Als Jaguar im Dezember 2024 die zweitürige Studie Type 00 vorstellte, brach sofort ein Sturm der Entrüstung los, sodass man meinen könnte, der Untergang des Abendlandes stehe kurz bevor. „Der extravagant proportionierte Type 00 zeigt Jaguars Tradition brutalistisch den Mittelfinger“, zeterte MotorTrend. Design-Dozent und ehemaliger Autodesigner Matteo Licata fügte hinzu: „Der Type 00 ist weit davon entfernt, ein Design-Meisterwerk zu sein.“
Jetzt haben die Briten das Tuch vom wohl wichtigsten Jaguar der letzten 60 Jahre gezogen. Schließlich soll der viertürige Luxus-GT den dahinsiechenden britischen Autobauer reanimieren. Die Serienversion ist weniger radikal als die Studie. Dennoch dürfte auch der viertürige Type 01 polarisieren – er sieht aus wie ein Gefährt aus einem Science-Fiction-Film der 2000er-Jahre. Zum Beispiel „I, Robot“ mit Will Smith in der Hauptrolle. Der steuerte damals das Sportcoupé Audi RSQ auf Kugeln durch eine Stadt in ferner Zukunft.

Die Kabine des Jaguar 01 sitzt wie einst beim E-Type weit hinten, davor erstreckt sich eine lange Haube. Der Abstand zwischen Tür und Vorderradnabe beträgt exakt 89,8 Zentimeter. Jaguar nennt das „Luxury Gap“.
Der Jaguar Type 01 hingegen, der ab Anfang 2027 bestellt werden kann, fährt ganz konventionell auf Rädern, ist 5,24 Meter lang und nur 1,40 Meter hoch. Die Kabine sitzt weit hinten, davor erstreckt sich eine lange Haube. Der Abstand zwischen Tür und Vorderradnabe beträgt exakt 89,8 Zentimeter. Jaguar nennt das „Luxury Gap“. Serienmäßig gibt es riesige 23-Zoll-Räder, wie man sie eher von großen SUVs kennt, 21 Zoll sind optional. Das Auto wirkt wie aus dem Vollen gefräst: Die Scheinwerfer sind 8,4 Zentimeter hoch, die Frontpartie ragt fast senkrecht empor. Dazu kommen große, glatte Flächen und eine betonte Schulterlinie, die sich über das gesamte Auto zieht. Eine Heckscheibe sucht man wie neuerdings bei Polestar vergebens. Zwei rote Lichtbänder betonen die Breite des Stromers.
Jaguar Type 01 in Deutschland ab 165.000 Euro
Die Logik dahinter ist ähnlich wie beim Ferrari Luce: Wer mit einem Elektroauto eine neue Ära einläuten will, muss alte Designzöpfe abschneiden. „Wir haben schöne, einzigartige und teure Autos verkauft. Da muss Jaguar wieder hin“, sagt Jaguar-Chef Rawdon Glover. Zurück zu den Wurzeln, den Weg wiederfinden, der Jaguar groß gemacht hat. Echter Luxus statt Premium.
Auch beim Preis. „Jaguar wird doppelt so teuer wie in den vergangenen beiden Jahrzehnten“, erläutert Glover. Der Type 01 wird in Deutschland mindestens 165.000 Euro kosten und eben kein Volumenmodell werden. China steht auch auf der Jaguar-Agenda, aber es wird ein paar Jahre dauern, ehe die Raubkatze in das Reich der Mitte springt.

Eine Heckscheibe sucht man am Jaguar 01 wie neuerdings bei Polestar vergebens – für den Blick nach hinten sorgen Kameras und ein Display in der Mitte des Cockpits. Zwei rote Lichtbänder betonen die Breite des Stromers. Fotos: Jaguar
Um diese hochgesteckten Ziele zu erreichen, hat Jaguar das Pferd von hinten aufgezäumt. Anstatt erst eine Plattform zu entwickeln und dann die Karosserie daraufzusetzen, haben die Briten erst die monolithische Form definiert. Erst danach entstand die Jaguar Electric Architecture (JEA).
Die zu 73 Prozent aus Aluminium bestehende Struktur erreicht eine hohe Verwindungssteifigkeit von 51,7 kNm pro Grad (Kilonewtonmeter pro Grad). Mehr als 7.000 Windkanalversuche brachten einen cw-Wert von 0,23. Der windschlüpfrigste Serien-Jaguar aller Zeiten. Verstellbare Luftklappen bringen bis zu 43 Kilometer Reichweite. Ab 80 km/h fährt der Heckspoiler mit sieben Grad aus. Oberhalb von 155 km/h sind es 21 Grad. So werden bis zu 75 Kilogramm Abtrieb generiert.
Bis zu 720 Kilometer mit einer Akkuladung
Die Batterie besteht aus 200 prismatischen NMC-Zellen und hat eine Nettokapazität von 118 Kilowattstunden. Um eine nahezu paritätische Achslastverteilung zu erreichen, sitzen 32 Zellen vor der Kabine. Sie bringen bis zu 112 Kilometer Reichweite und 110 kW Leistung. Die Anordnung der übrigen Module lässt auch Fußräume für die Fondpassagiere: Man soll im Auto sitzen und nicht auf dem Akku. Die WLTP-Reichweite beträgt bis zu 720 Kilometer. Bei konstant 120 km/h sollen es 515 Kilometer sein.
An einer 350-kW-Ladesäule sollen in 13 Minuten 321 Kilometer hinzukommen. In rund 22 Minuten sind die Energiespeicher von zehn bis 80 Prozent geladen. Aufgrund der 850-Volt-Technik lädt der geteilte Akku an 400-Volt-Säulen parallel mit bis zu 250 kW. An der Wallbox sind es 22 kW. Ladebuchsen befinden sich wie beim Porsche Taycan auf beiden Seiten des Autos.

