In China ist Zeekr fünf Jahre nach der Gründung mit dem Verkauf von insgesamt über 650.000 Fahrzeugen eine feste Größe. Auch in den Niederlanden, Norwegen und in Schweden sind die Elektroautos inzwischen im Straßenbild präsent. Um Deutschland machte die Automarke aus dem Geely-Konzern lange einen großen Bogen. Zu intensiv der Wettbewerb, zu groß die Konkurrenz – unter anderem durch die Konzernschwestern Volvo, Polestar und in Teilen auch durch Smart, dem Joint Venture von Geely mit der Mercedes-Benz Group. Und zu hochgespannt sind vielleicht auch die Erwartungen der Eigner in China. Denn Zeekr („ZE“ steht für Zero Emission, das zweite „E“ für Electric, „KR“ für das Leuchtgas Krypton) zielt auf höhere Sphären und Gewinnspannen im Premium- und Luxusgeschäft. Da bekommt man es als Newcomer in Deutschland automatisch mit Audi, BMW und Mercedes zu tun und einer Klientel mit hoher Markenloyalität.
Doch Lothar Schupet ist optimistisch, die Phalanx aufbrechen zu können. Der Europa-Chef von Zeekr setzt dabei im ersten Schritt auf Flottenmanager, die von steigendem Kostendruck und dem Zwang zur Dekarbonisierung des Fahrzeugbestands getrieben sind. Und auf repräsentative neue Elektroautos wie den 4,78 Meter langen SUV Zeekr 7X und den ähnlich großen Shooting Brake 7GT – zwei Stromer mit 800-Volt-Bordnetz, großen Reichweiten und hohen Ladeleistungen von bis zu 480 kW. Mit Preisen ab 54.990 für den 7X und 47.990 Euro für den 7GT liegen sie etwa auf dem Level eines Skoda Enyaq Sportline (ab 54.900 Euro) und eines vollelektrischen VW ID.7 Tourer (ab 50.305 Euro inklusive VW ID-Kaufprämie). Nach Antriebsleistung, Ausstattung und Platzangebot konkurrieren sie aber mit dem neuen BMW iX3 (ab 70.900 Euro) und dem (geringfügig größeren) Audi A6 e-tron Avant (ab 64.450 Euro).

Der Europa-Chef von Zeekr war vor dem Wechsel zum chinesischen Autobauer im Jahr 2023 insgesamt 23 Jahre lang für BMW tätig und verantwortete dort zuletzt Vertrieb und Marketing der besonders sportlichen wie kraftvollen M-Modelle. Fotos: Zeekr
Da sollte also was gehen, findet Schupet. Wir sprachen mit dem früheren BMW-Manager am Rande des offiziellen Zeekr-Marktstarts in Deutschland und der Europa-Premiere des neuen Zeekr 7GT. Im Interview spricht er über die mutige Positionierung neben Volvo und Polestar, warum Zeekr in Deutschland zunächst auf den Direktvertrieb setzt und welche neuen Modelle uns noch erwarten.
Herr Schupet, Sie haben lange Zeit für BMW gearbeitet, zuletzt für die M GmbH, die ja für leistungsstarke Verbrenner bekannt ist. Inzwischen sind Sie elektrisch unterwegs. Wie schwer fiel der Wechsel?
Bei BMW habe ich den Einstieg in die Elektromobilität ja schon begleitet. Das war für Petrol Heads eine schwierige Umgewöhnung. Aber mittlerweile haben aber viele – und auch ich – erkannt, wie emotional Elektromobilität sein kann. Es gibt vielleicht weniger Geruch und weniger Sound, aber alles andere ist eigentlich emotionaler. Ich bin jedenfalls bekehrt und ein absoluter Elektro-Fan. Ich bin vor kurzem den 1200 PS starken Zeekr 001 FR auf der Rennstrecke gefahren – das war ein unglaubliches Erlebnis. Das heißt nicht, dass ich die alte Welt nicht mehr wertschätze, aber ich finde Elektroautos wirklich sehr, sehr interessant.
„Wir sind eine Technologie-Marke, wollen sehr extrovertiert und mutig auftreten.“
Zeekr ist Teil des Geely-Konzerns. Wo steht die Marke in der Differenzierung zu den Schwestermarken wie Volvo, Polestar oder Lynk & Co?
Man kann das aus zwei Perspektiven betrachten. Einerseits über die Werteorientierung der Kunden, wie sie in Milieu-Studien dargestellt wird. Es gibt traditionelle Kunden, moderne Kunden und postmoderne Kunden. In dieser Werteorientierung befinden sich Marken wie Volvo eher im Premium-Segment der traditionellen Kunden. Wir als Zeekr sehen uns in der mittleren, modernen Welt. Wir sind eine Technologie-Marke, wollen sehr extrovertiert und mutig auftreten. Wir machen das an drei Faktoren fest: Mehr Performance, mehr Technologie und „Craftsmanship“ – also Fertigungskunst, wie das Auto gestaltet ist. Damit wollen wir uns im Premium-Segment etablieren und auch von anderen Geely-Marken abgrenzen.
Wie sieht Ihre Vertriebsstrategie für Deutschland aus? Aktuell läuft vieles über das Internet und den Direktvertrieb. Wird es ein klassisches Händlernetz geben?
Wir haben in Deutschland Anfang des Jahres eine Strategie initiiert, die stark auf die enorme Kundennachfrage im B2B-Bereich reagiert. Wir wollten nicht zu früh starten, denn für uns gilt: Qualität vor Quantität. Wir haben uns in Phase Eins für den Direktvertrieb entschieden. Bis Juni werden wir in Deutschland 10 Probefahrt-Standorte und 100 Service-Betriebe haben. Dabei arbeiten wir mit einem Partner, der Global Automotive Group, zusammen, die über ein riesiges, flächendeckendes Servicenetz verfügen. 100 Betriebe davon werden nach Zeekr-Standards zertifiziert.

