Leapmotor gehört zu den am schnellsten wachsenden Automarken aus China in Europa und verzeichnet rasante Zuwächse. Allein in Deutschland konnte das Unternehmen im vergangenen Jahr 7.280 Fahrzeuge absetzen – fast 4.000 Prozent mehr als 2024. Auch europaweit nimmt der chinesische Hersteller rasant an Fahrt auf: Im März 2026 sicherte sich Leapmotor mit über 11.000 neu zugelassenen Fahrzeugen bereits einen Marktanteil von 3,2 Prozent im europäischen Elektroautomarkt (BEV). Um vom Hersteller von Überwachungskameras zu einem derart ambitionierten Autobauer zu avancieren, reichte dem Gründer Zhu Jiangming 2015 bei einem Besuch in Spanien der Anblick des kleinen vollelektrischen Renault Twizy auf Valencias Straßen. Im Interview spricht der CEO über das enorme Wachstumstempo, das neue Werk in Spanien und die technologische Zukunft der Mobilität.

Herr Jianming, der weltweite Absatz von Leapmotor hat sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt, und für 2026 haben Sie das ehrgeizige Ziel ausgerufen, mindestens eine Million Fahrzeuge zu verkaufen. Wird dieses Wachstum primär vom chinesischen Heimatmarkt oder von Kunden im Ausland getragen?

Der Verkauf von einer Million Autos im laufenden Jahr ist in der Tat unser Ziel – auch wenn wir mit einem Absatz von lediglich 110.000 Neuzulassungen im ersten Quartal etwas verhalten ins Jahr gestartet sind. Der Löwenanteil wird naturgemäß aus dem Inlandsmarkt stammen, doch für Europa planen wir fest mit einem Wachstum von 15 Prozent.

Leapmotor-Gründer und CEO Zhu Jiangming
Als Mitbegründer des auf Überwachungstechnik spezialisierten Unternehmens Dahua Technology reiste er im Sommer 2015 zu einem Geschäftstermin nach Spanien. Der Anblick des elektrischen Renault Twizy auf den Straßen von Valencia faszinierte ihn so sehr, dass er wenige Monate nach der Rückkehr Leapmotor gründete, um selbst in die Produktion von Elektromobilen einzusteigen. Foto: Leapmotor

Werden Sie Ihren Fokus künftig auf eine lokale Produktion in Europa verlagern oder weiterhin primär in China gefertigte Fahrzeuge importieren?

Die Fertigung in China ist für uns äußerst sinnvoll, da wir die Wertschöpfungskette dort optimal im Griff haben und rund 65 Prozent der Wertschöpfung jedes produzierten Fahrzeugs selbst kontrollieren. Letztlich wird jedoch jede unserer Entscheidungen von der größtmöglichen finanziellen Effizienz geleitet sein.

Sie bereiten eine Fahrzeugproduktion in einem Werk des Stellantis-Konzerns in Spanien vor. Wird diese im CKD-Verfahren erfolgen, also durch den Zusammenbau importierter Bausätze? Und welche Modelle sollen in Saragossa vom Band rollen?

Um die europäischen Zölle zu vermeiden, die eine lokale Wertschöpfung von mindestens 70 Prozent vorschreiben, wird die Produktion – wie in den meisten unserer Werke – vollständig vor Ort erfolgen. Das ist unser klares Ziel. Mit der Auslieferung der ersten in Spanien produzierten Fahrzeuge, beginnend mit dem SUV-Modell B10, rechnen wir noch vor Ende des Jahres.

Wäre es denkbar, die Kooperation mit Stellantis noch weiter zu vertiefen und neben Vertriebssynergien künftig auch Plattformen oder Batterien gemeinsam zu nutzen?

Wir werden sämtliche Synergiepotenziale prüfen, die beiden Herstellern einen Vorteil bringen könnten. Ob es künftig Modelle von Opel oder Fiat geben wird, die auf Plattformen oder Batterien von Leapmotor basieren? Ich schließe diese Möglichkeit keineswegs aus. Aber zum jetzigen Zeitpunkt sind das lediglich Optionen.

