Plötzlich gehen die deutschen Netzbetreiber die ersten Schritte in Richtung Wasserstoff: Nach Tennet (wir berichteten) will nun auch der westdeutsche Betreiber Amprion in eine große Power-to-Gas-Anlage investieren.

Gemeinsam mit dem Gasleitungsbetreiber Open Grid Europe (OGE) soll eine Anlage entstehen, die mit 100 Megawatt Leistung Windstrom und Wasser in Wasserstoff umwandelt. Elektrolyse nennt sich das Verfahren, bei dem Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufgeteilt wird.

100 MW – nicht nur die Leistung der beiden Anlagen ist identisch. „Element Eins“ von Tennet soll 150 Millionen Euro kosten – genau wie das Projekt „Hybridge“ von Amprion und OGE. Projekt Eins soll 2021 in Niedersachsen starten, der genaue Standort steht noch nicht fest, Hybridge 2023 im ebenfalls niedersächsischen Lingen.

Klaus Kleinekorte, technischer Geschäftsführer von Amprion, erklärte den Vorstoß im Handelsblatt: „Die deutschen Klimaziele, der Ausstieg aus der Kernkraft und der sich abzeichnende Kohleausstieg bedeuten eine enorme Herausforderung für unser Energiesystem. Wir müssen daher jetzt die Voraussetzungen schaffen, damit uns Power-to-Gas nach 2030 im Gigawatt-Maßstab zur Verfügung steht.“

Gasunie, Tennet und Thyssengas starten ein Power-to-Gas-Projekt. Endlich, möchte man sagen: Deutschland verschwendet zu viel Strom, und die Infrastruktur ist vorhanden. Wasserstoff

So stabilisiert Power-to-Gas die Netze

Windanlagen im Norden müssen immer wieder abgeschaltet werden, weil der Strom vor Ort nicht gebraucht wird – und die Netze sie nicht weit genug transportieren können. Eine Lösung dafür wäre der Netzausbau, doch der ist teuer und langwierig. Eine andere Möglichkeit ist die Speicherung.

Ein Teil der Energie wird künftig zum Beispiel in Elektroautos gespeichert werden können. Wasserstoff ist ebenfalls ein geeigneter Speicher – denn das Gas lässt sich problemlos speichern, ein kleiner Teil sogar im Erdgasnetz. Und es ist vielseitig einsetzbar: Als Treibstoff für Brennstoffzellenautos oder als Brennstoff für hochflexible Gaskraftwerke.

Deshalb haben nicht nur Gas-, sondern auch Stromnetzbetreiber Interesse an der Technologie. Das Problem: Noch ist die Herstellung des sauberen Wasserstoff aus Windkraft teuer. Der Strom selbst ist zwar spottbillig, aber die Anlage selbst ist teuer. Und will man Wasserstoff methanisieren, etwa um ihn als Treibstoff zu nutzen, kommen noch einmal Kosten dazu.

Noch keine Einigkeit über Gesetze

Als weiterer Hemmschuh der Technologie gilt die Politik. Bislang ist Wasserstoff aus Power-to-Gas, auch Windgas genannt, noch nicht als Biokraftstoff anerkannt. Die Branche wünscht sich zudem Anreize dafür, das Energienetz zu flexibilisieren. Stromspeicher bekommen keine EEG-Förderung. Strom, der nicht ins Netz eingespeist wird, wird hingegen trotzdem gefördert. Das passt nicht zusammen.

Weitere Subventionen, Steuerermäßigungen oder Befreiungen von Umlagen und Abgaben würden für eine schnellere Umsetzung von Power-to-Gas-Projekten führen, argumentiert die Branche. Deutschland würde dann weniger Strom verschenken und seinen Anteil an Öko-Strom erhöhen.

Bislang bleibt die Politik aber bei einer kritischen Haltung. Deshalb steht Hybridge – wie Element Eins – auch allen Marktteilnehmern zur Verfügung. Diese Konstruktion trägt laut Handelsblatt den Bedenken der Bundesnetzagentur und des Bundeswirtschaftsministeriums Rechnung. Der Regulierer und das Ministerium sind der Auffassung, dass die geplante Anlage nicht zum Aufgabenbereich der beiden Unternehmen gehört.

Nur: Andere Unternehmen planen derzeit keine Anlagen dieser Größe. Und wenn die beiden Anlagen umgesetzt werden, dann wären sie die größten – weltweit wäre Deutschland dann Vorreiter in Sachen klimafreundliches Gas.

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