Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Das gilt erst recht für Reisen mit dem Elektroauto. Die Suche nach einer freien Ladesäule liefert ebenso Gesprächsstoff wie beispielsweise das Bemühen, mithilfe irgendwelcher Apps oder Plastikkarten Ladepunkte zu aktivieren: Der Alltag eines Elektromobilisten kann auch mitten in Deutschland mitunter noch recht abenteuerlich sein.

Auch Naser Abu Daqqa und Julian Dörreich können eine ganze Menge erzählen – sie haben mit Elektroautos in den vergangenen Jahren schon eine ganze Menge erlebt, privat wie beruflich. Der eine unter anderem als Abteilungsleiter Elektromotoren und Leistungselektronik bei Porsche sowie als Produktmanager für Hybridantriebe bei Daimler, der andere als Projektleiter e-Drive Software bei Bosch und als Sachgebietsleiter Elektrische Antriebe bei Porsche.

„Wir wollen fahren – nicht laden“

Bei ungezählten Ausfahrten mit Elektroautos kreuz und quer durch die Republik haben die beiden Ingenieure immer wieder erleben können, wie viel Zeit auf der Suche nach und beim Aufenthalt an einer Ladesäule verloren gehen kann. Zeit, die sie gerne anders genutzt hätten als nur zum Checken von E-Mails. „Wir sind Antriebsentwickler. Wir wollen fahren – nicht parken und laden“, erklärt Dörreich.

Schnell und flexibel
Die beiden eTree-Gründer Julian Dörrich und Naser Abu Daqqa mit den Investoren Stephan Weik und Dietmar Voggenreiter (v.r.), die im neuen Unternehmen für Marketing und Finanzen zuständig sind. Im Hintergrund der Prototyp des ersten Lade-Mobils. Foto: eTree

Deshalb haben sie nun einen neuen Service aus der Taufe gehoben. Sein Name: eTree. Das Konzept des „Elektro-Baums“: Statt lange nach Ladesäulen zu suchen und an diesen wertvolle Zeit zu vertrödeln, sollen Fahrer von Elektroautos an den Orten, an denen sie länger verweilen – im Restaurant, im Theater, im Fußballstadion oder während einer Besprechung bei einem Geschäftskunden – per App ein Lade-Mobil herbeirufen um von diesem den Akku ihres Stromers aufladen zu lassen.

Dazu muss über das Smartphone lediglich der Standort des Fahrzeugs und die Ankunftszeit angegeben – und bei Eintreffen des eTree-Fahrzeugs per App die Ladeklappe geöffnet werden. Abgerechnet wird über die Plattform. Wer mag, kann den Ladevorgang auch über sein Smartphone verfolgen. Aber ansonsten geht keine Zeit mehr verloren. Zumal das Kunden-Auto mit Gleichstrom und einer Ladeleistung von bis zu 180 Kilowatt „gefüttert“ wird: Spätestens nach einer halben Stunde ist der Akku des Elektroautos wieder voll, kann die Fahrt fortgesetzt werden.

Mobiler Ladeservice soll 2022 starten

Im kommenden Frühjahr soll der neue Service von eTree in Deutschland starten. Wo und wann, können die Erfinder des (zum Patent angemeldeten) Systems noch nicht sagen. Denn die Flotte von 100 Fahrzeugen, die im ersten Schritt nötig wäre, um einen bundesweiten Einsatz sicherzustellen, sollen Franchise-Partner betreiben. Das könnten Taxiunternehmen sein, Energieversorger, Automobilclubs, Handelsketten, Parkhausbetreiber oder Abschleppdiente – „wir sind da noch völlig offen“, sagt Abu Daqqa.

Ladestation – bitte kommen!
Per App soll in Zukunft der Ladeservice zum Elektroauto gerufen werden können. Abgerechnet werden kann entweder Ad-hoc oder über Abo-Modelle. Foto: eTree

Zusammen mit den strategischen Partnern sollen dann zum Jahreswechsel auch die Tarife für das mobile Laden festgelegt werden. Die beiden Gründer haben zusammen mit ihren Investoren, dem früheren Audi-Vorstand und heutigen Unternehmensberater Dietmar Voggenreiter sowie dem Marketing-Spezialisten Stephan Weik verschiedene Preis- und Abomodelle ausgearbeitet, die beispielsweise auch in Kooperation mit den Herstellern von Elektroautos angeboten werden könnten.

Sie reichen von einem einfachen „Reichweitenangst-Schutzbrief (der gegen eine Pauschale einen Ladevorgang im Jahr vorsieht) bis hin zu einem Rundum-Sorglos-Paket mit einer begrenzten oder unbegrenzten Zahl von Ladevorgängen. Auch spontane Hilferufe ohne Vertragsbindung sollen möglich sein. Aber immer soll die Kilowattstunde Strom an dem mobilen Lader nur in etwa so viel kosten wie im Schnitt an einer stationären Schnellladestation.

„Strom-Tanker“ auf Basis des Tropos Able

Und wie kommt der Strom zum Elektroauto? Natürlich mit einem Elektroauto. Zusammen mit den Leichtbau-Spezialisten von Kussmaul aus Weinstadt – die unter anderem für McLaren und Bugatti tätig sind – haben die e-Tree-Gründer auf Basis des Elektro-Kleintransporters Able von Tropos-Motors aus Herne den Prototypen eines „Strom-Tankers“ entwickelt, den sie jetzt in der Motorworld Böblingen präsentierten.

