Der nukleare Ring um Deutschland wird dichter. Jetzt liebäugelt auch Dänemark mit der Kernkraft, von der sich die deutsche Bundesregierung im April 2023 komplett verabschiedet hatte. „Grüne Energie aus Sonne und Wind wird auch in Zukunft das Rückgrat der dänischen Energieversorgung sein, aber wir sehen auch, dass sie allein nicht ausreichen kann“, sagt Lars Aagaard, Minister für Klima, Energie und Versorgung in Kopenhagen. „Deshalb müssen wir offen dafür sein, ob andere Technologien uns in Zukunft mit grüner Energie versorgen können. Kleine modulare Kernreaktoren könnten hier eine Option sein.“

1985, noch vor dem weltweit zweiten großen Reaktorunglück in Tschernobyl, hatte das Parlament des Landes noch beschlossen, auf diese Option zu verzichten. Seitdem ist Windenergie angesagt. Doch die ist wetterabhängig, ebenso wie die Solarenergie, ein weiteres Standbein der Stromversorgung Dänemarks. Deshalb hat im südlichsten der skandinavischen Länder ein Umdenken begonnen. Das Land lässt jetzt prüfen, ob Kernenergie die Probleme des Landes bei der Stromversorgung lösen kann.

Kehrtwende in Sicht?
Anzahl in Betrieb genommener (blau) und abgeschalteter Reaktoren (braun) weltweit. Grafik: World Nuclear Industry Status Report 2025
Kehrtwende in Sicht?
Anzahl in Betrieb genommener (blau) und abgeschalteter Reaktoren (braun) weltweit. Grafik: World Nuclear Industry Status Report 2025

Dänemark bezieht aktuell 59 Prozent seines Stroms aus Onshore- und Offshore-Windparks, 13 Prozent aus Solaranlagen. Weht kein Wind und scheint längere Zeit die Sonne nicht, fehlt dem Land jedoch mehr als die Hälfte des Strombedarfs. Dann kann das Land sich nicht mehr selbst helfen, ist es auf Importe von schwedischem Atomstrom, norwegischem Strom aus Wasserkraft und Energie aus deutschen Kohle- und Gaskraftwerken angewiesen. Das wollen die Dänen jetzt ändern, ohne ihre Klimaziele zu gefährden: Die EU-Kommission hat Kernenergie als klimafreundlich eingestuft und bewertet Investitionen in die Technologie als nachhaltig.

Polen baut bereits

Die Dänen reihen sich damit ein in die breite Phalanx von europäischen Nutzern der Kernenergie. Bald gehört auch Polen dazu. Nordwestlich von Danzig an der Ostseeküste, etwa 250 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, hat im Januar der Bau von drei Kraftwerksblöcken begonnen. 40 Milliarden Dollar sollen die Anlagen des US-Herstellers Westinghouse kosten. Sie werden eine elektrische Spitzenleistung von 3000 Megawatt haben. Der erste Block soll 2033 in Betrieb gehen.

Außerdem hat Polen am 24. Februar mit dem amerikanisch-japanischen Reaktorbauer GE Vernova Hitachi Nuclear Energy einen Vertrag über die Entwicklung eines speziell auf Polen zugeschnittenen Designs eines kleinen Reaktor (SMR) vom Typ BWRX-300 unterzeichnet. „Dieser so genannte generische Entwurf wird eine gemeinsame Standarddokumentation für alle zukünftigen Kraftwerke dieses Typs im Land sein“, so der polnische Energieminister Miłosz Motyka. „Dadurch entfällt die Notwendigkeit, für nachfolgende Investitionen eine vollständige Dokumentation von Grund auf neu zu erstellen, und Änderungen werden auf standortspezifische Elemente beschränkt sein”, und fügte hinzu: „Polen hat das Potenzial, europäischer Marktführer im Bereich der SMR-Technologie zu werden.”

Hoffnungsträger SMR

Unter Deutschlands Nachbarn gehörten die Niederlande lange Zeit zu den skeptischsten Kernkraftnutzern. 2004 sollte die einzige Anlage des Landes nach dem Willen der damaligen Regierung stillgelegt werden. Doch es kam anders. Anfang 2006 beschloss das Land, Borssele, das Kraftwerk in der Nähe von Vlissingen, bis 2034 laufen zu lassen. Und schon gibt es Bestrebungen, die Laufzeit noch weiter zu verlängern, obwohl Borssele jetzt schon 53 Jahre auf dem Buckel hat. Außerdem wollen die Niederlande wenigstens ein neues großes Kernkraftwerk und verschiedene Small Modular Reactors (SMR) bauen lassen. Diese kleinen, modularen Kraftwerke bieten gegenüber den Anlagen klassischer Bauart entscheidende Vorteile für das Energiesystem der Zukunft:

