In der Formel 1 taumelt Aston Martin 2026 am Tabellenende herum und Altmeister Fernando Alonso schimpft offen über die neuen Hybrid-Regeln. Auf der Straße hingegen feiert die britische Nobelmarke die Elektrifizierung – zumindest als brachialen Teilzeitstromer: Mit dem Valhalla Spider rollt nun der stärkste und schnellste offene Aston Martin aller Zeiten an. Doch während die Konkurrenz von Ferrari bis Jaguar bereits mit reinen Stromern vorprescht, stellt sich die Frage: Wann baut Gaydon endlich das erste echte Elektroauto?
Die Stimmung im Lager des Aston Martin Aramco Formula One Teams dürfte derzeit nahe am Gefrierpunkt liegen. Lediglich sieben Zähler haben Fernando Alonso und Teamkollege Lance Stroll bislang eingefahren – damit liegt man aktuell auf dem vorletzten Platz in der wichtigen Konstrukteurswertung. Das neue Motorenreglement und die komplexe Hybrid-Antriebseinheit von Werkspartner Honda bereiten den Briten sichtlich Kopfzerbrechen.

So spektakulär wie der Antrieb ist auch das Design des Hypercars. Die Flügeltüren des Spider erhöhen den Showeffekt noch einmal.
Besonders Routinier Alonso redet nicht lange um den heißen Brei herum. Nach zähen Rennen wetterte der zweifache Weltmeister jüngst unverblümt gegen die neue Ära: Hybridfahrzeuge gehörten seiner Ansicht nach schlicht nicht in den echten Rennsport.
Doch so laut der Spanier auch fluchen mag: Im Straßenverkehr führt an der Elektrifizierung längst kein Weg mehr vorbei. Das weiß man auch in der Firmenzentrale in Gaydon. Nach dem Debüt des geschlossenen Mittelmotor-Supersportlers Valhalla Coupé Anfang des Jahres zieht Aston Martin nun das Tuch vom nächsten Schritt der hauseigenen PHEV-Offensive: Vorhang auf für den Aston Martin Valhalla Spider.
Rennsport-Technik ohne Dach: 350 km/h im offenen Cockpit
Während das F1-Team auf der Strecke kämpft, floss das Ingenieurswissen der Rennsport-Spezialisten von Aston Martin Performance Technologies (AMPT) ungebremst in das Straßen-Hypercar. Das Monocoque aus Carbonfaser wurde mit modernsten Harz-Injektions- und Autoklav-Verfahren aus der Königsklasse geformt, um trotz des fehlenden festen Dachs maximale Verwindungssteifigkeit zu garantieren.

Für Komfort im Cockpit des Aston Martin Valhalla Spider soll ein neuer Touring-Sitz, der die Carbonsitzschale mit etwas mehr Polsterung versieht. Die Schalensitze, mit denen die geschlossene Version ausgeliefert wurde, empfanden einige Käufer als zu hart.
Die Eckdaten des offenen Briten lesen sich spektakulär:
- Systemleistung: Atemberaubende 1.079 PS (793 kW) und 1.100 Nm Drehmoment.
- Antriebs-Mix: Herzstück ist ein maßgeschneiderter 4,0-Liter-Twin-Turbo-V8 mit Flat-Plane-Kurbelwelle, der allein 828 PS bei kreischenden 7.000 Touren mobilisiert – mit 207 PS pro Liter die höchste Literleistung aller Aston-Martin-Verbrenner der Historie.
- Drei Elektromotoren: Zwei E-Maschinen treiben die Vorderachse an und ermöglichen radindividuelles Torque Vectoring für messerscharfe Kurvenradien. Der dritte E-Motor sitzt direkt im neu entwickelten Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe an der Hinterachse. Zusammen steuern die Elektromotoren umgerechnet 251 PS bei.
- Fahrleistungen: Von null auf 100 km/h stürmt der Teilzeitstromer in geschätzten 2,5 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 350 km/h.
Bemerkenswert: Diese 350 km/h erreicht der Spider nicht nur mit geschlossenem Carbon-Hardtop, sondern auch bei komplett geöffnetem Verdeck. Um dabei weder Frisur noch Anpressdruck zu ruinieren, tüftelten die Aerodynamiker an einem speziellen Windabweiser, einem um 35 Millimeter erhöhten Ansaugschnorchel hinter den Köpfen und aktiven Flügelelementen, die über 600 Kilogramm Abtrieb generieren.
Akku & Laden: Alibi-Reichweite für die Nachbarschaft
Wer rein elektrisch unterwegs sein will, muss allerdings haushalten. Die verbaute Hochleistungsbatterie (HLB) im 400-Volt-System fasst gerade einmal 6,1 kWh Speicherkapazität. Das reicht für eine rein elektrische Reichweite von mageren 14 Kilometern – mehr als das lautlose Vorrollen an die Hotelvorfahrt oder das morgendliche Verlassen der Wohnsiedlung ohne Nachbarschaftsärger ist damit kaum drin. Im EV-Modus regelt die Elektronik zudem bei 140 km/h ab; darüber schaltet sich der Achtzylinder unweigerlich zu.

