Das Schlüsselerlebnis hatte Herbert Diess vor bald fünf Jahren. Damals durfte er als Chef des Volkswagen-Konzerns auf einem Acker in Ruanda als erster ein paar Runden mit dem 2,2 Tonnen schweren und 20 kW (27 PS) starken Prototypen eines Traktors drehen. Konzipiert worden war das Gefährt von dem niederländischen Architekten Rem Kohlhaas, dem VW-Designer Peter Wouda sowie dem VW-Ingenieur Holger Lange, gefördert worden war die Entwicklung von dem heutigen VW-Markenchef Thomas Schäfer in seiner früheren Funktion Volkswagen Group South Africa.

Das Besondere an dem robusten Traktor war nicht allein sein Elektroantrieb, sondern ein Batterie-Wechselsystem. Dahinter stand die Idee, Kleinbauern in Afrika ein Arbeitsgerät an die Hand zu geben, das die Erträge vom Feld steigert ohne die Umwelt zu belasten. Der Fahrstrom sollte deshalb mithilfe von Solarstationen gewonnen und der Traktor von den Bauern einer Dorfgemeinschaft geteilt werden. Zudem sollten die 32 Kilowattstunden großen Akkus als mobile Stromquelle fungieren, um etwa Elektrowerkzeuge oder kleine Haushalte fernab des Netzes zu versorgen.

Ackern in Afrika 
Diess, damals noch Vorstandschef des Volkswagen-Konzerns, bei der Probefahrt mit dem Mk1 des GenFarm-Projekts in Ruanda.
Ackern in Afrika
Diess, damals noch Vorstandschef des Volkswagen-Konzerns, bei der Probefahrt mit dem Mk1 des GenFarm-Projekts in Ruanda.

Weniger den idealistischen als vielmehr den technischen Ansatz verfolgt Diess – der im Juli 2022 vom VW-Aufsichtsrat geschasst worden war – nun in einem privaten Projekt weiter. Wie der Manager in einem Post auf der Internet-Plattform LinkedIn bekanntgab, will seine in Gründung befindliche und in München beheimatete Diess E-Agrartechnik AG im kommenden Jahr einen „revolutionären neuen Mittelklasse E-Traktor für Landwirte und Kommunale Dienste“ auf den Markt bringen. Mit einem Wechsel-Akkusystem für einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb und einer Schnittstelle für eine Vielzahl von Anbauteilen. Das macht die neue Zugmaschine, wirbt der Unternehmer, „zum wahrscheinlich am vielseitigsten einsetzbaren Traktor im Markt„, „vollständig wettbewerbsfähig mit vergleichbaren Diesel-Fahrzeugen bei um 50 Prozent reduzierten Betriebskosten.“

Diess plant komplettes Ökosystem

Und die DIESS E-Agrartechnik AG will Landwirten in Europa nicht nur die Zugmaschine mit den vier gleichgroßen Rädern und die Akku-Wechselstationen verkaufen, sondern auch die Solaranlagen und elektrischen Anbaugeräte. Später auch Lösungen für das vollautonome Ackern. Wenn schon, denn schon. Technische Details etwa zur Antriebsleistung oder der Speicherkapazität der Antriebsbatterien werden noch nicht verraten, nur so viel: „Wir sind voll im Zeitplan der Produktentwicklung.“ Dank der Unterstützung durch ein „innovatives, etabliertes Landmaschinen-Unternehmen“ und kompetente und sehr wettbewerbsfähige Zulieferer.

Entwickelt im Allgäu 
Der vollelektrische Onox1 des Start-ups aus Isny verfügt über ein Batterie-Wechselsystem und soll ebenfalls 2027 an den Start gehen.
Entwickelt im Allgäu
Der vollelektrische Onox1 des Start-ups aus Isny verfügt über ein Batterie-Wechselsystem und soll ebenfalls 2027 an den Start gehen.

ONOX zählt aber wohl nicht dazu. Das Startup aus Isny hat hat sich in der Branche mit seinem Onox1 bereits einen Namen gemacht – einem 60 kW starken und bis zu 40 km/h schnellen „Grünland-, Hof- und Kommunal-Traktor“ mit elektrischem Allradantrieb und einem fest montierten 30 kWh-Akku. Dieser kann bei Bedarf um bis zu fünf, 40 kWh große 48-Volt-Wechselakkus ergänzt werden, um den 4,2 Tonnen schweren Schlepper rund um die Uhr betreiben zu können.

Diess hat „einige Ideen“ bei ONOX aufgeschnappt

Die jungen Allgäuer konnten mit ihrem Fahrzeug, das ebenfalls 2027 in den Handel kommen soll, bereits den Deutschen Nachhaltigkeitspreis gewinnen und zeigen, dass Elektromobilität auf dem Feld auch ohne Abgase und Lärm funktioniert. Laut ONOX-Projektleiter Daniel Hornung hatte Diess auf der Fachmesse Agritechnica im vergangenen Jahr den Stand von ONOX und „einige Ideen für das Wechselakku-Konzept aufgeschnappt“.

Auch eine Personalie sorgt in den eher konservativen Kreisen des Landmaschinen-Handels für Diskussionen. Diess hat in dem LinkedIn-Post angekündigt, den Vertrieb seines „E-Agrar“-Babys in die Hände einer Frau zu legen: Er sucht explizit eine Vertriebschefin – ohne großes i. Bewerbungen werden unter der persönlichen Mailadresse [email protected] ab sofort entgegen genommen.

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