  • Bessere Netzintegration: SMR lassen sich weitaus besser in die heutigen öffentlichen Stromnetze einbauen. Das ist besonders wichtig, da die Netze durch die zunehmende Einspeisung von volatiler Wind- und Solarenergie immer dezentraler werden.
  • Doppelter Nutzen (Strom und Wärme): Neben der elektrischen Leistung können diese Reaktoren auch gezielt Wärme für die Industrie erzeugen.
  • Innovative Konzepte: Neben klassischen Druckwasserreaktoren wird auch an völlig neuen Ansätzen geforscht. Das Pariser Unternehmen Newcleo entwickelt beispielsweise einen bleigekühlten Reaktor, für den in Italien ein Prototyp zur Erprobung der Materialien gebaut wird, die flüssigem Blei standhalten müssen.

Gerade für Länder, die bisher keine großen Nuklear-Nationen waren oder den Ausstieg eigentlich schon beschlossen hatten – wie Dänemark, Norwegen oder Italien –, bieten SMR daher eine attraktive, weil flexiblere Option, um den massiv steigenden Strombedarf zu decken.

Grünes Idyll
So könnte der Small Modular Reactor (SMR) aussehen, den der Technologiekonzern Rolls Royce für Tschechien plant. In zehn Jahren könnte er in Südböhmen in Betrieb gehen und bis zu 470 Megawatt Strom im Jahr für die Industrie im Land – und Abnehmer in Deutschland produzieren. Erbaut wird er möglicherweise vom deutschen Baukonzern Hochtief. Computergrafik: Rolls-Royce Holding

Wie etwa in unserem Nachbarland Belgien. Von einst sechs Kraftwerksblöcken dort sind nur noch die zwei der jüngsten übrig. Deren Laufzeit verlängerte die Regierung übrigens mit Zustimmung der Grünen im Lande bis zum Jahre 2035. Zudem denkt man auch hier darüber nach, neue Kernkraftwerke zu bauen.

Ebenso in der Schweiz. Die dortige Regierung strebt einen Kurswechsel zugunsten der Kernenergie an. Sie will den geltenden Ausstiegsbeschluss kippen, der das Ende der vier Kernkraftwerke mit fünf Blöcken im Jahr 2033 bedeuten würde. Vor allem im Winter muss das Land schon jetzt große Mengen an Strom importieren. Jetzt wird sogar der Bau neuer Kernkraftwerke diskutiert. Immerhin haben die Schweizer im Unterschied zu Deutschland bereits über den Standort für ein Endlager von Atommüll entschieden.

Neue Reaktoren in Südosteuropa

Während Österreich standhaft bleibt und auf Kernenergie weiterhin verzichten will, sieht es bei den Nachbarn Slowenien, Ungarn, Slowakei und Tschechien ganz anders aus. Slowenien bezieht 40 Prozent seines Stroms aus seinem Kernkraftwerk Krško, das 1981 in Betrieb ging. Es soll bis 2043 laufen und durch wenigstens einen Neubau ergänzt werden, um den Kohleausstieg des Landes bis zum Jahre 2033 zu schaffen.

Die Slowakei verfügt über fünf Blöcke russischer Bauart an zwei Standorten. In Mochovce sind drei Blöcke in Betrieb, der vierte, dessen Bau am 27. Januar 1987 begann, ist weitgehend fertiggestellt.

In Tschechien, direkter Nachbar Deutschlands, laufen an zwei Standorten sechs Blöcke russischer Bauart mit einer Leistung von insgesamt 4130 Megawatt. Sie decken fast 40 Prozent des Strombedarfs im Land. Zwei weitere Anlagen sind geplant, wobei noch nicht klar ist, wer sie bauen wird. Außerdem will die Regierung in Prag den „Nuklearpark Südböhmen“ mit mehreren SMR bauen lassen.

Frankreich setzt auf neue kleine Reaktoren

Nukleares Schwergewicht in Europa ist nach wie vor Frankreich. An 47 Standorten wird Atomstrom erzeugt. Zuletzt, im Jahr 2024, ging ein 1600-Megawatt-Reaktor vom Typ EPR (Europäischer Druckwasserreaktor) in Flamanville ans Netz, dessen Kosten und Bauzeit Rekordwerte erreichten. Trotzdem will das Land 14 weitere Anlagen dieser Art als Ersatz für betagte Reaktoren bauen, die stillgelegt werden müssen.

