Die Bundesregierung arbeitet an einem Artikelgesetz, das die rechtlichen Hürden für bidirektionales Laden von Elektroautos gebündelt adressieren soll. Das erklärte die CDU-Bundestagsabgeordnete Vanessa Zobel, Berichterstatterin für das Thema, bei einer Paneldiskussion in Berlin. Das Verkehrs- sowie das Wirtschafts- und Energieministerium würden derzeit Zuarbeiten liefern, um notwendige Anpassungen in verschiedenen Rechtsakten zu bündeln. In den nächsten vier Wochen solle ein erster Entwurf vorbereitet werden. Mit einem Abschluss noch vor der Sommerpause rechnete Zobel jedoch eher nicht.
Die CDU-Frau begründete den Schritt mit der Vielzahl verstreuter Einzelregelungen, von energierechtlichen Vorgaben bis zu steuerlichen Fragen, und dem Ziel, Verfahren zu beschleunigen. Man wolle übergeordnet festlegen, „welche Gesetze dadurch verändert werden“ müssen, um die Technologie „zum Fliegen“ zu bringen. Union und SPD hatten bereits im Koalitionsvertrag festgeschrieben, dass sie das bidirektionale Laden“unterstützen“ werden.
Großes Potenzial für Haushalte und Energiesystem
In einem Impulsvortrag skizzierte zuvor Bastian Gierull, CEO von Octopus Energy Germany, die wirtschaftliche und systemische Dimension: Elektroautos stünden im Schnitt 23 Stunden am Tag ungenutzt. Es seien „Stehzeuge“ mit enormem Speicherpotenzial. Bidirektionales Laden könne Haushalten jährlich über 700 Euro sparen, im Vergleich zu Verbrennern sogar rund 1.000 Euro. Bei 15 Millionen E-Autos, wie ursprünglich politisch bis 2030 angestrebt, ergäbe sich eine theoretische Leistung von 165 Gigawatt (GW) – deutlich mehr als die geplanten 20 GW neuer Gaskraftwerke. „Das ist die eigentliche Superpower der E-Autos“, so Gierull. Ein Fahrzeug könne im Notfall „fünf bis sechs Tage lang ein Einfamilienhaus versorgen“.

In einem Pilotprojekt bindet die Volkswagen-Tochter Elli aktuell die Batterie eines Elektroautos aus dem Konzern mit einer PV-Anlage sowie Elektrogeräten im Hause zu einem Verbund zusammen, um die Potenziale des bidirektionalen Ladens aufzuzeigen. Foto: Elli
Auch für das Gesamtsystem sieht Gierull große Vorteile. Rund 10 Milliarden kWh erneuerbarer Strom würden jährlich abgeregelt, „fahrende Batterien“ könnten diese Mengen nutzbar machen und Netzausbaukosten senken. Die Bundesnetzagentur erkenne das Potenzial für Flexibilität und Systemsicherheit. Internationale Beispiele wie China und Großbritannien zeigten die Machbarkeit. Dort seien Pilotstädte und Produkte wie das „Powerpack“-Modell von Octopus bereits Realität. In Großbritannien hat das Unternehmen gemeinsam mit dem Autobauer BYD ein Leasingmodell eingeführt, das ein Elektroauto vom Typ Dolphin, eine Bidi-Wallbox von Zaptec sowie Strom für rund 300 Britische Pfund pro Monat (umgerechnet 346 Euro) bündelt.
Branche fordert einfache Produkte und Standards
Christoph Fuchs von Octopus Energy widersprach in der Podiumsdiskussion der These mangelnder Kundennachfrage. In England würden Kunden nach solchen Angeboten „gieren“. Jedoch müssten die Angebote einfach zu verstehen und fair sein. Octopus will 2026 als Startjahr für breite Services nutzen.
Jörg Hofmeister, Head of Charging & Energy bei Ford Europe, betonte die Notwendigkeit radikaler Vereinfachung und Interoperabilität. „Es muss sich lohnen für den Kunden.“ Ford wolle kein Energieversorger werden, sondern Fahrzeugfeatures bereitstellen und Händler schulen.
Jan Strobel, Abteilungsleiter Energieeffizienz, Vertrieb und Mobilität beim Energieverband BDEW, sieht die Unternehmen in der Pflicht, praxistaugliche Angebote zu liefern und Marktprozesse zu harmonisieren.
Hürden: Smart Meter, Hardware und Direktvermarktung
Octopus-Manager Gierull nannte als zentrale Bremsen für das bidirektionale Laden den schleppenden Smart-Meter-Rollout, fehlende Hardwareverfügbarkeit und komplexe Direktvermarktungsprozesse. „Ohne Smart Meter wird’s schwierig“, warnte er. Zudem brauche es mehr zugelassene bidirektionale Fahrzeuge und Wallboxen sowie praktikable Messkonzepte. Die Vielzahl unterschiedlicher Netzbetreiber und Abrechnungsmodelle müsse durch digitale Standards überwunden werden.
Zobel warb um breite Unterstützung von Industrie, Energiebranche, Handwerk und Handel, um das Thema in die Fläche zu tragen. Politisch sei das Ziel, Akzeptanz zu erhöhen und Rechtssicherheit zu schaffen, ohne sich im Klein-Klein zu verlieren. „Bis jetzt stehen die Türen offen“, sagte sie mit Blick auf die Ressortabstimmung für das Artikelgesetz.
(Quelle: Energate)