Timo Sillober von EnBW im Ladetalk Timo Sillober ist Chief Sales & Operations Officer bei der EnBW. In der Funktion leitet er auch den Aufbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Wie gut. Denn da gäbe es einiges zu besprechen. Laden

Der 3,70 Meter lange und nur 1,40 Meter breite Kastenwagen hat zwei Akku-Module an Bord, die samt Thermomanagement-System 700 Kilogramm wiegen und in der aktuellen Ausbaustufe 200 KWh Strom speichern. Theoretisch können daran sogar zwei Elektroautos gleichzeitig Strom „nuckeln“. Angedacht sind auch größere Fahrzeuge mit noch größeren Energiespeichern an Bord – zum Laden und Fahren: Der Tropos Able kommt selbst nur 260 Kilometer weit und darf mit einer Höchstgeschwindigkeit von 61 km/h auch nur gerade so auf die Autobahn.

Ein eTree-Tanker ersetzt 18 Ladesäulen

Theoretisch kann der mobile Schnelllader bis zu 18 stationäre Schnellladesäulen ersetzen. Aber wie Abu Daqqa und Dörreich versichern, habe eTree nicht vor, Ionity, EnBW oder andere Ladepunkt-Betreibern Konkurrenz zu machen – der eTree-Service sei lediglich eine Ergänzung der fest installierten öffentlichen Ladeinfrastruktur. Und dafür haben sich die Gründer zusammen mit ihren Investoren schon eine ganze Reihe „Use Cases“, zu deutsch: Anwendungsfelder, ausgedacht.

Runde Sache
Die Gründer von eTree haben ein komplexes System entwickelt, das den Fahrern von Elektroautos die Reichweitenangest nehmen soll. Geladen wird ausschließlich Grünstrom und wo immer es gerade passt. Die Abrechnung erfolgt vollautomatisch. Foto: eTree

Carsharing-Anbieter könnten das System beispielsweise nutzen, um über Nacht ihre elektrischen Leihfahrzeuge wieder fit zu machen für den nächsten Einsatztag. Und Parkhaus-Betreiber könnten den mobilen Charger einsetzen, um die Elektroautos ihrer Kunden aufzuladen – die teure Installation von Wallboxen in der Garage könnte sich das Unternehmen dann sparen.

„Wer lädt eigentlich die ganzen Volocopter?“

„Das Marktpotenzial ist riesig“, weiß Voggenreiter. Mit einer Flotte von 400 Lade-Mobilen, so seine Kalkulation, könnte eTree im Jahr 2025 bis zu einer Million Lade-Sessions durchführen – bei einer erwarteten Gesamtzahl von 40 Millionen Ladevorgängen von Elektroautos allein in Deutschland. Und schon bei acht Ladevorgängen am Tag sei das eTree-Mobil wirtschaftlich zu betreiben, lockt der frühere Audi-Manager potenzielle Franchise-Nehmer.

Die beiden Unternehmensgründer denken auch längst nicht mehr nur an Elektroautos. Wo und wie werden eigentlich die ganzen elektrischen Lufttaxen und Lastdrohnen geladen, die schon in wenigen Jahren einen Teil der Personen- und Gütertransporte in den Mega-Cities übernehmen sollen? Die natürlich nur rhetorisch gemeinte Frage macht deutlich: Der Elektro-Baum von Abu Daqqa und Dörrich hat zwar Wurzeln, die weit ins Erdreich reichen. Aber über dem Blätterdach ist noch jede Menge Luft für neue Triebe.

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5 Kommentare

  1. Avatar

    Wenn jemand auf eine „neue“ Idee kommt, hilft am Anfang die Frage, was ist anders als bei den bisherigen Versuchen? Zuerst müssen das ETree Fahrzeug und die beiden Akku-Module selber aufgeladen werden (Zeit/ Kosten?). Dann muss ein humanoider Fahrer auf die Benachrichtigung warten (Arbeitszeit bezahlt oder „Gig-Economy“), dass ein Fahrzeug geladen werden will. Dann fährt das Fahrzeug zur ersten Stelle (Verbrauch von eigener Ladung), um dort einen Teil der Ladung abzugeben (mit den gezeigten Leitungen maximal 11 kW/h! AC – also Schnellladen ist was Anderes) und dann hat es hoffentlich noch genügend Power an Bord, um zum nächsten Kunden zu fahren oder zurück ins Depot. Wirtschaftlich betrieben werden aber kann das Ganze erst nach Zitat: „acht Ladevorgängen“. Und das ganze natürlich zum halben Preis einer Ladung an einer stationären Schnelladestation… #thefutureiselectric!

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      Warum denn aich noch zum halben Preis einer stationären Ladestation? Ich finde dieser Service darf sogar etwas mehr kosten, denn schließlich kommt die Ladestation ja sogar zu mir.

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    §18 Absatz 1 Zeichen 330.1 in der StVO

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    • Franz W. Rother

      Touché -stimmt

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    Sehr geehrte Edison-Team,

    schöner Artikel, nur leider gibt es einen kleinen, aber für den Einsatz der Able Ladetanker, nicht unwichtigen Fehler.
    Entweder darf der Able nicht auf die Autobahn, dann wäre er aber unterhalb der 61 km/h abgeregelt, oder er darf es doch, weil er ja schließlich 61 km/h erreicht, was ja bekanntlich die Mindestgeschwindigkeit ist die ein Fahrzeug erreichen können muss, wenn es die Autobahn befahren will (Siehe §18 Abs. 1).

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