Über 209.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte weist das Register der Bundesnetzagentur inzwischen in Deutschland aus. Doch während Politik und Verbände den reinen Zubau an Säulen nach wie vor gerne als primären Erfolgsmaßstab feiern, zeigt die Praxis ein gänzlich anderes Bild: Eine Ladesäule rechnet sich nicht durch ihre bloße Existenz, sondern einzig durch ihren Durchsatz und ihre Auslastung. Der neue „Lademarkt-Report Q3/2026“ des Datenanalyse-Dienstleisters ChargePointRadar liefert dazu erstmals flächendeckende Nutzungsdaten und untermauert eine Kernüberzeugung, die EDISON im Rahmen unseres „Charging Radar“ auf Basis der regelmäßigen Cirrantic-Analysen seit langem vertreten: Reine Quantität verbrennt Kapital – betriebswirtschaftlich tragfähig und sinnvoll werden Investitionen erst dort, wo Ladepunkte hochfrequentiert Strom abgeben.
Der nun von Alex Rupprecht vorgestellte Quartalsreport schließt nahtlos an diese Debatte an. Anstatt nur Melderegister zu zählen, erfasst ChargePointRadar über die AFIR-Schnittstellen der Mobilithek die Live-Statusdaten von mehr als 175.000 Ladepunkten und bildet die reale Nutzung in einer fortlaufenden Statushistorie ab. Das Ergebnis für das dritte Quartal 2026 ist bemerkenswert: Zwar wuchs der Markt auf beachtliche 24,5 Millionen Ladevorgänge an, doch die Unterschiede in der Nutzung sind gewaltig. Während einzelne Schnellladepunkte mehr als zwanzigmal am Tag angefahren werden, wird der durchschnittliche AC-Ladepunkt seltener als einmal täglich genutzt. Genau diese Diskrepanz entscheidet am Ende über Rendite oder Fehlinvestition.

Besonders drastisch zeigt sich diese Schere beim Vergleich der Ladetechnologien. Das Schnellladen (DC) dominiert das Marktgeschehen inzwischen fast vollständig: Obwohl Gleichstrom (DC)-Anschlüsse mit rund 56.700 Einheiten nur knapp ein Drittel der erfassten Infrastruktur stellen, wickeln sie inzwischen 70,9 Prozent aller Ladevorgänge in Deutschland ab. Ein DC-Ladepunkt kam im Quartal im Schnitt auf 305,5 Ladevorgänge, während ein herkömmlicher, mit Wechselstrom( AC) betriebener Ladepunkt lediglich 59,9 Vorgänge verzeichnete. Im Schnitt wird ein Schnelllader damit fünfmal so häufig genutzt wie ein Wechselstrom-Anschluss.
EnBW verzeichnet die meisten Ladevorgänge
Auch der Monatsverlauf unterstreicht unterschiedliche Nutzungsmuster: DC erreichte im reisestarken Ferienmonat August mit 5,9 Millionen Sessions seinen Zenit und sank im September um 4,6 Prozent. Das AC-Laden wuchs dagegen kontinuierlich um insgesamt 17,1 Prozent auf 2,56 Millionen Vorgänge im September, was allerdings auch dem kräftigen Zubau von rund 20.000 neuen AC-Punkten geschuldet ist.

Beim Schnellladen teilen sich die fünf größten Betreiber zusammen 63,0 Prozent des Gesamtvolumens. EnBW führt das Feld mit knapp 4,95 Millionen Ladevorgängen und einem Marktanteil von 28,6 Prozent unangefochten an. Foto: EnBW
Strukturell driften die beiden Segmente ebenfalls massiv auseinander. Während sich der DC-Markt hochgradig konzentriert, ist der AC-Sektor extrem zersplittert. Beim Schnellladen teilen sich die fünf größten Betreiber zusammen 63,0 Prozent des Gesamtvolumens. EnBW führt das Feld mit knapp 4,95 Millionen Ladevorgängen und einem Marktanteil von 28,6 Prozent unangefochten an, gefolgt von Tesla mit 15,2 Prozent, IONITY mit 8,1 Prozent, Aral pulse mit 7,7 Prozent und Shell Recharge mit 3,4 Prozent. EnBW dominiert die Ladevorgänge an DC-Säulen in 15 von 16 Bundesländern – lediglich in Brandenburg liegt Tesla vorn.
Stadtwerke betreiben die meisten „Schnarchlader“
Beim AC-Laden hingegen vereinigen die Top-5-Anbieter gerade einmal 18,2 Prozent des Marktes auf sich. Der größte AC-Betreiber, Hamburger Energiewerke Mobil, kommt bundesweit auf lediglich 4,7 Prozent Marktanteil. In den Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen behaupten lokale Versorger zwar Marktanteile zwischen 47,5 und 71,4 Prozent, in Flächenländern wie Bayern hingegen verteilt sich das Volumen auf so viele Akteure, dass selbst der dortige Marktführer N-ERGIE nur auf 7,8 Prozent kommt.