Chinesische Marken erzielen in Europa vor allem deshalb Erfolge, weil sie ihre Fahrzeuge deutlich günstiger anbieten als die etablierte Hersteller. Wird sich dieses Image wandeln?

Mit der steigenden Bekanntheit chinesischer Technologie und dem wachsenden Kundenvertrauen wird der Preis als ausschlaggebendes Kaufargument an Bedeutung verlieren. Eine exakt parallele Entwicklung konnten wir bereits im Mobilfunksektor beobachten.

Einige chinesische Automarken sind beim Versuch, international Fuß zu fassen, bereits gescheitert. Warum sollte dies bei Leapmotor anders verlaufen?

Wir analysieren unsere internationalen Zielmärkte äußerst präzise und entwickeln, unterstützt durch Stellantis, Modelle, die auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig sind. Die Kooperation mit Stellantis erweist sich zudem in Bereichen wie Marketing, Vertrieb und Finanzen als enormer Vorteil für uns.

Werden chinesische Hersteller in der Ära der Elektromobilität ähnlich dominant sein wie deutsche Marken im Zeitalter der Verbrennungsmotoren?

Meiner Meinung nach ist das bei der Produktion von Batteriezellen, Elektromotoren und den entsprechenden Plattformen bereits heute der Fall. Die Branche ist jedoch extrem wettbewerbsintensiv und einem ständigen Wandel unterworfen, weshalb die genaue zukünftige Entwicklung schwer vorherzusagen ist.

Aktuelle Modellpalette von Leapmotor in China  
Vom Kleinwagen Leapmotor T03 bis zum Luxus-Van D99 produziert Leapmotor inzwischen eine breite Palette von Elektroautos. Einige davon inzwischen auch mit einem kleinen Verbrennungsmotor als Range Extender. Die Kooperation mit Stellantis startete 2023.
Aktuelle Modellpalette von Leapmotor in China
Vom Kleinwagen Leapmotor T03 bis zum Luxus-Van D99 produziert Leapmotor inzwischen eine breite Palette von Elektroautos. Einige davon inzwischen auch mit einem kleinen Verbrennungsmotor als Range Extender. Die Kooperation mit Stellantis startete 2023.

Wird das autonome Fahren das nächste große Ding in der Autoindustrie?

In China sieht man bereits heute viele Autos mit blauen Scheinwerfern, was signalisiert, dass das Fahrzeug weitgehend autonom navigiert. Etwa ein Drittel der chinesischen Konsumenten nutzt diese Funktionen bereits im Alltag. Ich bin davon überzeugt, dass wir in Zukunft fast ausschließlich Autos mit diesen „blauen Augen“ auf unseren Straßen sehen werden. Wir haben uns in diesem Bereich bereits in eine sehr vorteilhafte Position gebracht.

Globale Branchenanalysten prognostizieren langfristig eine Konsolidierung und einen Rückgang der Zahl chinesischer Autohersteller. Welches Volumen bei Produktion und Absatz muss Leapmotor erreichen, um langfristig bestehen zu können?

Wenn man sich die Top Ten der weltweiten Automobilhersteller ansieht, liegt die Eintrittshürde für diesen Kreis bei etwa 3,5 Millionen produzierten Autos pro Jahr. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir dieser elitären Gruppe angehören müssen, um uns als erfolgreiches Unternehmen mit einer sicheren Zukunft zu etablieren. Idealerweise peilen wir sogar die Plätze sieben oder acht an, was ein jährliches Produktionsvolumen von rund vier Millionen Einheiten erfordern würde.

Derzeit gibt es in China etwa 17 große Produktionskonzerne. Ich schätze, dass in Zukunft fünf oder sechs chinesische Hersteller unter den zehn größten Autobauern weltweit vertreten sein werden. Dann werden wir darüber sprechen, dass 50 bis 80 Prozent aller weltweit produzierten und verkauften Autos aus China stammen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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