Herr Schnake, wir haben gehört, dass sich bei der Marke VW durch die genannten Schwierigkeiten und den rundum dramatischen Kostensteigerungen der Ertrag pro Elektroauto glatt halbiert haben soll. Wie sieht es in der Beziehung bei Skoda aus?

Die Batterierohstoffe bedeuten eine relativ hohe finanzielle Belastung für uns. Wir sind allerdings sehr zuversichtlich, denn die Nachfrage nach dem Enyaq iV ist unverändert hoch. Und unsere Kunden, die jetzt in die Elektromobilität einsteigen, bevorzugen umfangreich ausgestattete Fahrzeuge. Tatsächlich verleiht der Enyaq iV unserer Marke einen enormen Schub. Die Nachfrage nach diesem Modell hat unsere Erwartungen weit übertroffen.

Wie lange muss man aktuell auf diesen Stromer warten, wenn man ihn jetzt bestellt?

Bei allen Modellen belaufen sich die Lieferzeiten momentan auf mehrere Monate, abhängig von gewählter Ausstattung und Motorisierung. Wir tun alles, um die bestellten Fahrzeuge so früh wie möglich an unsere Kunden auszuliefern.

„Die Batterierohstoffe bedeuten eine relativ hohe finanzielle Belastung für uns.“

Einkaufschef Schnake über die Entwicklung der Kosten von Elektroautos

Kommen wir zu einem Thema, das uns besonders interessiert. Skoda hat am 17. Mai verkündet, dass ein strategisches Etappenziel beim Wandel des Automobilstandorts Tschechien zum Elektromobilitäts-Hub erreicht sei. Dass Skoda nämlich im Stammwerk Mladá Boleslav mit der Herstellung von Batteriesystemen für vollelektrische Fahrzeuge auf Basis des Modularen Elektrifizierungsbaukastens (MEB) begonnen habe – auch für VW, Audi, Seat und Cupra. Wie lief der Start?

Bestens. Dazu trägt auch die Lage von Mladá Boleslav bei. Die kurzen Transportwege zu den VW- und Audi-Standorten sind optimal.

Entspannung bei Lieferproblemen erst 2023

Künftig sollen an dieser neu eingerichteten Fertigungslinie jährlich über 250.000 MEB-Batteriesysteme montiert werden. Wie ist der Stand?

Wir fahren die Produktion jetzt sukzessive hoch und wollen innerhalb der nächsten 12 Monate die volle Kapazität erreichen. Wir haben da allerdings keinen Druck, da die Versorgung mit Batterien bei uns schon jetzt stabil läuft.

Wer liefert eigentlich die wichtigen Batteriezellen?

Die Zellen kommen aus Deutschland, Polen und Ungarn. In Polen fertigt die südkoreanische LG Chem als Partner, in Eisenach die chinesische Firma CATL und aus Ungarn liefert das südkoreanische Unternehmen Samsung.

Fertigung von Batteriemodulen in Mlada Boleslav 
"Wir fahren die Produktion jetzt sukzessive hoch und wollen innerhalb der nächsten 12 Monate die volle Kapazität erreichen."
Fertigung von Batteriemodulen in Mlada Boleslav
„Wir fahren die Produktion jetzt sukzessive hoch und wollen innerhalb der nächsten 12 Monate die volle Kapazität erreichen.“

Dennoch, die extrem langen Lieferfristen bei den Elektromodellen könnten potenzielle Skoda Kunden zum Umstieg zu anderen Herstellern bewegen. Wann gibt es da Entspannung aus ihrer Sicht?

Wer jetzt die richtige Glaskugel hätte, um eine valide Vorhersage zu treffen, der wäre ein glücklicher Mensch. Eine gute Nachricht ist, dass sich Bestellzeiten weiter entzerren werden, da die Zulieferer künftig immer weniger Schwierigkeiten haben. Wir rechnen ab Mitte nächsten Jahres mit Entspannungen bei den Lieferfristen.

