauf nehmen.

Für 2026 prognostizieren die Experten aus Norwegen eine leichte Abschwächung des Preisverfalls, bedingt durch eine Erholung der Lithiumpreise und sinkende Exportrabatte in China. Dennoch soll der globale Zubau weiter zulegen und 2026 die Marke von 130 GW überschreiten. Die Botschaft für die Energiewende ist klar: Die Zeit der Pilotprojekte ist vorbei. Batterien sind keine Nischentechnologie mehr, sondern übernehmen die Systemverantwortung – und schicken die Gasturbine schrittweise in den Ruhestand.

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