Der deutsche Ladeinfrastrukturmarkt setzt seinen kontinuierlichen Ausbaupfad fort. Während das Gesamtnetz verlässlich zulegt, sind es vor allem die Gleichstrom-Schnellladepunkte (DC und HPC), die als primärer Wachstumsmotor fungieren. Die aktuellen Erhebungen der Datenanalysten von Cirrantic aus München für den EDISON Charging Radar zeigen ein vertrautes, aber wirkungsvolles Bild: Der Markt wächst stabil, die Tarife verharren in einer Phase der Konsolidierung und das Nutzungsverhalten wird im Hochsommer von saisonalen Ferieneffekten geprägt.

Dynamik an den Fernstraßen, Ruhe im AC-Segment

Dass der Markt seinen Reifegrad erreicht hat, spiegelt sich vor allem in der Beständigkeit der Zuwächse wider. Spektakuläres gebe es im Grunde nicht zu vermelden, ordnet Cirrantic-Geschäftsführer Ludwig Hohenlohe die aktuellen Zahlen ein. Man sehe ein anhaltendes Marktwachstum mit einem nach wie vor überproportionalen Zuwachs bei den Schnellladern. Deren durchschnittliche jährliche Wachstumsrate scheine sich bei rund 40 Prozent einzupendeln – ein ausgesprochen starker Wert, der verdeutlicht, wohin das Kapital der Ladeinfrastrukturbetreiber (CPOs) derzeit vorrangig fließt.

Das rechnet sich nicht 
Stadtbewohner hätten gerne an jeder Straßenecke eine öffentliche Ladesäule stehen. Weil der Wechselstrom aber nur sehr langsam fließt und die E-Autos hier relativ lange stehen, ist die Auslastung und damit die Wirtschaftlichkeit der Anlage sehr gering. Foto: E.On
Das rechnet sich nicht
Stadtbewohner hätten gerne an jeder Straßenecke eine öffentliche Ladesäule stehen. Weil der Wechselstrom aber nur sehr langsam fließt und die E-Autos hier relativ lange stehen, ist die Auslastung und damit die Wirtschaftlichkeit der Anlage sehr gering. Foto: E.On

Inzwischen zählt Deutschland bundesweit fast 233.000 registrierte öffentliche Ladepunkte. Das Übergewicht klassischer Wechselstrom-Ladesäulen (AC) im urbanen Raum bleibt mit rund 170.000 Anschlüssen numerisch bestehen, doch der Ausbau verlagert sich zusehends auf leistungsstarke HPC-Standorte. Mit inzwischen mehr als 51.000 Schnellladepunkten jenseits der 50-kW-Marke wächst die Durchsatzkapazität des Gesamtnetzes erheblich schneller als die reine Anzahl der Anschlüsse.

Zweiklassengesellschaft bei der Auslastung

Diese infrastrukturelle Verschiebung spiegelt sich auch unmittelbar in der Auslastung der Stationen wider: Während der Gesamtschnitt bei knapp über 27 Ladevorgängen pro Ladepunkt und Monat verharrt, zeigt sich im Detail eine ausgeprägte Zweiteilung. Leistungsstarke DC- und HPC-Lader erweisen sich mit durchschnittlich mehr als 2,5 Ladevorgängen pro Tag als hochfrequentierte Arbeitspferde des Netzes, während innerstädtische AC-Säulen mit rund 0,6 Ladevorgängen täglich vor allem als langsame Standlader über Nacht oder beim Parken dienen. Das mag erklären, warum die Ladestrompreise an den sogenannten „Schnarchladern“ relativ hoch ist: Aufgrund der geringen Auslastung rechnen sich die AC-Säulen für die Betreiber meist nicht.

Transitverkehr und Stadtflucht: Die saisonale Delle im Juli

Auf der Nutzungsseite bleibt das Aktivitätsniveau mit monatlich über 6,3 Millionen Ladevorgängen und einem satten Plus von mehr als 25 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zwar hoch, im direkten Monatsvergleich vom Juni auf den Juli 2026 zeigt sich jedoch ein leichter Rückgang. Dieser Knick ist allerdings kein Indiz für eine nachlassende Relevanz der Elektromobilität, sondern vielmehr das Resultat saisonaler Verzerrungen.

Ladestrompreise stabilisieren sich
Für eine Kilowattstunde Gleichstrom (DC) zahlen E-Mobilisten derzeit an Schnellladestationen im Schnitt 62 Cent (blaue Linie), an mit Wechselstrom betriebenen öffentlichen Ladepunkten durchschnittlich 57 Cent. Je nach Anbieter können die Preise höher und niedriger ausfallen – Preisvergleiche etwa über die Apps von Moovility oder Ladefuchs lohnen in jedem Fall. Grafik: Cirrantic

Hohenlohe führt diesen leichten Dämpfer vor allem auf zwei Effekte zurück. Zum einen rollen während der Haupturlaubszeit zahlreiche ausländische Transitreisende – etwa aus den Niederlanden oder Skandinavien – über deutsche Autobahnen und steuern bevorzugt das Supercharger-Netz von Tesla an. Da diese Ladevorgänge im regulären Backend-Monitoring des Charging Radars nicht vollständig erfasst werden können, entsteht eine statistische Blindrate. Zum anderen hinterlässt die Urlaubszeit in den Ballungsräumen ihre Spuren: Viele urbane E-Mobilisten lassen ihr Fahrzeug während des Sommerurlaubs stehen oder verreisen mit der Bahn und dem Flugzeug, was die innerstädtischen AC-Ladevorgänge im Juli spürbar abflacht.

Preisstabilität ersetzt die Hektik an der Ladesäule

Entspannung gibt es derweil an der Preisfront. Die Zeiten starker Preissprünge und plötzlicher Preisanpassungen im Wochenrhythmus scheinen endgültig passé. Die Auswertung der Tarife beim Ad-Hoc-Laden (ohne monatliche Grundgebühr) zeigt im Vergleich zur vorherigen Erhebung praktisch unveränderte Durchschnittswerte. Für die Kilowattstunde Wechselstrom (AC) werden an öffentlichen Ladepunkten in Deutschland aktuell im Schnitt 57 Cent aufgerufen, für Gleichstrom an Schnellladesäulen zahlt man im Schnitt fünf Cent mehr.

Auch hier sieht Cirrantic-Geschäftsführer Hohenlohe eine willkommene Marktberuhigung: Die Preise seien im Grunde gleich geblieben, der Markt bewege sich in einer Phase der Stabilisierung statt radikaler Preissenkungen. Im Bundesdurchschnitt verharren die Kilowattstundenpreise sowohl im AC- als auch im DC-Bereich auf einem engen Niveau, wobei sich der Preisabstand zwischen langsamem Wechselstromladen und schnellem Gleichstromladen weiter verringert hat. Für Fahrer von Elektroautos bringt diese Seitwärtsbewegung vor allem Planungssicherheit, auch wenn der erhoffte flächendeckende Preisrutsch bei den Ad-hoc- und Roaming-Tarifen vorerst ausbleibt. Es bleibt vorerst bei kurzzeitigen Rabattaktionen wie die von Electra, Shell Recharge oder Audi Charging in den Ferienzeiten.

Der aktuelle Charging Radar unterstreicht damit die Transformation des Marktes: Das Ladenetz für Elektroautos wächst in der Ladeleistung über sich hinaus, federt saisonale Schwankungen robust ab und bietet Betreibern wie Nutzern ein zunehmend stabiles wirtschaftliches Umfeld. Fahrer von konventionell angetriebenen Fahrzeugen können davon nur noch träumen.

Artikel teilen

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert