Das Schienennetz der Schweizer Bahnen ist zu 100 Prozent elektrifiziert, das von Schweden zu 75 Prozent. In Deutschland hingegen müssen Personen- und Güterzüge der Deutschen Bahn in vielen Regionen immer noch von Dieselloks gezogen werden, weil es auf 40 Prozent der Strecken 75 Jahre nach Kriegsende und 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung keine Oberleitungen gibt. Die Bundesregierung hat immerhin das Ziel ausgegeben, das Stromnetz in den kommenden Jahren weiter auszubauen und bis zum Jahr 2025 bis zu 70 des deutschen Einbahnnetzes zu elektrifizieren. Im „Bedarfsplan Schiene“ sind Investitionen in einer Größenordnung von rund 10 Milliarden Euro für die Elektrifizierung von rund 2000 Kilometern Gleisstrecke vorgesehen.

In Brandenburg könnte bald eine Wasserstoff-Bahn fahren. Die Züge sind in Serienfertigung, grünen Wasserstoff gibt es ebenfalls - nur Geld fehlt noch. Wasserstoff

Doch so ganz scheint die Politik in den Bundesländern den Absichtserklärungen des Bundesverkehrsministeriums nicht zu trauen. Jedenfalls hat der Land Baden-Württemberg für seinen Regionalverkehr jetzt bei Siemens 20 Züge vom Typ Mireo Plus B bestellt. Das Besondere an den Personenzügen mit 120 Sitzplätzen: Sie verfügen über einen Batteriehybridantrieb. Der Fahrstrom wird in Lithium-Ionen-Akkus gespeichert, die sich in zwei Containern im Fahrzeugboden verstecken. Bis zu 80 Kilometer weit soll der Zug damit emissionsfrei fahren können. Laden lassen sich die Speicher über die Oberleitung – wo sie verfügbar ist – und zumindest teilweise auch durch das Nutzen der Bremsenergie. Wie viel Energie die Batterien speichern können und weitere technische Details des Zuges will Siemens aus Wettbewerbsgründen vorerst noch nicht verraten. In Fachkreisen vermutet man eine Speicherkapazität der Lithium-Ionen-Akkus von rund 600 Kilowattstunden.

Unter Strom
Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann im Steuerstand eines Mireo-Prototypen.

„Mit dieser innovativen Technik ist eine Elektrifizierung von Bahnstrecken auch ohne durchgängige Oberleitung möglich“, freute sich Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann beim Vertragsabschluss. Es wird allerdings noch eine Weile dauern, bis er die in Krefeld gebauten Züge im Regelbetrieb erleben kann: Eingesetzt werden soll der Mireo Plus B ab Herbst 2023, unter anderem im Ortenaukreis.

Züge mit Brennstoffzellen rollen bereits

Der Auftrag für die Mobilitätssparte von Siemens hat ein Volumen von 77 Millionen Euro, was auf einen Stückpreis von knapp vier Millionen Euro für den zweiteiligen Zug schließen lässt. Laut Vertrag sind in der Kaufsumme allerdings auch die Energie- und Wartungskosten für den Betrieb der Züge während der Laufzeit des Vertrags von 29,5 Jahren enthalten. Das Land habe sich bewusst für das „Lebenszyklus-Modell“ entschieden, erklärte Verkehrsminister Hermann. Grund sei, dass mit der Technologie Neuland beschritten werde: Die Landesanstalt Schienenfahrzeuge Baden-Württemberg (SFBW) ist die erste Verkehrsgesellschaft, die den Mireo in der batterieelektrischen Version ordert.

Zur Not auch ohne Oberleitung
Bis zu 80 Kilometer kommt der Mireo Plus B mit einer Batterieladung – dann braucht er eine Oberleitung zum Aufladen der zwei Lithium-Ionen-Akkus. Fotos: Siemens

Im Angebot hat Siemens inzwischen auch eine Version mit Brennstoffzelle, den Mireo Plus H. Die Entwicklungsarbeiten sind inzwischen abgeschlossen. Aber bislang liegen noch keine Bestellungen vor. Da ist französische Wettbewerber Alstom schon weiter: Seit September 2018 befinden sich die weltweit ersten zwei Wasserstoffzüge vom Typ Coradia iLint 54 im Elbe-Weser Netz in Niedersachsen im regelmäßigen Fahrgasteinsatz. Ab 2021 wird auch die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) 14 Coradia iLint auf der Strecke einsetzen. Zudem hat sich im vergangenen Sommer der Verkehrsverbund Rhein-Main für die Technik entschieden und 27 Brennstoffzellenzüge bei Alstom bestellt, die bis zum Herbst 2022 asugeliefert werden sollen. Auch hier umfasst der Auftrag neben den Zügen auch die Versorgung mit Wasserstoff, die Instandhaltung und das Vorhalten von Reservekapazitäten für die nächsten 25 Jahre.

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1 Kommentar

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    Ein weiteres interessantes Projekt führt Stadler für NAH.SH in Schleswig-Holstein durch. Dort werden 55 Akku-Züge ab Ende 2022 die Diesel-Züge auf Nebenstrecken ersetzen, mit einer Option auf weitere 50 Züge. Stadler liefert dafür den Flirt Akku mit 150 km Reichweite.
    „Die Ladung erfolgt unter vorhandener Oberleitung vor allem an den Bahnhöfen Kiel, Neumünster, Flensburg, Lübeck und Lüneburg sowie auf der Strecke Osterrönfeld–Jübek. Darüber hinaus sollen an ausgewählten Stellen zusätzliche Ladevorrichtungen geschaffen und bestehende Oberleitungen verlängert werden, um so eine ideale Ladung der Batterien während der Fahrt zu ermöglichen. Für die Instandhaltung der Fahrzeuge sind Werkstätten an den Standorten Rendsburg und Neumünster vorgesehen.“
    Quelle: https://www.stadlerrail.com/de/medien/article/stadler-liefert-55-flirt-akku-fuer-dennahverkehrsverbund-schleswig-holstein/530/

    Die Machbarkeitsstudie zur Reaktivierung der Strecke Hamburg-Bergedorf–Geesthacht arbeitet daher auch als Annahme mit diesen Zügen.

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