Michael Bültmann, Deutschland-Chef von ABB E-mobility, hat beim Besuch auf der IAA Mobility in München und in der täglichen Praxis klare Beobachtungen gesammelt: Die Ladeinfrastruktur für Elektroautos wird allmählich erwachsen, das Angebot an Elektroautos immer größer und attraktiver – doch Politik und Gesellschaft in Deutschland hinken der Entwicklung noch hinterher. Regulatorisch, aber auch intellektuell.

Herr Bültmann, auf der IAA Mobility wurden neue Elektroautos von BMW, Mercedes und auch von chinesischen Autoherstellern gezeigt, die ihre Akkus an Highpower-Chargern mit 400, 500 oder gar 1.200 Kilowatt laden können. Ist das wirklich entscheidend für die Akzeptanz von Elektroautos – so schnell laden wie tanken?
Ich glaube nicht, dass wir  die Elektromobilität entscheidend nach vorne bringen, dass wir – übertrieben gesagt – innerhalb von wenigen Momenten die volle Ladung erreichen. Viel wichtiger ist das Ökosystem: Vehicle-to-Grid, intelligente Ladeparks, Zwischenspeicher. Das ist relevanter, als das Elektroauto drei Sekunden schneller zu laden.

Michael Bültmann 
Der Jurist aus dem Rheinland steht seit Februar 2024 als Geschäftsführer an der Spitze von ABB E-mobility. Zuvor war er beinahe zehn Jahre lang Geschäftsführer des Geodaten-Dienstes HERE, der 2015 von Nokia an Audi, BMW und Mercedes verkauft wurde.
Michael Bültmann
Der Jurist aus dem Rheinland steht seit Februar 2024 als Geschäftsführer an der Spitze von ABB E-mobility in Deutschland. Zuvor war er über neun Jahre Managing Director bei dem Geodaten-Dienst HERE Technologies, wo er für das Deutschlandgeschäft sowie für externe Beziehungen und Corporate Responsibility verantwortlich war. Seine Karriere begann 2001 bei Nokia.

Worauf setzt ABB E-mobility den Schwerpunkt denn dann den Schwerpunkt in der Produktentwicklung?
Auf Zuverlässigkeit, Nutzerfreundlichkeit und Wirtschaftlichkeit. Beispiel: Flotten und schwere Nutzfahrzeugen. Dort liegt das CO₂-Problem, dort sind die größten Verursacher – und die Technik ist da, um hier gegenzusteuern. Die Elektro-Lkw von MAN, Daimler Truck, von Scania oder Volvo haben bereits einen hohen Reifegrad und versprechen große Reichweiten. Wir haben mit MAN und anderen Herstellern auch schon sehr erfolgreiche Tests mit dem Megawatt-Charging-System gemacht. Es ist beeindruckend zu sehen, dass man heute einen Lkw in einer halben Stunde komplett vollladen kann. E-Lkw haben einen etwas höheren Preispunkt, das ist schon klar. Aber wenn Sie die gesamten Kosten betrachten, inklusive Förderung bis hin zum Mautentfall, rechnet sich das für Speditionen durchaus schon heute.

Und die zugehörigen Ladesäulen kommen von ABB E-mobility?

Richtig. Wir helfen beim Aufbau einer intelligenten Ladeinfrastruktur, die sich den Gegebenheiten des Marktes und den Notwendigkeiten anpasst. Im Güterfernverkehr, aber auch im öffentlichen Personen-Nahverkehr mit batterieelektrischen Bussen.

Ein Schwerpunkt von ABB sind also Lösungen für den elektrischen Straßengüterverkehr. Und wo sehen Sie das Unternehmen im Pkw-Bereich? Mein Eindruck ist, dass Alpitronic Ihrem Unternehmen hier den Rang abgelaufen hat.

Dass Sie da die Wahrnehmung haben, überrascht mich nicht. Sie sind an den Schnellladestationen in Deutschland tatsächlich sichtbarer. Es gibt aber auch weniger sichtbare Bereiche z. B. in Depots und auch noch andere Märkte außerhalb Deutschlands und Europa: Wir haben gerade zum Beispiel in Long Beach in Kalifornien den größten Ladepark mit 40 Ladesäulen unseres Typs A400 ausgestattet. Ich glaube, dass wir – was die Technologie angeht – durchaus vorne mit dabei sind. Wir setzen aber in der Tat  nicht allein auf Schnellladesäulen, sondern auf modulare Lösungen. Für  Supermärkte oder Fitnessstudios 30 Minuten mit dem C 50 laden – das schließt die Lücke für Menschen, die zu Hause nicht laden können. Wer möchte schon nachts ins Industriegebiet fahren müssen, um Strom zu ziehen? Viel charmanter ist es doch, beim Einkaufen oder Arztbesuch zu laden.