Kurz zum Countdown für ein künftiges Elektromodell der Marke, über das wir bei EDISON schon berichtet haben. Wir meinen den geplanten City-Stromer der Marke, der wie der kleine Cupra und der ID.2 von VW bei der spanischen Konzernschwester Seat entwickelt und gebaut werden soll. Hat Skoda da auch Liefer-Anteile, mit denen Sie zu tun haben? Und wenn ja, welche?

ŠKODA AUTO wird bis 2030 mindestens drei weitere Elektromodelle auf den Markt bringen, die preislich und größentechnisch unterhalb der sehr erfolgreichen ENYAQ iV-Familie angesiedelt sein werden. Als Teil des Volkswagen Konzerns nutzen wir Synergien in der technischen Entwicklung und in der Produktion. Daher wird eines dieser drei Modelle in Spanien vom Band laufen. Im Moment ist es allerdings noch zu früh, um weitere Details zu nennen.

„Škoda wird bis 2030 mindestens drei Elektromodelle auf den Markt bringen, die unterhalb der ENYAQ iV-Familie angesiedelt sein werden.“

Schnake über die Modellplanung von Skoda

Ist später auch eine Produktion so eines kleinen Autos in Bratislava denkbar?

Auch zur zukünftigen Belegung der Werke kann ich heute noch nichts sagen.

VWs neuer CEO Thomas Schäfer will bei Einkauf und Beschaffung mehr Synergien zwischen den Volumen-Marken VW, Seat/Cupra und Skoda. Er fordert mehr Zusammenarbeit und neue Leitlinien für alle Beteiligten. Gibt es da tatsächlich noch ungehobene Schätze?

Definitiv, da hat er völlig recht. Hier lassen sich tatsächlich zusätzliche Synergien nutzen, gerade bei der erfolgreichen Bewältigung der aktuellen Situation. Dabei arbeiten wir im Übrigen bereits jetzt markenübergreifend zusammen, das gibt uns mehr Möglichkeiten bei der Sicherung der Versorgung.

Flaschenhals Halbleiter-Versorgung

Angeblich gibt es im VW-Konzern noch sehr spezielle Problemfälle in der Teile-Versorgung. Das waren zuletzt Sportsitze, Schiebedächer, Head up-Displays und Panoramadächer. Wie ist da die Lage?

Bei den  genannten Teilen geht es hauptsächlich um die jeweiligen Steuergeräte und damit sind wir wieder beim Flaschenhals Halbleiterversorgung. Wir hatten bei Skoda noch bis vor kurzem 180 kritische Baugruppen, die inzwischen auf knapp 130 reduziert sind. Dies betrifft auch die genannten Steuergeräte, zum Beispiel für die Schiebedächer. Bei den Halbleitern betreut unsere Mannschaft aktuell mehr als 100.000 kritische Liefercodes, alles unterschiedliche Varianten. Je weiter wir diese reduzieren, desto geringer werden die erwähnten Streuverluste. Aber das ist Teil unserer täglichen Arbeit.

Achtung, jetzt kommt ein kitzliger Punkt. Die Marke VW habe bei der Belieferung mit sensiblen Teilen klar Vorrang, hören wir von den Autohändlern und auch aus Wolfsburg. Was die VW-Elektroautos bei den Lieferfristen dann einseitig bevorzuge. Ihre Meinung dazu?

Wir haben eine klare interne Priorisierung zugunsten batterieelektrischer Fahrzeuge. Dabei geht es aber vor allem darum, Elektrofahrzeuge generell zu fördern. Das ist Kernbestandteil unserer Strategie. Die Nachfrage ist hoch und wir brauchen die batterieelektrischen Fahrzeuge, um unsere CO2-Ziele zu erfüllen. In den entsprechenden Werken Zwickau, Emden, Mladá Boleslav oder Hannover liegt die Priorität daher klar auf E-Modellen.

Nächster spannender Punkt: Skoda will zügig zur CO2-Neutralität in der Produktion. Der Enyaq iV als Modell werde, so heißt es, schon mit CO2-neutraler Bilanz ausgeliefert und es gäbe eine CO2-neutrale Fertigung im tschechischen Getriebewerk-Werk Vrchlabí.