Anstatt erst eine Plattform zu entwickeln und dann die Karosserie daraufzusetzen, haben die Briten erst die monolithische Form definiert. Erst danach entstand die Jaguar Electric Architecture (JEA). Unser Autor hat unverkennbar noch Zweifel an dem Konzept.
Der Type 01 verfügt über eine Spitzenleistung von 757 kW oder 1.030 PS und ein Drehmoment von 1.365 Newtonmetern. Drei Permanentmagnetmotoren machen den Type 01 zum stärksten Straßen-Jaguar aller Zeiten. Vorn arbeitet ein Motor mit 260 kW (354 PS), hinten sitzen zwei Aggregate mit je 310 kW / 421 PS. Tempo 100 ist aus dem Stand nach 3,2 Sekunden erreicht, der Sprint von 100 auf 180 km/h dauert nur vier Sekunden.
Gerade bei mittlerem und hohem Tempo soll der Katze nicht die Luft ausgehen. Normalerweise wird die Kraft im Verhältnis 30:70 an Vorder- und Hinterachse verteilt. Im Dynamic-Modus fließen jedoch bis zu 87 Prozent nach hinten. Das integrierte Traktionsmanagement reduziert die Drehmomentreaktionszeit an jedem Rad auf eine Millisekunde.
Mit Hinderrad-Lenkung und Luftfederung
Das Fahrwerk soll verhindern, dass sich der GT wie ein rollender Laptop anfühlt. Vorn ist eine Doppelquerlenker verbaut, hinten eine Integral-Link-Achse. Hinzu kommen Zweikammer-Luftfedern und aktive Zweiventil-Dämpfer. Sensoren erfassen den Fahrbahnzustand 500-mal pro Sekunde und die Dämpfung wird 100-mal pro Sekunde angepasst. Der Schwerpunkt des Fahrzeugs liegt 60 Millimeter unter der Hüfte des Fahrers. Die Räder an der Hinterachse schlagen bis zu sechs Grad ein und verringern so den Wendekreis auf 11,5 Meter.

Ein OLED-Display hinter dem Lenkrad vereint Instrumente und Infotainment. Für Klima- und Audiofunktionen gibt es zusätzlich ein Sieben-Zoll-Display. Der „Central Spine“ teilt die Fahrgastzelle in zwei Hälften, die Kopffreiheit ist eingeschränkt.
Im Innenraum treffen Inszenierung und Reduktion aufeinander. Ein gebogenes 24-Zoll-OLED-Display vereint Instrumente und Infotainment. Für Klima- und Audiofunktionen gibt es vorn ein Sieben-Zoll-Display, im Fond ein weiteres für die Komforteinstellungen. Anstelle einer Heckscheibe liefert eine Kamera das Bild für den digitalen Innenspiegel. Dieser ist zentral am unteren Rand der Windschutzscheibe in die Panoramic Soundbar integriert. Da er auf derselben Höhe wie die Außenspiegel sitzt, müssen die Augen beim Blick nach hinten weniger stark umfokussieren.
Apple CarPlay und Android Auto, zeigt die Sitzprobe, funktionieren kabellos. Auch eine KI-Sprachsteuerung ist Teil des Infotainmentsystems. Die Lautsprecher in den Kopfstützen dienen zudem der aktiven Geräuschunterdrückung. Materialien wie ein Wollmischgewebe, Ultrafabrics NeoGrain oder klassisches Leder vermitteln Lounge-Feeling.
Fahrgastraum ist eng geschnitten
Bei der Sitzprobe folgt dann eine Ernüchterung. Für einen 1,85 Meter großen Sitzriesen ist die Kopffreiheit vorn ziemlich eingeschränkt. Der „Central Spine“ (zentrale Mittelachse) teilt die Fahrgastzelle. Das Konzept erschließt sich uns nicht. Der Einstieg in den Fond ist beschwerlich. Man klettert über hohe Schweller und auch hier wird es um das Haupt herum enger.
Der Gepäckraum ist für ein so großes Auto unpraktisch: Die Öffnung ist schmal, die Ladekante hoch und die Fläche nicht ganz eben. Das Volumen beträgt mehr als 450 Liter. Bei umgelegten Rücksitzlehnen wächst das Volumen auf 1.000 Liter. Unter der Haube vorne steckt nur ein Servicefach, kein echter Frunk. Hartplastik in einer tiefen Ablage passt zudem nicht zum sechsstelligen Preis.
Der Type 01 trifft auf starke Konkurrenz und ist deshalb kein Selbstläufer. Der Porsche Taycan Turbo GT dürfte die präzisere Fahrmaschine sein. Der Lotus Emeya S ist ähnlich potent und praktischer, der Lucid Air Sapphire noch brachialer. Bentley wird früher oder später auch im BEV-Luxus-Segment angreifen. Der Jaguar punktet mit Exklusivität. Charakter, Extravaganz und einer guten Reichweite.