Dass ein riesiges Säulennetz keineswegs automatisch die beste Wirtschaftlichkeit garantiert, verdeutlicht die Kennzahl der Ladevorgänge je aktivem Ladepunkt. Im DC-Bereich führt IONITY mit durchschnittlich 894,1 Ladevorgängen pro Ladepunkt das Ranking mit weitem Abstand an. Das ist fast das Dreifache des Bundesdurchschnitts von 305,5 Vorgängen. Erst mit deutlichem Abstand folgen Tesla mit 659,5, Fastned mit 526,5 und EnBW mit 513,0 Vorgängen je Ladepunkt. Die Konzentration von IONITY auf reine Schnellladeparks an Hochfrequenz-Achsen zahlt sich offenkundig aus.
AC-Ladesäulen vor dem Discounter rechnen sich
Noch aufschlussreicher ist der Blick auf das AC-Effizienzranking: Hier thronen zwei Handelskonzerne an der Spitze. Kaufland führt die Rangliste mit 232,9 Ladevorgängen je aktivem Ladepunkt an, gefolgt von der Schwesterkette Lidl mit 164,9 Vorgängen. Beide übertreffen den bundesweiten AC-Schnitt von 59,9 Vorgängen um ein Vielfaches und lassen selbst etablierte Energieversorger wie die Berliner Stadtwerke (156,1) oder Hamburger Energiewerke Mobil (151,1) hinter sich. Das Prinzip „Laden beim Einkaufen“ funktioniert betriebswirtschaftlich exzellent, weil Ladeinfrastruktur dort platziert wird, wo Autofahrer ohnehin täglich parken.

Gleichzeitig mahnt die regionale Auswertung zur Vorsicht bei der Interpretation von Kennzahlen. So weist Hamburg mit 21,4 Prozent zwar die bundesweit höchste zeitliche Auslastung auf, kommt aber nur auf 143,7 Ladevorgänge je Ladepunkt. Der Grund liegt im innerstädtischen Parkverhalten: Fahrzeuge stehen oft stundenlang an AC-Säulen, ohne zwingend durchgehend Strom mit hoher Leistung zu beziehen.
Rheinland-Pfalz führt in Effizienzstatistik
Umgekehrt dominieren Flächen- und Transitländer wie Rheinland-Pfalz mit 189,1, Brandenburg mit 174,9 und Mecklenburg-Vorpommern mit 170,7 Ladevorgängen je Ladepunkt die Effizienzstatistik. Hier sorgen kurze Schnellladestopps für einen kontinuierlichen, umsatzstarken Fahrzeugdurchsatz.
Dass der Standort über Sieg oder Niederlage entscheidet, belegen auch die Spitzenstandorte des Reports. Vier der fünf meistgenutzten DC-Ladeparks Deutschlands liegen entlang der Autobahn A7. Den absoluten Spitzenwert bei den Sessions erzielt der Tesla-Supercharger in Bispingen mit 43.140 Ladevorgängen im Quartal. Die höchste Frequenz pro Stecker erreicht jedoch der IONITY-Park Köschinger Forst an der A9: Dort verzeichnet jeder einzelne Ladepunkt im Schnitt 1.952 Ladevorgänge – also rund 21 Ladevorgänge pro Tag und Anschluss.
Zuwachszahlen taugen nicht als Erfolgsmetrik
Wie sensibel dieser Markt reagiert, illustriert ein konkretes Beispiel aus Rüsselsheim: Zwei Standorte desselben Betreibers mit vergleichbarer Technik und nur rund 400 Metern Entfernung verzeichnen zeitliche Auslastungen von 13,3 Prozent am Böllenseeplatz gegenüber gerade einmal 0,35 Prozent an der Berggewann.
Für Betreiber, Investoren und Kommunen liefert der Report eine unmissverständliche Botschaft, die sich mit den langjährigen Erkenntnissen aus unserem Charging Radar deckt: Das bloße Melden neuer Zuwachszahlen bei der Bundesnetzagentur taugt nicht als Erfolgsmetrik. Entscheidend für einen rentablen Betrieb ist eine präzise Standortanalyse, die reale Verkehrsströme, Nutzergewohnheiten und kurze Standzeiten berücksichtigt. Investitionen in Ladesäulen machen nur dort Sinn, wo der Strom auch verlässlich und häufig abgenommen wird.