Das ist richtig, wir reduzieren die CO2-Emissionen entlang der gesamten Herstellungskette und kompensieren falls nötig. Das ist auch unseren Kunden wichtig. In unseren Fahrzeugen setzen wir gezielt auf Materialien, die das Klima schonen — von den Sitzbezügen aus recycelten PET Flaschen bis zu natürlichen Materialien  in den Türverkleidungen. Es ist unser erklärtes Ziel, sämtliche Materialien in eine Kreislaufwirtschaft zu bringen.

Bigger Picture
Beim neuen Regenschirm, das Skoda seinen Fahrzeugen beifügt (rechts), besteht der Haltegriff aus Hanffasern. Zudem lässt er sich bei einem Partnerunternehmen reparieren. So ökologisch war das Vorgängermodell (links) nicht.

Beispiele?

Schauen Sie sich diese beiden Regenschirme auf dem Tisch an. Den einen kennt jeder Skoda-Kunde, er findet ihn in der Tür seines Fahrzeugs. Das Modell daneben kommt demnächst in unsere Autos. Es besteht zu 100 Prozent aus recyceltem Material, der Griff ist aus Hanffaser gefertigt. Diesen Schirm kann man bei unserem Partner Doppler sogar reparieren lassen. Ein kleines, aber wichtiges Feature, das gleichzeitig das „bigger picture“ aufzeigt: Wir wollen mehr Nachhaltigkeit in unsere Fahrzeuge bringen.

Was liegt Ihnen denn beim Thema Nachhaltigkeit noch so am Herzen?

Besonders wichtig mir die Wiederaufbereitung von Wasser. Wir wollen unser Industriewasser wiederverwerten und es gereinigt wieder in den Kreislauf einspeisen. Wir wollen nicht auf natürliche Ressourcen, also Oberflächen- oder Grundwasser, zurückgreifen müssen.

Das Schwestermodell des VW ID.4 und des Audi Q4 e-tron nutzt den Elektro-Baukasten von Volkswagen - ist aber trotzdem ein Skoda geblieben. Was kein Nachteil ist. Elektroauto

Können Sie was zu den ganz großen CO2-Zielen der Marke sagen?

Ab 2030  fertigen wir unsere Fahrzeuge in allen tschechischen und indischen Werken CO2-neutral. Und der Anteil rein batterieelektrischer Fahrzeuge an den Verkäufen der Marke ŠKODA soll in Europa – je nach Marktentwicklung – bis 2030 auf 50 bis 70 Prozent steigen. Für Märkte, die nicht so schnell auf Elektromobilität umstellen können, werden wir für den Konzern allerdings noch eine neue, effiziente Verbrenner-Plattform entwickeln.

Batterie-Recycling wird Kernthema

Und wie sieht es bei Skoda mit dem zweiten Lebenszyklus und dem Recycling der Batterien der Elektrofahrzeuge aus? Die taugen ja zum Beispiel noch für stationäre Stromspeicher, Audi nutzt sie innerbetrieblich für Flurförderfahrzeuge wie Gabelstapler und Zugmaschinen.

Bei der Wiederverwendung arbeiten meine Kollegen aus dem Vertrieb bereits mit entsprechenden Partnern zusammen. Da gibt es vielversprechende Kooperationen. Klar ist: Am Ende des Tages geht es um Recycling, schließlich verwenden wir in diesen Batterien wertvolle Rohstoffe, die nicht unendlich gefördert werden können. Auch damit beschäftigen wir uns. In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren wird das sicherlich zu einer eigenständigen Industrie werden – mit externen Dienstleistern für uns und unsere Wettbewerber.

Für Märkte, die nicht so schnell auf Elektromobilität umstellen können, werden wir für den Konzern noch eine neue, effiziente Verbrenner-Plattform entwickeln.

