Ob Elektroauto oder Verbrenner: In den vergangenen Jahren dominierten starre Glasflächen die Fahrzeugdächer. Marcel Bartling, Technikvorstand und stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Webasto, erklärt im Edison-Interview, warum die Ära der Monokultur vorbei ist, wie neue Mechaniken trotz Batterien im Unterboden für Kopffreiheit sorgen – und warum Automobilhersteller wieder mehr Mut zu sinnvoller Varianz beweisen müssen.
Herr Bartling, Cabriolets und öffenbare Dächer sind auf unseren Straßen in den vergangenen Jahren selten geworden. Woran liegt das?
Marcel Bartling: Das hat verschiedene Gründe. Ein wesentlicher Treiber war die Welle der Elektromobilität und die Integration der Batterie im Unterboden. Um den CO₂-Wert beziehungsweise die Aerodynamik des Fahrzeugs positiv zu halten, gab es klare Höhenlimitierungen. Um oben im Innenraum keinen Bauraum zu verlieren, wurde die Öffnungsmechanik aus dem Dach herausgenommen und auf fixe Glasscheiben gesetzt. Ein zweiter Treiber war die Entwicklungskomplexität: Die Hersteller mussten in den letzten fünf Jahren parallel Verbrenner weiterentwickeln und zusätzlich Elektroautos auf den Markt bringen – und das mit begrenzten Kapazitäten und Budgets. Drittens hat Tesla ganz konsequent einen Designtrend hin zur durchgängigen, fixen Glasfläche mitgeprägt, dem viele gefolgt sind.

Marcel Bartling verantwortet beim Autozulieferer die Bereiche Elektromobilität, Technologieentwicklung und das Endkundengeschäft. Seine Karriere begann der Ingenieur bei Mercedes AMG, seit 2024 ist er Vize-Vorstandschef und Technikvorstand von Webasto.
In Foren liest man durchaus Kritik an starren Glasdächern – etwa wegen Hitzeentwicklung oder fehlendem Sonnenschutz. Sehen Sie bereits eine Wende im Markt?
Ja, absolut. Die Diskussionen mit den Herstellern werden wieder deutlich offener, und es kommen wieder mehr öffenbare Funktionen. Umfragen zeigen, dass Endkunden im Kern zwei Dinge wollen: Sie wollen die Öffnung zurück, also frische Luft und den freien Blick nach oben. Und sie wollen das, was wir „Cocooning“ nennen – die Möglichkeit zur Abschattung, wenn man Schutz vor Sonneneinstrahlung oder einfach Geborgenheit sucht. In Ländern wie China oder in sehr sonnigen Regionen entsteht dadurch eine echte Marktdynamik, weil Kunden sich vor starker Einstrahlung schützen wollen.
„Wir haben den Glauben ans klassische Cabriolet nie aufgegeben.“
Ein aufsehenerregendes Beispiel ist der neue Renault 4 Plein Sud mit elektrischem Faltdach von Webasto. Gibt das Hoffnung auf eine Renaissance des Freiluft-Fahrens?
Der Renault 4 zeigt genau diesen Trend. Das Feedback der Kunden ist hervorragend. Und es zeigt auch anderen Herstellern, die in den letzten Jahren vielleicht zurückhaltender waren, dass sich solche Konzepte auszahlen. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen: Wir haben uns als Familie privat den elektrischen Fiat 500 mit Faltdach gekauft. Elektrisch und mit geöffnetem Dach zu fahren, wenn das Wetter schön ist – das passt einfach perfekt zusammen.
Wie steht es um das klassische Cabriolet? Die Ära der Klapp-Blechdächer aus den 2000er-Jahren ist vorbei – haben Stoffdächer im Elektrozeitalter eine Zukunft?
Klapp-Blechdächer sehen wir in der Tat nicht mehr. Beim Elektroauto spielt das Fahrzeuggewicht wegen der schweren Batterie eine entscheidende Rolle. Da bietet ein gut gemachtes Stoffdach erhebliche Gewichtsvorteile – ohne relevante funktionale oder akustische Nachteile gegenüber einem Metalldach. Wir haben den Glauben ans klassische Cabriolet nie aufgegeben. Und der Markt gibt uns recht: Porsche bringt erstmals ein GT3 Cabrio, BMW setzt dem Vernehmen nach auf offene Stromer, und selbst in China sehen wir ein wachsendes Interesse an Cabriolets. Das zeigt, dass diese Karosserieform weltweit wieder stärker nachgefragt wird.

