Am Rande des Greentech Festivals in Berlin sprach EDISON mit Karsten Schnake, der bei Skoda als Vorstand für das gerade extrem schwierige Thema Beschaffung zuständig ist. Klar, wir kamen nach akuten Grundsatzfragen auch zu Skodas Elektroautos. Und natürlich interessierten uns die Pläne der starken tschechischen VW-Konzerntochter für eine nachhaltige Zukunft der Automobilproduktion.

Schlaflose Nächte
Karsten Schnake, 54, ist seit Juli 2020 Vorstand für Beschaffung bei SKODA AUTO. Zuvor war er als Executive Vice President der Volkswagen Group China für strategische Beschaffung und das Sourcing aller Konzernmarken in der Volksrepublik zuständig. Seine Karriere in der Volkswagen AG begann der diplomierte Luftfahrtingenieur 1996 in der Projektsteuerung. Foto: Skoda
Schlaflose Nächte
Karsten Schnake, 54, ist seit Juli 2020 Vorstand für Beschaffung bei SKODA AUTO. Zuvor war er als Executive Vice President der Volkswagen Group China für strategische Beschaffung und das Sourcing aller Konzernmarken in der Volksrepublik zuständig. Seine Karriere in der Volkswagen AG begann der diplomierte Luftfahrtingenieur 1996 in der Projektsteuerung. Foto: Skoda

Herr Schnake, gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie mit dem Ressort Beschaffung gerade einen der undankbarsten Jobs im VW-Konzern haben?

Ich habe in letzter Zeit tatsächlich eine Menge schlafloser Nächte gehabt. Andererseits beschäftige ich mich mit diesen Themen bereits seit 2007, damals noch als Abteilungsleiter im Bereich Kapazitätsmanagement. Dazu gehörte natürlich auch das Krisenmanagement. Da gibt es ständig externe Einflüsse, auf die man schnell reagieren muss, zum Beispiel Brände, Überflutungen oder die Atomkatastrophe von Fukushima – Herausforderungen gehörten schon immer zu meinem Alltag.

Und jetzt haben Sie noch deutlich verschärfte Themen am Hals.

Ich arbeite jetzt bereits seit 26 Jahren für den Volkswagen-Konzern. Diese Erfahrung hilft, Lösungen zu finden und sie umzusetzen. Deshalb habe ich auch Ja gesagt, als mir dieser Job angetragen wurde. Außerdem schätze ich das Unternehmen Skoda Auto sehr – in all seinen Facetten.

Damals waren das ja noch vergleichsweise glückliche Zeiten für die Marke Skoda, als es ohne große Komplikationen fast immer nur aufwärts ging.

Viele aktuelle Herausforderungen sind eine unmittelbare Folge der Corona-Pandemie, der Lockdowns und der Störungen der weltweiten Lieferketten. Schauen Sie beispielsweise in der Automotive-Region Shanghai. Die gesamte Situation sorgt auch für die Dramatik in unseren weltweiten Verbindungen und Lieferketten.

Wir können ja mal das letzte halbe Jahr Revue passieren lassen. Und Sie kommentieren. Einverstanden?

Gern.

Im ersten Quartal hat Skoda weltweit rund 186.000 Fahrzeuge ausgeliefert, 25 Prozent weniger als im Vorjahr. Doch im zweiten Quartal soll sich die Lage bei der Teileversorgung definitiv verbessern, heißt es im Unternehmen. Sehen Sie das auch so? Wie ist denn die aktuelle Lage?

Deutlich positiver. Bei den Halbleitern zum Beispiel – hier prüfen wir den Bedarf vier Mal jährlich – waren wir in sehr engem Kontakt mit unseren Partnern, den Wafer-Herstellern und den Chip-Produzenten. Da konnten wir unter den gegebenen Bedingungen vieles optimieren. Ich war gerade bei einem unserer Partner in Dresden. Er hat es geschafft, seine Fertigungskapazitäten von Wafern in den Produktionshallen um ein Drittel zu erweitern. Wafer sind dünne Scheiben, die als Basis für integrierte Schaltungen dienen.

