Ein Autoleben ohne Griffe, Schalter, Hebel und Knöpfe? Verständigung mit der Kiste wie von Mensch zu Mensch? Klare Anweisungen, prompte Ausführung. Wäre wirklich traumhaft, doch unsere bisherigen Erfahrungen sind ja eher durchwachsen. Allein über den Sprachsalat aktueller Sprachsteuerungen könnte man wütig dicke Bücher schreiben, und mit so einer gängigen Gestensteuerung kommt man sich meist ein wenig affig vor.

Wenn es nach BMW geht, wird das demnächst ganz anders. Zumindest die Autos der Weiß-Blauen sollen uns verstehen wie unsere besten Freunde. „Natural Interaction“, heißt PR-poetisch die Zauberformel, die Weltpremiere dieser Sensation gibt es, wie passend, gerade auf dem World Mobile Congress in Barcelona (25. bis 28. Februar). Und BMW kriegt die längere Fassung des Themas locker in einem Satz unter: „Das neue System kombiniert fortschrittlichste Sprach- mit erweiterter Gestensteuerung und Blickerkennung und macht damit erstmals eine echte Multimodalität bei der Bedienung möglich.“ Aha.

Um das mal ein bisschen zu detaillieren: BMWs Natural Interaction soll uns Fahrern die Möglichkeit geben, ähnlich wie im echten zwischenmenschlichen Dialog, mit Sprache, Gesten und Blickkontakt (gleichzeitig und in Kombination miteinander), dem Auto klar zu machen, wonach uns jetzt gerade wäre. Oder welche Sorgen wir haben. Zum Beispiel: „Darf man da drüben wirklich parken? Wie lange hat die Kneipe an der Ecke offen?“ Und das sind jetzt sogar Fragen aus dem BMW-Repertoire. Oder auch: „Mach sofort das Fenster zu, es zieht.“

Wie das funktioniert? Der bevorzugte Bedienmodus kann laut BMW je nach Situation und Kontext intuitiv gewählt werden. Sprachanweisungen, Gesten und die Blickrichtung sollen vom Fahrzeug zuverlässig erkannt, kombiniert und der damit ausgedrückte Bedienwunsch ruck, zuck umgesetzt werden. Diese „multimodale Interaktion“ wird durch eine neuartige Spracherkennung, den ein selbstlernender Algorithmus (richtig: künstliche Intelligenz) ständig verfeinert, eine optimierte Rundum-Sensorik und eine „kontextspezifische Analyse von Gesten“ ermöglicht werden. Durch einen präzisen Check von Hand- und Fingerbewegungen soll neben der Art der Geste erstmals auch deren Richtung in einem auf den gesamten „Fahrerarbeitsplatz“ (ein BMW-Begriff) ausgedehnten Interaktionsraum registriert werden können.

Das Konzept beschränkt sich nicht auf den Innenraum

Durch den Mix verschiedener Modalitäten lassen sich Fahrzeugfunktionen auf unterschiedliche Weise starten. Der Fahrer entscheidet nach seinen Vorlieben, Gewohnheiten oder der jeweiligen Situation, wie er sich äußern möchte. Ist er gerade im Gespräch, wählt er Gesten und Blick, klebt sein Blick auf der Straße, nutzt er Sprache und Gesten. So sollen sich auch berührungslos Fenster oder Schiebedach öffnen oder sogar die Luftausströmer verstellen lassen. Fragen zur Bedienung? Einfach auf die jeweiligen Tasten zeigen, Antwort kommt sofort.

Durch die erweiterte Gestenerkennung und die ultimative Vernetzung des Fahrzeugs beschränkt sich der kommunikative Tummelplatz nicht mehr nur auf den Innenraum. Der Fahrer kann erstmals auch mit seiner direkten Außenumgebung wie zum Beispiel markanten Gebäuden oder freien Parkplätzen interagieren. Per Fingerzeig und Sprachkommando werden alle Anfragen schnell und einfach beantwortet. „Was ist das für ein Haus? Darf ich hier parken, wieviel kostet das?“

So sieht der iNext aus:

„Der Kunde kann mit dem intelligenten und vernetzten Fahrzeug auf völlig natürliche Weise kommunizieren“, erklärt uns Christoph Grote, Senior Vice President BMW Group Elektronik. „Er wird künftig nicht überlegen müssen, mit welcher Bedienstrategie er zum Ziel kommt, sondern kann frei interagieren und unser Fahrzeug versteht ihn.“ Außerdem sei BMW Natural Interaction auch ein Schritt in die Zukunft autonom fahrender Fahrzeuge, wenn der Innenraum nicht mehr vorrangig auf den Fahrer ausgerichtet sei und die Insassen zum Beispiel touristische Wünsche hätten.