„Beim Elektroauto spielt das Fahrzeuggewicht wegen der schweren Batterie eine entscheidende Rolle. Da bietet ein gut gemachtes Stoffdach erhebliche Gewichtsvorteile.“ Dem Vernehmen nach könnte der offene BMW 2028 auf den Markt kommen. Computerretusche: Larsson
Wenn die Batterie im Unterboden des Elektroautos Platz raubt: Wie lösen Ihre Ingenieure den Zielkonflikt zwischen Schiebedach-Mechanik und Kopffreiheit?
Indem wir die Bauhöhe der Mechanik extrem minimieren. Früher hatten Schiebedächer breitere Rahmen, Trennfugen oder dicke Stabilisierungsbereiche. Wir innovieren die Mechanik so, dass das Dach optisch wie eine durchgehende Glasfläche wirkt, aber trotzdem geöffnet werden kann. Wir arbeiten aktuell sogar an einem Panoramadach aus Glas mit einer extrem großen Öffnungsfunktion – vergleichbar mit der Öffnungsweite eines Faltdachs bis über die Rückbank hinaus, aber vollständig aus Glas.
„Wir als Ingenieure müssen vor allem eines wieder lernen: mehr auf den Endkunden zu hören!“
Welche Technik setzt sich bei der Abschattung durch: Glas, das sich auf Knopfdruck verdunkelt, oder das klassische Rollo?
Es wird beides geben. Bei schaltbaren Gläsern entwickeln wir Lösungen mit noch höherem Schalthub, damit es im Innenraum wirklich dunkel wird. Gleichzeitig innovieren wir weiter bei Rollosystemen, um auch dort den Bauraum für die Mechanik drastisch zu reduzieren. Sowohl Autohersteller als auch Endkunden fragen weiterhin nach beiden Lösungen.
Welche Möglichkeiten bieten fixe Glasdächer, wenn der Kunde keine Öffnungsfunktion wünscht?
Wenn ein fixes Glasdach gewünscht ist, wird das Dach zur Design- und Lichtfläche. Wir können Grafiken, Markenlogos oder Sternenhimmel-Effekte in das Glas integrieren. Für den indischen Hersteller Mahindra haben wir beispielsweise ein Dach mit integrierter „Batman“-Grafik umgesetzt. Da ist der Kreativität kaum eine Grenze gesetzt.

Das berühmte Fledermaus-Emblem aus der Hollywood-Produktion „The Dark Knight“ zierte das beleuchtete Panorama-Glasdach des Elektro-SUV aus Indien. Die 999 schwarzen Exemplare der Sonderserie waren am Batman-Tag in kürzester Zeit vergriffen. Foto: Webasto
Apropos Indien: Webasto baut dort derzeit ein neues Werk für öffenbare Dachsysteme. Unterscheidet sich die Nachfrage dort von Europa?
In Indien sehen wir einen extrem starken Trend zu öffenbaren Schiebedächern. Wir bauen dort nach dem Prinzip „Local for Local“ eigene Kapazitäten auf. Während in manchen Regionen der Sonnenschutz dominiert, ist in Indien der Wunsch riesig, den Himmel zu sehen und Luft direkt ins Fahrzeug zu lassen.
Webasto ist Weltmarktführer bei Dachsystemen. Welchen Appell richten Sie an die Automobilhersteller?
Wir als Ingenieure müssen vor allem eines wieder lernen: mehr auf den Endkunden zu hören! Wenn man konsequent vom Nutzen für den Kunden her denkt, eröffnen sich enorme Möglichkeiten zur Differenzierung. Unterm Blech ist Standardisierung absolut sinnvoll. Aber dort, wo der Kunde einen klaren Mehrwert spürt und bereit ist, dafür zu bezahlen, müssen die Hersteller wieder mutig Varianz anbieten. Das Dach ist dafür eine hervorragende Fläche – gerade auch im Wettbewerb der europäischen Hersteller mit der chinesischen Konkurrenz.
Welches Dachsystem fahren Sie eigentlich selbst am liebsten privat?
Mein persönlicher Favorit ist ein großes öffenbares Schiebedach mit Rollo: Viel Glas für freien Durchblick bei geschlossenem Dach, ein großer Öffnungswinkel für schönes Wetter – und ein Rollo für Geborgenheit und Ruhe, wenn man mal gestresst ist. In der Familie fahren wir einen Audi Q6, der genau das bietet, und für die Stadt den elektrischen Fiat 500 mit Faltdach. Schönes Wetter, das Dach geöffnet und geräuschlos mit der Kraft des elektrischen Antriebs unterwegs – das ist Fahrspaß pur!
Vielen Dank für das Gespräch.