Sie sitzt in einem rot-weißen Rennanzug auf einem Barhocker, nur wenige Meter entfernt von einem gleichfarbigen Yangwang U9 mit der Startnummer 03, der in diesem Sommer auf dem Testgelände im niedersächsischen Papenburg Geschichte schrieb: Der vollelektrische Sportwagen erreichte auf dem Rundkurs eine Spitzengeschwindigkeit von 496,22 km/h – Weltrekord für ein Serienauto.
Stella Li lächelt, als sie den Journalisten von diesem Moment erzählt. Nicht triumphierend, eher gelassen. Für sie ist der Rekord nur ein Symbol – ein Zeichen dafür, wie weit China in der Elektromobilität schon gekommen ist. „Ich habe eine große Leidenschaft für das, was ich tue“, sagt sie. „Als wir vor Jahren in Stanford die ersten Elektrobusse eingeführt haben, wollte das niemand. Heute fährt dort alles elektrisch. Wenn eine ganze Stadt auf E-Busse und E-Taxis umstellt und plötzlich kein Lärm und kein Abgas mehr in der Luft liegt – das macht mich stolz.“
Stella Li und die „Reise des Wandels“
Die 30 Jahre, die sie inzwischen für BYD arbeitet, beschreibt Stella Li als „Reise des Wandels“. Von Batterien und Bussen hin zu einer der größten Automarken der Welt – und zu einer, die nun den europäischen Markt aufmischt. BYD verkauft in China längst mehr Elektroautos als Tesla. In Europa aber, sagt Li, „sind wir noch ganz am Anfang“.

Auf der Teststrecke in Papenburg erreichte der von vier Elektromotoren angetriebene Supersportwagen Yangwang U9 Xtreme eine Höchstgeschwindigkeit von 496,22 km/h. Er ist damit das schnellste Serienfahrzeug der Welt. 2027 soll es nach Europas kommen.
Der Konzern investiere derzeit massiv in Händlernetze, Service und Aufklärung: „Wir stecken viel Geld in Marketing und Infrastruktur, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Es geht nicht darum, kurzfristig Geld zu verdienen – sondern um nachhaltiges Wachstum.“ Europa, findet sie, müsse BYD als „Technologieunternehmen mit langfristiger Vision“ kennenlernen, nicht als eine Billigmarke aus Fernost.
Der Preis der Innovation
BYD wolle – und müsse – Geduld haben. Denn die Produktion in Europa wird zunächst teurer. Deutlich teurer als im Heimatland China, wo der Konzern obendrein viele Teile für seine „New Energy Vehicles“ (NEV) selbst produziert: Die Fertigungstiefe beträgt beachtliche 77 Prozent. Aufgrund der niedrigen Energie- und Personalkosten und dank einer hocheffizienten Fertigung zu vergleichsweise günstigen Konditionen. Mit dem Ergebnis, dass ein BYD Dolphin Surf in China 69.800 Yuan angeboten werden kann, umgerechnet 8470 Euro. In Deutschland beträgt der Einstiegspreis für das gleiche Modell dank einer Rabattaktion aktuell 19.990 Euro, sonst 22.990 Euro.

Der BYD Dolphin Surf wird in Deutschland derzeit vereinzelt für 19.990 Euro angeboten. Wenn im kommenden Jahr die Produktion des Modells in Ungarn anläuft, könnte der Preis noch weiter sinken – die Zöller der EU in Höhe von 27 Prozent entfallen dann.
Auch wegen des Strafzolls der EU für Elektroautos aus China, der für BYD momentan noch 17 Prozent beträgt – zuzüglich des Standard-Zolls für Waren aus Fernost in Höhe von zehn Prozent. Um die Zölle zu umgehen und die Fahrzeuge in Europa künftig günstiger anbieten zu können, errichtet BYD im südungarischen Szeged nahe der Grenze zu Rumänien ein neues Werk mit einer Jahreskapazität von 300.000 Fahrzeugen. Dort soll nicht nur der Dolphin Surf, sondern sollen auch zentrale Komponenten des Elektro-Zwergs gefertigt werden. Aber ein großer Teil auch von europäischen Automobilzuliefern. „Am Anfang wird das alles mehr kosten als in China“, sagt Li. „Aber sobald wir größere Stückzahlen erreichen und effizienter werden, können wir die Preise senken.“
BYD plant Flash-Charging-Netz auch in Europa
Und Szeged ist erst der Anfang. Ein zweites Automobilwerk mit einer Fertigungskapazität für 150.000 Autos im Jahr ist in der Türkei geplant, wo schon ab Ende 2026 unter anderem der Plug-in Hybrid BYD Seal U produziert werden soll. Und ein drittes Werk könnte in Spanien entstehen – eine Entscheidung darüber ist laut Stelli Li allerdings noch nicht gefallen.