„Unsere Partner fertigen wieder, allerdings nach wie vor mit Einschränkungen.“

Beschaffungs-Vorstand Schnake über die Produktion in der Ukraine

Am 26. April gab es die Meldung, dass die Fertigung ihres vollelektrischen SUV, also des Skoda Enyaq iV, die aufgrund von Lieferengpässen mehrwöchig unterbrochen werden musste, im Werk Mlada Boleslav schrittweise wieder hochgefahren werde. Die Teileversorgung sei bis auf Weiteres wieder sichergestellt. Gilt das heute auch noch?

Sicher. Die Produktion des Enyaq iV war, ebenso wie die Fertigung der vollelektrischen ID.-Familie von VW und der e-tron-Reihe von Audi, massiv von den Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine betroffen. Dort sitzen zwei wichtige Partner, die den Leitungsstrang und das Hochvolt-Bordnetz herstellen. Diese Lieferanten waren durch die Kampfhandlungen massiven Beeinträchtigungen ausgesetzt. Um die Sicherheit der Mitarbeiter zu gewährleisten, musste die Fertigung zunächst herunterfahren werden.

Kabelbaumfertigung für Skoda
Der Hauptleitungsstrang für den Enyaq iV wird jetzt parallel zur Produktion in der Ukraine auch in Marokko gefertigt.
Kabelbaumfertigung für Skoda
Der Hauptleitungsstrang für den Enyaq iV wird jetzt parallel zur Produktion in der Ukraine auch in Marokko gefertigt.

Und für welches Vorgehen haben Sie sich bei Skoda entschieden?

Wir fahren doppelgleisig: Wir bleiben dauerhaft in der Ukraine und bekennen uns klar zu unseren Partnern dort. Gleichzeitig investieren wir in internationale Standorte in anderen Ländern und verdoppeln unsere Fertigung, um unsere Fahrzeugproduktion fürunsere Endkunden abzusichern. Unsere ukrainischen Lieferanten liegen glücklicherweise in Gegenden des Landes, in denen aktuell keine Kampfhandlungen stattfinden. Unsere Partner fertigen inzwischen wieder, allerdings nach wie vor mit Einschränkungen: Bei Sirenenwarnungen während der Schicht suchen die Mitarbeiter Zuflucht in eigens eingerichteten Luftschutzvorrichtungen. Dennoch haben wir gleichzeitig auch die Fertigung verlagert.

Kabelstränge verstärkt aus Marokko

Wohin?

Unser Partner PEKM produziert jetzt in der Nähe unseres Stammwerks Mladá Boleslav sogenannte autarke Leitungsstränge, etwa für die Türen und den Heckbereich. Der Hauptleitungsstrang für den Enyaq iV wird jetzt parallel zur Produktion in der Ukraine auch in Marokko gefertigt.

Marokko klingt ziemlich exotisch.

Überhaupt nicht. Marokko hat eine sehr dynamische Entwicklung durchlaufen, hier gibt es hochmoderne Halbleiterfabriken. Da hier bereits die Hauptleitungsstränge für den VW ID. Buzz herstellt werden, konnten wir kurzfristig die Kapazitäten zu erhöhen, um so schnell wie möglich wieder lieferfähig zu sein. Auch nach Rumänien und Bulgarien haben wir Kapazitäten verlagert.

Beim Elektroauto Enyaq iV hieß es, für den Neustart seien erst einmal 1000 Einheiten pro Woche geplant. Wo stehen Sie da gerade?

Wir sind wieder bei voller Kapazität. Wir haben die Tagesproduktion sogar auf 370 Fahrzeuge ausgebaut, die wir derzeit stabil fertigen können.

Das Kabelbaumproblem ist demnach jedenfalls gelöst?

Ja.