Außerdem soll in den 2030er Jahren der Bau des landesweit ersten Reaktors einer neuen Bauart beginnen, den Nuward entwickelt hat, ein Tochterunternehmen des französischen Stromversorgers Électricité de France (EDF). Er hat eine elektrische Leistung von 400 Megawatt und kann auch Wärme für die Industrie erzeugen. Damit konkurriert er mit dem SMR von Rolls-Royce, der 470 Megawatt haben wird, ebenfalls auch für die Wärmeerzeugung genutzt werden kann und zudem schon Interessenten gefunden hat, die Anlagen bauen lassen will, Tschechien beispielsweise sowie die Niederlande. Die zugehörigen Turbinen soll übrigens Siemens Energy liefern. Ein entsprechender Vertrag wurde Anfang 2025 geschlossen.

Auch in der indirekten Nachbarschaft Deutschlands ist Kernenergie erstmals oder erneut gefragt. Norwegen beispielsweise, ein Paradies für Wasserkraft, plant aktuell gleich eine ganze Reihe von kleinen Kernkraftwerken, um für befürchteten Folgen des Klimawandels sowie den steigenden Strombedarf durch Elektromobilität und vor allem für KI-Rechenzentren gewappnet zu sein. Im Februar 2026 hat die norwegische Regierung dem Unternehmen Norsk Kjernekraft die Genehmigung erteilt, mit einer Umweltverträglichkeitsprüfung zu beginnen, dem ersten Teil des Genehmigungsverfahrens für einen SMR.

Kehrtwende in Italien

Italien, das zwischen 1962 und 1987 insgesamt vier Kernkraftwerke betrieb und am 8. November 1987 das Volk über die nukleare Zukunft des Landes abstimmen ließ, beschloss nach dem negativen Votum, auf Dauer auf Kernenergie zu verzichten. Die Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni denkt aber mittlerweile um. Sie setzt auf SMR, allerdings in großer Zahl. Bis 2050 sollen acht bis 16 Gigawatt installiert werden, die elf bis 22 Prozent des Stromverbrauchs abdecken. Italien hat bereits 75 Millionen Euro in Newcleo investiert. Das Pariser Unternehmen hat einen bleigekühlten Reaktor entwickelt, dessen Prototyp im nächsten Jahr in Italien fertiggestellt werden soll. Er wird allerdings ohne nuklearen Brennstoff arbeiten und keinen Strom erzeugen. Ziel ist es, Materialien zu erproben, die flüssigem Blei standhalten.

Die Türkei steigt mit dem Bau des Kernkraftwerks Akkuyu in die Kernenergie ein. Der erste von vier Kraftwerksblöcken soll noch in diesem Jahr in Betrieb gehen. Die Anlagen werden von Russland finanziert und von Akkuyu Nükleer betrieben, einer Tochtergesellschaft des russischen staatlichen Nuklearkonzerns Rosatom, der die vier Blöcke baut. Das Kernkraftwerk soll, wenn es fertig ist, bis zu zehn Prozent des türkischen Strombedarfs decken und die Abhängigkeit des Landes von fossilen Brennstoffen verringern. Derzeit decken Kohle- und Erdgaskraftwerke noch mehr als 50 Prozent des nationalen Strombedarfs.

Skandinavien schützt Klima mit Atomkraft

In Schweden sind an drei Standorten sechs Reaktorblöcke mit einer installierten Nettoleistung von zusammen 6885 Megawatt in Betrieb. Sieben Blöcke mit rund 4000 Megawatt sind bereits endgültig stillgelegt worden. Deshalb ging der Anteil des Atomstroms von 50 Prozent im Jahr 2004 auf aktuell knapp 30 Prozent zurück. Derzeit wird geprüft, die Blöcke Ringhals 1 und 2 wieder in Betrieb zu nehmen, die 2019 und 2020 stillgelegt wurden. Im November 2023 gab die Regierung bekannt, am Standort Ringhals bis 2035 zwei neue Reaktorblöcke zu errichten, und ebnete den Weg für einen massiven Ausbau der Kernenergie bis 2045 mit etwa zehn zusätzlichen Reaktoren. Der Stromversorger Vattenfall prüft seinerseits den Bau von SMR am Standort Ringhals.