Karsten Schnake über die Antriebswende im VW-Konzern

So, diese Frage muss noch sein: Die Corona-Fallzahlen steigen gerade wieder. Gibt es eigentlich eine Strategie, für den Fall, dass die Pandemie im Herbst oder im Winter massiv zurückkehrt?

Für unsere Lieferketten haben wir diverse Strategien erarbeitet, zumal wir durch die extrem harten Lockdowns in China bereits gewarnt sind. Wir haben inzwischen technische Alternativen, mit denen wir Risiken auffangen können. Bei einfachen elektronischen Bauteilen, die man nur softwareseitig verändern muss, haben wir in den letzten drei Monaten viele Komponenten mit Fabrikaten aus anderen Ländern ersetzt. Intern haben wir in den vergangenen zwei Jahren, speziell was Corona betrifft, viele Erfahrungen gesammelt. Tschechien war von der Pandemie ja besonders hart betroffen. Da liegen jetzt viele gute Strategien in der Schublade.

Kunden fordern nachhaltige Lösungen

Meine Lieblingsfrage wie immer am Schluss. Haben wir was Wichtiges vergessen, was Ihnen aber am Herzen liegt?

Ja, ich habe ich noch einen Punkt zu E-Mobilität und Nachhaltigkeit. Wir unternehmen diese Anstrengungen im Bereich Elektrifizierung nicht deshalb, weil das Thema gerade Up to date ist. Was aktuell passiert, hat mit einer massiven Veränderung der Wahrnehmung unter unseren Kunden zu tun. Diese sind heute viel sensibler und erwarten jetzt nachhaltige Features von uns – das beginnt bereits bei den Inhaltsstoffen der Sitzbezüge.

Das bedeutet?

Dass diese Themen unseren Kunden inzwischen so wichtig sind, ist eine Triebfeder für uns, hier so schnell wie möglich weiter voranzukommen. Außerdem macht es Spaß. Wir haben uns schon vor eineinhalb Jahren intensiv mit Thomas Schäfer dazu ausgetauscht. Auch für ihn ist dieser Bereich allein schon durch seine berufliche Biografie sehr wichtig , wenn man an soziale und nachhaltige Projekte in Afrika denkt.

Aus Plastikmüll werden Sitzbezüge 
Die Stoffbezüge für die Sitze des Skoda ENYAQ iV bestehen zu 70 Prozent aus recycelten PET-Flaschen. Beim Zulieferer Sage Automotive Interiors werden die Stoffe gesponnen. Fotos: Skoda
Aus Plastikmüll werden Sitzbezüge
Die Stoffbezüge für die Sitze des Skoda ENYAQ iV bestehen zu 70 Prozent aus recycelten PET-Flaschen. Beim Zulieferer Sage Automotive Interiors werden die Stoffe gesponnen. Fotos: Skoda

Was plant Skoda da denn konkret?

Wir haben mit unseren Zulieferern das spannende Projekt »Sustainable Innovations« entwickelt, wo wir alle diese Ideen entwickeln. Dort engagieren sich Mitarbeiter, die tolle Vorstellungen von Nachhaltigkeit haben, die etwas verändern wollen. Auf dieser Plattform sind 2,5 Millionen Menschen aktiv, dieses Potential wollen wir nutzen. Das ist ja auch typisch Škoda: Die Marke ist immer pragmatisch und sehr schnell in ihren Entscheidungen.

Haben Sie da noch ein schönes praktisches Beispiel?

Unser langjähriger Partner Treves, der für uns Dämmstoffe produziert, beschäftigt sich mit der Verwertung von alten Matratzen, die sonst auf dem Müll landen würden. Diese werden gereinigt, desinfiziert, aufbereitet und zerkleinert. Anschließend entstehen daraus neue Akustikdämmungen für unsere Fahrzeuge. Ein anderes Beispiel sind die Stoffbezüge für die Sitze in den Modellen unserer vollelektrischen ENYAQ iV-Familie aus 30 Prozent Wolle und 70 Prozent recycelten PET-Flaschen.

Herr Schnake, vielen Dank für das Gespräch.

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