Zwei Kilometer Reichweite gewinnt der BYD Atto 8 pro Sekunde, wenn er mit bis zu 1002 kW am neuen Flash-Charger geladen wird. 600 dieser Highpower-Charger will BYD bis Sommer kommenden Jahres in Europa installieren, etwa 40 davon in Deutschland. Foto: Rother
BYD hat, ermuntert durch die Absatzerfolge in den ersten neuen Monaten in Deutschland (+560 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum), Italien (+1297 Prozent) , Spanien (+578 Prozent) und Großbritannien (+577 Prozent) große Ambitionen in Europa. Gestützt werden soll der Absatz durch den Aufbau eines eigenen markenexklusiven Schnellladenetzes für Elektroautos, an denen die Fahrzeuge dank eines vorgeschalteten Batteriespeichers Gleichstrom mit bis zu 1000 kW aufnehmen können. „Bis Mitte 2026 wollen wir 600 Flash-Charging-Stationen in ganz Europa errichten, bis Ende 2026 rund 3.000“, kündigte Li im Pressegespräch an. In Verhandlungen mit Energieversorgern auch in Deutschland liefen bereits.
Zugute kommen soll das Flash-Charging-Ladenetz nicht nur dem neuen, bis zu 810 kW starken BYD-Flaggschiff Atto 8, sondern auch dem schnittigen Crossover Z9 GT der Luxusmarke Denza, mit dem BYD im kommenden Jahr auch in Deutschland ein neues Kapitel aufschlägt. In Konkurrenz durchaus zu Mercedes-Benz und Porsche und einem ambitionierten Startpreis , wie Vertriebschef Klaus Hartmann später im Gespräch mit EDISON darlegt: Für den dreimotorigen Stromer mit einem 100 kWh fassenden LFP-Akku, dessen Design vom Porsche Taycan Sport Turismo inspiriert scheint, wird man wohl um die 100.000 Euro hinlegen müssen.
Mehr Technologie- als Autokonzern
Das Image des „billigen Chinesen“ weist auch Vertriebschefin Li entschieden zurück. „Wir positionieren uns nicht als günstige Marke. Mit all der schönen Technologie, die wir haben, wollen wir unsere Geschichte erzählen – wie Apple mit dem Smartphone.“ Und dafür müsse der Kunde auch zahlen. Die Bereitschaft dazu ist nach Einschätzung der BYD-Managerin durchaus vorhanden. In Mexiko, führte sie an, seien BYD-Modelle rund 20 Prozent teurer als die der Konkurrenz. „Aber die Leute kaufen sie trotzdem, weil sie die Technologie und Qualität schätzen“.
Einen Vergleich mit europäischen Luxusmarken wies sie zurück – das sei der falsche Maßstab: „Wir sind nicht der Mercedes-Benz Chinas“, sagt sie mit einem Lächeln. „Wir sind das Apple der Autoindustrie.“
Intelligente Autos mit Charakter
Ihr Ziel: Technik, die Emotionen weckt. Der Denza Z9 GT etwa beschleunige mit 1.000 PS Antriebsleistung in 2,9 Sekunden auf 100 km/h – und bleibt dabei „so ruhig wie ein Konzertsaal. Selbst bei 200 km/h spüren Sie keine Vibration, hören keine Geräusche – Sie können einfach Musik genießen“, sagt sie. „Das ist Luxus, den nur unsere Technologie bieten kann.“

Der von Ex-Audi-Designer Wolfgang Egger entworfene Denza Z9 GT erinnert an den Porsche Taycan Sport Turismo. Der 1000 PS starke und mit Hightech vollgestopfte Shooting Brake soll ab Ende 2026 hierzulande zu Preisen um die 100.000 Euro angeboten werden.
Dazu kommen Komfortfunktionen, die auch zeigen, wie stark BYD auf Technologie – und Künstliche Intelligenz – setzt: automatische Parkmanöver, Wendemanöver auf der Stelle, eine smarte Sprachsteuerung sowie vielfältige Licht- und Soundszenarien. „Unsere KI wird Ihr bester Freund – sie sagt nie Nein, sie hört zu, beantwortet Fragen, begleitet Sie auf langen Fahrten.“
Wachstum ohne Übernahmen
Trotz Rekorden und Hightech-Offensive bleibt Li allerdings realistisch. Europa sei nach wie vor „das Herz der Autoindustrie“. Sie wolle hier nicht die Nummer 1 werden, „aber eine der wichtigsten Marken“, ein echter „Key Player“.
Und sie hat ein klares Ziel: „Wenn ich in einem Jahr in einen Supermarkt gehe und die Leute frage: ‚Kennen Sie BYD?‘ – dann möchte ich, dass 100 Prozent Ja sagen.“

BYD hat auf dem riesigen Testgelände in Zhengzhou eine Skihallen-ähnliche Konstruktion errichtet, um auf einer mit Sand angefüllten Rampe mit 28 Grad Neigung die Geländegängigkeit seiner Fahrzeuge zu demonstrieren. Die Anlage hat durchaus auch symbolischen Wert: Von schwierigen Rahmenbedingungen und Untergründen lässt sich der Technologiekonzern nicht schrecken. Fotos: BYD
BYD steht für „Build Your Dreams“ – und genau das scheint Stella Li zu verkörpern. Sie spricht von elektrischen Bussen in Xinjiang, die ganze Städte leiser machten, und von Ingenieuren, „die verrückt genug sind, um das Unmögliche möglich zu machen“.
Vielleicht ist es diese Mischung aus technologischem Ehrgeiz, Geduld und globalem Denken, die BYD nun nach Europa bringt – nicht als Billiganbieter, sondern als Herausforderer einer Industrie, die sich gerade neu erfinden muss und damit speziell in Deutschland große Probleme hat. Da könnte sich für BYD die eine oder andere Chance auftun – auch die für Übernahmen angeschlagener Unternehmen. Li erteilte dem jedoch eine klare Absage: „Warum sollten wir das tun? Wir sind einzigartig und gehen unseren Weg lieber allein.“
Das Auto ist das schnellste Serienauto, nicht nur das schnellste Elektroauto
Korrekt