Finnland hat, früher als Frankreich, ebenfalls einen EPR in Betrieb genommen. Das nordische Land nähert sich damit rapide dem Null-Emissions-Ziel in Sachen Stromerzeugung. Das gelingt nicht nur durch den hohen Anteil an Kernenergie, sondern auch durch ein intelligentes Management des Stromverbrauchs, wie wir hier schon berichtet haben. Mit flächendeckend eingesetzten intelligenten Stromzählern und kostengünstigem Strom in Zeiten, in denen die Wind- und Solarkraftwerke des Landes besonders viel Strom  liefern, ist es den Finnen gelungen, praktisch das gesamte Angebot dieses volatilen Stroms zu nutzen – und so die Strompreise deutlich zu senken.

Briten schrecken Kostensteigerungen nicht

Großbritannien nimmt voraussichtlich 2030 den ersten von zwei EPR-Reaktoren des Kraftwerks Hinkley Point C in Betrieb. Trotz astronomisch anmutender Kostensteigerungen will das Land bis 2050 nahezu alle Kernkraftwerke, die heute in Betrieb sind und eine installierte Leistung von knapp sechs Gigawatt haben, stilllegen. Parallel dazu sollen 24 Gigawatt zugebaut werden.

Eine Kernenergie-Großmacht ist die Ukraine. An vier Standorten des Landes sind 15 Reaktorblöcke mit einer Nettoleistung von zusammen 13.107 Megawatt in Betrieb, theoretisch zumindest. Wegen des Kriegs mit Russland sind diverse Anlage heruntergefahren worden. Zwei weitere Blöcke an einem Standort mit einer installierten Nettoleistung von zusammen 2070 Megawatt sind im Bau, der derzeit allerdings aus naheliegenden Gründen allerdings ruht: Die neuen Blöcke des Kernkraftwerks Chmelnizkij sind russischer Bauart.

NuScale wittert Geschäfte in Bulgarien und Rumänien

Das Belene-Projekt im Norden Bulgariens sah den Bau von zwei 1000-Megawatt-Blöcken vom russischem Typ WWER-1000 vor. Die ersten Arbeiten am Standort begannen 2008, wurden aber nie zu Ende gebracht. Die damalige bulgarische Regierung beendete das Projekt im Jahr 2023. Stattdessen gibt es eine bisher noch lose Vereinbarung mit NuScale in Tigard im US-Bundesstaat Oregon zur Lieferung von SMR.

Rumänien betreibt am Standort Cernavodă an der Donau zwei Reaktorblöcke, die etwa ein Fünftel des Stromverbrauchs abdecken. Sie sollen für knapp zwei Milliarden Euro modernisiert werden, damit sie weitere 30 Jahre Strom erzeugen können. Zwei weitere Blöcke am gleichen Standort, deren Bau unterbrochen ist, sollen bis 2031 fertiggestellt werden. Rumänien setzte auf Candu-Reaktoren aus Kanada. Zudem soll NuScale SMR bauen, um Kohlekraftwerke zu ersetzen.

Spanien hält sich raus

Spanien ist das einzige europäische Land, das am Ausstieg aus der Kernenergie festhält. Bis 2035 sollen alle sieben Atomanlagen abgeschaltet sein, die momentan noch gut 20 Prozent des Stroms produzieren. Es ist auch nicht Mitglied der europäischen Nuklearallianz. Diese will bis 2050 die Kernkraftwerksleistung in der Europäischen Union von heute 100 auf 150 Gigawatt ausbauen, um den erwarteten Mehrbedarf an Strom klimafreundlich zu decken. In der Allianz sind Frankreich, Kroatien, die Tschechische Republik, Finnland, Schweden, Rumänien, die Niederlande, die Slowakei, Slowenien, Bulgarien, Dänemark, Ungarn, Italien sowie Großbritannien vertreten. Unterstützt wird sie von der Europäischen Kommission. Auch Deutschland fehlt bislang in diesem Gremium. Lediglich die AfD fordert einen Beitritt. Die CDU betonte auf ihrem jüngsten Bundesparteitag die Bedeutung der Kernenergie für eine klimaneutrale, sichere Energieversorgung – und will nun den Einsatz moderner Reaktoren im Land prüfen lassen.

Ob die Kernenergie auch in Deutschland wieder Rückenwind erhält, dürfte von der Entwicklung des Strombedarfs und den Fortschritten bei der Elektrifizierung abhängen. Also von der Frage, wie schnell die Zahl der zugelassenen Elektroautos und installierten Wärmepumpen steigt und wie rasch die Dekarbonisierung der Industrie vorankommt. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass sich der Stromverbrauch bis 2050 verdoppeln könnte. Mit Wind- und Sonnenkraft allein wird sich der Mehrbedarf nicht decken lassen.

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