All in One-Ladesäule A 400 von ABB E-mobility
"Es ist beeindruckend zu sehen, dass man heute einen Lkw in einer halben Stunde komplett vollladen kann." Foto: ABB
All in One-Ladesäule A 400 von ABB E-mobility
„Es ist beeindruckend zu sehen, dass man heute einen Lkw in einer halben Stunde komplett vollladen kann.“ Foto: ABB

Viele Kunden klagen über Intransparenz bei den leider viel zu hohen Ladekosten. Was kann man hier tun?
Eine Ladesäule muss dem Kunden immer Geld sparen. Das gelingt, wenn sie beispielsweise den Strom zum richtigen Zeitpunkt aus dem Netz nimmt. Technisch ist es kein Problem, Tarife schon beim Anstecken anzuzeigen – unsere Geräte können das. Aber nicht jeder hat unbedingt ein Interesse daran, diese Preistransparenz auch zu zeigen.

Ein anderes Problem ist aktuell Kabelklau – zuletzt wurden immer wieder Kabel von Schnellladesäulen abgeschnitten und gestohlen.
Das ist absurd: Für 35 Euro Kupfer wird ein Schaden verursacht, der Wochen Stillstand für den Betreiber der Station bedeutet. Weil erst ein neues Kabel montiert und dann auch die Ladesäule neu geeicht werden muss. Wir arbeiten an technischen Lösungen, die Kabel so zu verstärken, dass man nicht mehr einfach mit der Flex durchkommt. Details kann ich noch nicht verraten, aber da ist gerade etwas in Vorbereitung.

Kabelklau an einem Highpower-Charger von EnBW
"Für 35 Euro Kupfer wird ein Schaden verursacht, der Wochen Stillstand für den Betreiber der Station bedeutet." Foto: WDR
Kabelklau an einem Highpower-Charger von EnBW
„Für 35 Euro Kupfer wird ein Schaden verursacht, der Wochen Stillstand für den Betreiber der Station bedeutet.“ Foto: WDR

Ein anderes Thema, das viele Elektromobilisten ärgert, ist die Störanfälligkeit und der Ausfall vieler Ladepunkte. Woran liegt das?
Es gibt mehrere Ursachen: Netzschwankungen, Bedienfehler, manchmal Softwareprobleme. Oft sind es einfach auch nur Bedienfehler. Aber die Zuverlässigkeit der Technik steigt insgesamt. Wichtig ist, alte 50-kW-Säulen nicht künstlich am Leben zu halten, sondern Investitionen in moderne Technik vorzunehmen.  Volkswirtschaftlich ist das viel sinnvoller.

Was wünschen Sie sich von der Politik?
Vor allem Klarheit.

Sie meinen über das sogenannte Verbrennerverbot, das die EU für 2035 vorgesehen hat?

In der Tat. Unsicherheit ist das Schlimmste für Investitionen. Und es ist quälend zu sehen, dass unter dem Schlagwort Technologieoffenheit eine Diskussion angezettelt worden ist, die uns keinen Schritt weiter bringt. Wir sind die Letzten, die nach Subventionen schreien. Aber wenn man Regeln setzt, dann bitte verlässlich. Dieses Zickzack, das wir gerade erleben, ist komplett schädlich. Ich spreche da nicht nur für ABB E-mobility, sondern für die gesamte Industrie.

Vielen Dank für das Gespräch.

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1 Kommentar

  1. Friedhelm Eberle

    Es ist leider viel zu spät , „Technisch ist es kein Problem, Tarife schon beim Anstecken anzuzeigen – unsere Geräte können das.“ die Preise erst beim anstecken zu zeigen. Als E-Auto Fahrer möchte ich bereits beim Ansteuern, spätestens aber beim Sichtkontakt mit der „Tankstelle“ wissen, was Kostenmässig auf mich zu kommt.

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