Sightseeing im Vorbeifahren

Etwa bei einer automatisierten Fahrt durch eine unbekannte Stadt. Das Auto kutscht durch die City und nebenbei gibt es eine Sightseeing-Show. Mal einfach auf die virtuell blau eingefärbten Bauwerke zeigen, schon sprudeln zum Beispiel Infos zu Historie, Veranstaltungen oder Ausstellungen. Quasi im Vorbeifahren lassen sich auch Karten fürs gerade passierte Kino buchen, den Trailer des Films gibt es per Streaming direkt auf den zentralen Screen des Autos.

Jedenfalls soll der digitale Assistent den Fahrer in einer Vielzahl von Situationen unterstützen und nebenbei die Gewohnheiten seines Herrchens/Frauchens mit jedem Sprachbefehl besser kennenlernen. Und am Ende soll er für seine Entscheidungen sogar unsere Stimmungen berücksichtigen und eigene Vorschläge machen. Äh, vielleicht so: „So nervig wie Du heute drauf bist, solltest Du jetzt statt Red Bull lieber Kamillentee trinken.“ Spaß beiseite: In Barcelona kann man das Ganze in der futuristischen iNext-Studie im Rahmen einer Mixed-Reality-Inszenierung schon mal virtuell testen. Nix wie hin.

Schauen Sie sich die virtuelle Probefahrt in der Bilderstrecke an:

„Die realitätsnahe Darstellung erleben Sie hier mit Hilfe eines speziell gestalteten Raumkonzepts und dieser Virtual Reality-Brille“, höre ich von meiner spanischen BMW-Betreuerin Gabriela Cruz. Also aufsetzen dieses gewaltige Gerät. So, und während der nun angesagten virtuellen Fahrt mit dem BMW Vision iNEXT, der erst 2021 startet, soll ich die tollen Möglichkeiten zukünftiger Interaktion erleben.

Meine virtuelle Tour beginnt in der Lounge eines imaginären Flughafens, in der mir ein Screen mein, ebenfalls virtuelles Tagesprogramm zeigt. Den autonomen iNext übernehmen, ins Hotel fahren, Kinokarten für mich und meine Freundin („Elli“) kaufen. „Hast du nebenbei Zeit für ein bisschen Sightseeing, Wolfgang?“ Ja, natürlich, warum nicht. Und ab jetzt wird es verrückt, denn per Fernbedienung wird die VR-Brille gestartet.

Plötzlich stehe ich vor einer scheinbar völlig realen Fahrstuhltür. Die geht auf, ich trete ein, abwärts geht’s aus dem achten Stock des Airports hinunter zum geplanten Abfahrtspunkt. Das ist der Hammer: Der Lift rumpelt, die Stockwerke zischen vorbei und ich habe definitiv das beängstigende Gefühl schnell abwärts zu fahren. Aussteigen, da kommt schon mein BMW iNext. Einsteigen, Platz nehmen, Hände ans Lenkrad. Vor dem Losfahren zeige ich noch schnell auf das Seitenfenster: „Öffnen bitte!“ Die Scheibe fährt brav runter.

Und zack, schon setzt sich die Fuhre in Bewegung, mit allen Geräuschen und Erschütterungen der Piste. Ziemlich verstörend. Ich überziehe in der Hektik der ersten Kurve (leichter Schweißausbruch) die Lenkung. Wäre ein Crash gewesen, das kennen wir noch von Computerspielen. „Ganz ruhig“, sagt Gabriela, die sich offenbar neben mir befindet. Sie tätschelt kurz meinen Arm, und dann fahre ich tatsächlich virtuell ein Stückchen fein auf der blauen Linie, bevor der iNext autonom das Kommando übernimmt und ich mich kurz fürs angekündigte Sightseeing entspannen kann.

Tatsächlich tauchen jetzt links und rechts die erwähnten Sehenswürdigkeiten auf, und auf Wunsch (einfach mit der virtuellen Hand draufzeigen) gibt der virtuelle, weibliche Assistent seinen Senf dazu. Und am Ende passiere ich das besagte Kino und kann tatsächlich zwei Karten für „Mission Impossible Fallout“ buchen. „Trailer gefällig, Wolfgang?“ Kaum genickt, sitze ich fast in der gleichen Sekunde in einem Kinosessel und vor mir auf der Leinwand tobt die Kurzfassung des Thrillers. Unglaublich. Ich nehme die Brille ab, sehe, dass mich in einem simulierten iNext-Cockpit befinde, der Sitz hat noch die Kino-Liegeposition. Und Gabriela hält mir passenderweise eine große Tüte mit Popcorn hin. Ich koste, ist echt.

Kurzer Nachtrag: Erste Funktionen von dieser neuen BMW Natural Interaction sollen ab 2021 im BMW iNEXT tatsächlich zu haben sein. Die Münchner tuen da noch ein bisschen geheimnisvoll, aber wir halten Sie auf dem Laufenden.

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