Von Kanada bis Kiel steht die maritime Wirtschaft unter Strom. Na ja, nicht überall, aber immer öfter. Die neueste Nachricht kommt von der Westküste Nordamerikas: BC Ferries, eine der größten Fährgesellschaften der Welt, rüstet ihre Flotte massiv auf. Der Auftrag für vier neue „Major Vessels“ ging an die Werft China Merchants Industry Weihai, doch das technologische Herz schlägt in der Schweiz. ABB liefert die komplette Energie-, Antriebs- und Steuerungstechnik für die Schiffe, die ab 2029 die alternde Flotte ersetzen sollen.

Das Projekt in British Columbia ist ein technologisches Ausrufezeichen. Die neuen Doppelendfähren sind als Hybride konzipiert, die sowohl mit Diesel und Biotreibstoff als auch vollelektrisch betrieben werden können. Die Dimensionen der Elektrifizierung sind dabei gewaltig: Jedes Schiff kann mit Batteriespeichern von bis zu 70 Megawattstunden (MWh) ausgerüstet werden. Zum Vergleich: Das entspricht der Kapazität von über 1.000 modernen Mittelklasse-Elektroautos.

Stromern nach Vancouver
Die neuen Doppelendfähren sind als Hybride konzipiert, die sowohl mit Diesel und Biotreibstoff als auch vollelektrisch betrieben werden können. Die komplette Antriebstechnik kommt von ABB aus der Schweiz. Foto: BC Ferries
Stromern nach Vancouver
Die neuen Doppelendfähren sind als Hybride konzipiert, die sowohl mit Diesel und Biotreibstoff als auch vollelektrisch betrieben werden können. Die komplette Antriebstechnik kommt von ABB aus der Schweiz. Foto: BC Ferries

Doch es geht nicht allein um die Verminderung der klimaschädlichen CO2-Emissionen. In der „Strait of Georgia“, dem Einsatzgebiet der Fähren in British Columbia, ist Lärm ein gravierender Umweltfaktor. Die Schiffe nutzen daher den getriebelosen Azipod-Elektroantrieb von ABB. Diese Propellerkonstruktion reduziert den Unterwasserlärm signifikant und hilft so, das hochsensible Ökosystem der „Southern Resident Orcas“ zu schützen.

Europa als Vorreiter: Das norwegische „Fährenmärchen“

Während BC Ferries mit diesem Auftrag einen großen Schritt in Richtung Dekarbonisierung macht, ist man in Nordeuropa schon eine Etappe weiter. Wie Siemens Energy in einer Analyse zur Elektrifizierung europäischer Fähren berichtet, gilt Norwegen als das absolute Musterland der Branche. Was dort 2015 mit der „Ampere“, der ersten vollelektrischen Autofähre der Welt, begann, ist längst zum Standard geworden. Getrieben durch strikte staatliche Vorgaben bei Ausschreibungen sind in den norwegischen Fjorden sowie in den schwedischen Schären inzwischen Dutzende vollelektrische Schiffe und Fährboote unterwegs.

Antriebswende auf dem Wasser
Seit 2021 ist die 143 Meter lange „Bastø Electric“ der Reederei Bastø Fosen im Oslo-Fjord im Pendelverkehr unterwegs. Mit einer Ladekapazität für 200 Autos und 24 Lastwagen ist sie eine der weltweit größten Fähren, die für den reinen Elektro-Betrieb konzipiert ist.  Foto: Siemens Energy
Antriebswende auf dem Wasser
Seit 2021 ist die 143 Meter lange „Bastø Electric“ der Reederei Bastø Fosen im Oslo-Fjord im Pendelverkehr unterwegs. Mit einer Ladekapazität für 200 Autos und 24 Lastwagen ist sie eine der weltweit größten Fähren, die für den reinen Elektro-Betrieb konzipiert ist.  Foto: Siemens Energy

Auch in Deutschland schlummert ein gewaltiges Potenzial. Zwar machen große Schiffe hierzulande nur einen kleinen Teil der Gesamtflotte aus, sie sind laut Siemens Energy jedoch für den Großteil der Emissionen verantwortlich. Projekte wie die Hybridfähren auf der Vogelfluglinie oder vollelektrische Ansätze im Fährverkehr zu Nordseeinseln wie Norderney zeigen, dass der Wandel auch hier Fahrt aufnimmt.

Die Herausforderung: Infrastruktur am Limit

Warum fahren dann nicht alle Fähren längst rein elektrisch? Der Fall BC Ferries verdeutlicht die Herausforderungen bei der Dekarbonisierung des Schwerlastverkehrs auf dem Wasser.

  1. Die Reichweiten-Frage: Für kurze Pendelstrecken unter einer Stunde ist der Batteriebetrieb ideal. Für längere Routen und schwere Lasten, wie sie die neuen kanadischen Schiffe bewältigen müssen, reicht die Energiedichte heutiger Akkus im Alleingang oft noch nicht aus. Deshalb setzt man auf Hybrid-Lösungen als Brückentechnologie: Sie nutzen fossile oder biogene Kraftstoffe für die Langstrecke und Batterien für Spitzenlasten oder den Hafenbetrieb.
  2. Der Netzanschluss: Wer riesige Batterien schnell laden will, braucht enorme Leistung. Die neuen BC-Fähren sind für ein landseitiges Ladesystem mit über 60 Megawatt ausgelegt. Das ist gut 100 Mal leistungsstärker als die schnellsten öffentlichen Ladesäulen für E-Autos. Solche enormen Energiemengen müssen die Häfen erst einmal bereitstellen, ohne dass das lokale Stromnetz in die Knie geht.
  3. Hafen-Emissionen: Ein oft unterschätzter Faktor ist die Liegezeit. Laut Analysen entstehen bis zu einem Drittel der Emissionen einer Fähre im Hafen. Die neuen Schiffe von BC Ferries adressieren genau das: Durch die hohe Ladeleistung werden kurze Umschlagszeiten möglich, was den Übergang zum emissionsfreien Betrieb am Terminal beschleunigt.

Fazit: Kurs auf Null Emissionen

Das Programm „New Major Vessels“ von BC Ferries ist mehr als nur eine Flottenmodernisierung; es ist eine Wette auf die Zukunft. Die Schiffe sind so gebaut, dass sie bei entsprechender Infrastruktur künftig komplett emissionsfrei fahren können. Bis 2030 will British Columbia damit die Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor drastisch senken.

Foto: Messe Düsseldorf

Die maritime Energiewende ist allerdings ein Puzzle aus vielen Teilen. Es braucht hocheffiziente Antriebe wie der Azipod, gigantische Batteriespeicher sowie eine Ladeinfrastruktur im Megawatt-Bereich. Ob in den Fjorden Norwegens, an der kanadischen Pazifikküste, im Fährverkehr auf der Nordsee oder im Hamburger Hafen – die Technologie ist bereit, die alten Dieselmotoren ins Museum zu schicken. Übrigens auch im Freizeitverkehr: Auf der Fachmesse „Boot“ (17. bis 25. Januar) in Düsseldorf ist „Electric Boating“ eines der großen Themen.

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