Der in Schweden entwickelte SUV kommt in der Topversion mit 100 kWh-Akku 615 Kilometer weit und lädt Strom mit bis zu 360 kW.
Und wann startet Phase Zwei?
Auf einen Zeitpunkt haben wir uns noch nicht festgelegt. Für Phase Zwei evaluieren wir aktuell eine noch bessere „Customer Journey“. Ein Kunde, der heute einen Dienstwagen testet, möchte nicht unbedingt zum Händler nebenan gehen, wenn er das Auto zentral über ein Leasingunternehmen bezieht. Wir müssen die Kunden dort abholen, wo sie sind. Ob und wie wir das Vertriebsmodell anpassen, werden wir in den nächsten zwei bis drei Monaten kommunizieren. Wichtig ist für uns im Moment: Wir wollen das Vertrauen der Kunden gewinnen, die Produkte auf der Straße haben und eine stabile operative Basis inklusive Ersatzteilversorgung aufbauen.
Welche Stückzahlen peilen Sie in Deutschland an? Seit Jahresbeginn hat Zeekr laut KBA 22 Autos neu zugelassen. Ich denke mal, das sind Zulassungen auf Händlerbetriebe.
Wir haben großen Respekt vor dem deutschen Markt. Er ist enorm groß und geografisch sehr komplex. Genau deshalb verfolgen wir diesen Zwei-Phasen-Ansatz. Unser Ziel ist es aktuell nicht, Volumen zu treiben. Wir sind vehement dagegen, in Rentals oder Eigenzulassungen zu gehen, nur um hohe Zulassungszahlen zu generieren. Wir wollen das Geschäft stabil aufbauen, sind deshalb immer noch in der Prozessoptimierung. Aber die Resonanz auf die Marke und unsere Produkte hierzulande ist stark. Das hatten wir so nicht erwartet.
„Unser Ziel ist es aktuell nicht, Volumen zu treiben.“
Was bedeutet das für die Absatzziele? Wie viel tausend Autos hoffen Sie in diesem Jahr in Deutschland abzusetzen?
Wir kommunizieren keine Absatzziele. Aber ich gebe Ihnen mal ein Bild aus Schweden, wo wir im zweiten Jahr live sind. 2025 haben wir es dort geschafft, alle chinesischen Marken – inklusive BYD und MG – zu überholen und einen Marktanteil von zwei Prozent zu erobern. Das werden wir in Deutschland sicher nicht in diesem Jahr schaffen. Denn hier haben wir derzeit nur einen Vertriebskanal. Deshalb hat Absatzvolumen aktuell nicht unsere erste Priorität. Unser Fokus liegt jetzt darauf, Vertrauen aufzubauen. Ich messe eher die Performance an Rahmenverträgen und am Beziehungsmanagement mit den Flottenbetreibern.
Lassen Sie uns über die Modelle sprechen. Sie werden mit dem kompakten Zeekr X, dem 7X und dem 7GT drei Modellreihen anbieten. Wie entwickelt sich die Modellpalette weiter?
Der 001 war der Startpunkt und steht oben als Ikone. Das „X“ steht bei uns für die SUVs. Wir haben den kleinen SUV X, den größeren SUV 7X, und in China gibt es mittlerweile auch den 8X und 9X. Die Nomenklatur passt also. Der 7GT ist etwa so groß wie der 7X, aber führt als Shooting Brake eher die Designlinie des 001 fort.

Der smarte Konkurrent des VW ID.Buzz versteht sich als mobile Kapsel auf vier Rädern in das Zeitalter des vollautonomen Fahrens.
Es gibt in China auch noch den Zeekr-Van namens „Mix“ und Elektroautos mit Range Extender. Kommen die auch zu uns nach Europa?
In absehbarer Zeit ist ein Import des Mix nicht geplant. Wir analysieren gerade intensiv, welche Segmente in Europa laufen. Es gibt Prognosen, dass rund ein Drittel des Marktes hier noch einige Jahre von Plug-in-Hybrid-Technologien belegt sein werden. Unsere Super-Hybrid-Technologie wäre da ein interessantes Angebot: Sie ermöglicht vollelektrisches Fahren von 300 Kilometer und mit einem Range Extender von 1200 Kilometern. Und das mit Spitzenleistungen von bis zu 1400 PS. Das ist wirklich „mind blowing“. Noch können wir nicht kommunizieren, wann wir Modelle mit dieser Technologie hier launchen, aber wir schauen uns das sehr genau an. Für uns ist wichtig, dass wir die nachhaltige Mobilität vorantreiben. Und diese Hybrid-Technologie führt Menschen an das vollelektrische Fahren heran und nimmt ihnen die Reichweitenangst.
Zum Abschluss eine persönliche Frage: Ihr Titel lautet noch „Acting CEO“. Das klingt nach einer Übergangslösung.
„Acting“ ist in der Tat die formelle Bezeichnung für eine zwischenzeitliche Lösung. Ich mache das jetzt schon eineinhalb Jahre. In den nächsten Wochen werden Sie verstehen, warum das so ist. Ich bleibe der Marke aber auf jeden Fall erhalten und werde meine Rolle weiterführen. Lassen wir uns überraschen, was da noch kommt.