Serienmäßig liefert Aston Martin den Spider mit einem abnehmbaren Stoffverdeck aus (bei dessen Nutzung das Tempo auf 200 km/h limitiert ist). Für den US-Markt gehört ein festes Carbonfaser-Hardtop zum Standardumfang.
Als vollwertiger Plug-in-Hybrid lässt sich der Brite freilich auch an der heimischen Wallbox oder an öffentlichen Wechselstromsäulen aufladen. Doch auch hier setzt Aston Martin klare Prioritäten auf Leichtbau statt schneller Ladeelektronik: An Bord sitzt lediglich ein zweiphasiger On-Board-Lader, der die Wechselstrom-Aufnahme auf maximal 7 kW begrenzt. Der Akku soll vor allem per Rekuperation und über den V8-Motor während der Hatz auf dem Rundkurs nachladen.
Der Zeitplan: Debüt in Las Vegas, Auslieferung 2027
Offiziell enthüllt wird der Valhalla Spider an diesem Wochenende beim Schönheitswettbewerb im Hotel „Wynn Las Vegas“. Bis betuchte Kunden den offenen, voraussichtlich über eine Millionen Euro teuren Teilzeitstromer durch die Serpentinen scheuchen dürfen, vergeht allerdings noch etwas Zeit: Der Auslieferungsstart ist für das dritte Quartal 2027 angesetzt.

Zwei E-Maschinen treiben die Vorderachse an und ermöglichen radindividuelles Torque Vectoring für messerscharfe Kurvenradien. Der dritte E-Motor sitzt direkt im neu entwickelten Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe an der Hinterachse.
Serienmäßig liefert Aston Martin den Spider mit einem abnehmbaren Stoffverdeck aus (bei dessen Nutzung das Tempo auf 200 km/h limitiert ist), für den US-Markt gehört ein festes Carbonfaser-Hardtop zum Standardumfang. Flankiert wird der offene Auftritt von gewohnt dramatischen Carbon-Flügeltüren, die nun rahmenlos konstruiert sind.
Und wann kommt der erste Vollstromer aus Gaydon?
So faszinierend der Valhalla Spider als technologisches Statement ist: Er bleibt im Kern eine Verbrenner-Symbiose. Der E-Antrieb dient primär als brutaler Drehmoment-Booster für die Rennstrecke und weniger als ernsthafte Mobilitätswende. Damit hinkt Aston Martin der Konkurrenz strategisch hinterher. Jaguar wagt mit dem radikalen Neuanfang rund um den viertürigen GT „Type 01“ den Sprung zur reinen Luxus-Elektromarke. Und Erzrivale Ferrari hat mit dem Luce seinen ersten batterieelektrischen Supersportwagen sogar schon im Lieferprogramm.

Die Scheinwerfereinheit des Aston Martin Valhalla Spider ist kunstvoll gestylt – und in der Nacht trotzdem hoch wirkungsvoll.
Fotos: Aston Martin
Bei Aston Martin hingegen tritt man bei der reinen E-Mobilität beherzt auf die Bremse. Der neue Firmenchef Adrian Hallmark – der erst vor Kurzem das Steuer in Gaydon übernahm – dämpfte die Erwartungen in einem aufsehenerregenden Interview mit dem britischen Magazin Autocar drastisch. Ursprünglich für Mitte des Jahrzehnts versprochen, wird Aston Martin demnach vor mindestens 2033 kein reines Elektroauto auf den Markt bringen.
Plug-in-Hybride als „Stecker-Alibi“
Hallmarks Begründung ist pragmatisch bis ernüchternd: Die erhoffte Nachfrage der wohlhabenden Kundschaft nach reinen E-Sportwagen existiere schlicht nicht in dem Maße, wie man es vor Jahren prognostiziert hatte. Stattdessen setzt der Luxusbauer auf ein langes Weiterleben der prestigeträchtigen V8- und V12-Aggregate – garniert mit Plug-in-Hybridtechnik wie im Valhalla.
Für Formel-1-Haudegen Fernando Alonso dürfte diese Marschrichtung Balsam auf die geschundene Rennfahrerseele sein. Aus Sicht der automobilen Transformation zeigt sich jedoch: Während andere Nobelmarken die elektrische Zeitenwende aktiv vorantreiben, bleibt Gaydon auf absehbare Zeit eine Festung für Zylinderbänke und Auspuffrohre – mit etwas Stecker-Alibi.