„Wir haben die Tagesproduktion auf 370 Fahrzeuge ausgebaut, die wir derzeit stabil fertigen können.“

Schnake über die Fertigung des Skoda Enyaq in Mlada Boleslav

Sind Sie auch sonst wieder im grünen Bereich? Schließlich ist fast alles, was Skoda an Rohstoffen und Vorprodukten braucht, derzeit schwieriger verfügbar und zudem noch viel teurer geworden. Es gibt hohe Preiserhöhungen bei Metallen. Und die Energiepreise haben sich im Vergleich zum Vorjahr um heftige 90 Prozent erhöht. Können Sie da überhaupt gegensteuern?

Diese Frage wird uns jetzt immer wieder gestellt. Hier müssen wir mit unseren Partnern entlang der Lieferkette faire Lösungen finden, denn unsere Zulieferer sind von den Preissteigerungen ja genauso betroffen. Wir sind aktuell dabei, die Bedingungen mit jedem einzelnen Zulieferer so auszubalancieren, dass wir so wenig wie möglich an die Autokäufer weitergeben müssen. Ausschließen können wir diesen Schritt aber nicht. Das ist eine enorme Herausforderung.

Lieferketten sind leergezogen

Noch einmal: Stichwort Preise. Davon sind ja sämtliche Vorprodukte betroffen.

Absolut. Wir sehen das sowohl bei Stählen als auch bei sämtlichen Edelmetallen oder bei Kunststoff-Granulaten. Auch glasfaserverstärkte Kunststoffe, die im Automobilbau sehr häufig verwendet werden oder die jetzt dringend benötigten Windkraftanlagen sind da keine Ausnahme.

Die großen Lieferketten, Stichwort China, laufen nach wie vor nicht rund, oder? Ihr Kommentar?

Beim Warenumschlag und bei der Abfertigung in den Häfen bestehen weiterhin große logistische Schwierigkeiten. Sorge bereitet, dass quasi alle Lieferketten weltweit leergezogen sind. Es gibt nirgendwo mehr Storage, weder auf See, noch in den Lagervorrichtungen. Konkret bedeutet das: Wenn es jetzt irgendwo zu Produktionsausfällen kommt, etwa bei Halbleitern, schlägt das innerhalb von fünf oder sechs Arbeitstagen voll durch.

Also immer noch ein Fahren auf Sicht?

Kurzfristige Störungen der Lieferketten werden uns noch eine Zeit begleiten. Die Versorgungslage ist noch nicht wieder voll auf Kurs, hinter jeder Ecke warten neue Herausforderungen. Das läuft asymmetrisch, in Krisenzeiten lässt sich die Versorgung eben nicht wunschgemäß planen.

Produktion des Skoda Enyaq iV Coupès in Mladá Boleslav 
Die Nachfrage nach dem Elektroauto hat die Erwartungen des Skoda-Managements weit übertroffen. Eine Entspannung bei den Lieferzeiten für das Fahrzeug erwartet das Unternehmen allerdings erst Mitte kommenden Jahres.
Produktion des Skoda Enyaq iV Coupès in Mladá Boleslav
Die Nachfrage nach dem Elektroauto hat die Erwartungen des Skoda-Managements weit übertroffen. Eine Entspannung bei den Lieferzeiten für das Fahrzeug erwartet das Unternehmen allerdings erst Mitte kommenden Jahres.

Was hilft?

Fest steht: Bei der Bewältigung von Krisen funktioniert genau das nicht, was Großkonzerne gerne machen. Ein Festhalten an starren Prozessen, die dann über alle Bereiche brav abgefahren werden. Sie brauchen agile Teams, die gut und effizient miteinander kommunizieren und sich kurzfristig auf Situationen einstellen können, die sich womöglich innerhalb von Minuten komplett verändern. Eine hochflexible Mannschaft ist der Schlüssel.

Im zweiten Teil des Interviews schildert Skoda-Vorstand Schnake die neuen Herausforderungen durch die Elektromobilität.

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