So viele Einkommensmillionäre wie im Landkreis Starnberg finden sich angeblich nirgendwo sonst in Deutschland. Auf 10.000 Einwohner kamen schon vor vier Jahren 19,1 Spitzenverdiener – seitdem dürften es, wenn man die Zahl der mondänen Neubauten allein am Ufer des Starnberger Sees zum Maßstab nimmt, eher mehr als weniger geworden sein. Auch die Cabrio-Dichte ist beeindruckend hoch, wie sich bei unserer Ausfahrt durch das sogenannte Fünfseen-Land in Oberbayern zeigt.

So gesehen passt der Abarth 500e, den wir uns in Pöcking an der Villa Knorr geschnappt haben, hier perfekt hin. Als Cabrio, in der Topausstattung Turismo, auch in der auffälligen Sonderlackierung „Acid Green“ – ein Gesamtpaket mit einem Preis von immerhin 46.990 Euro. Zum gleichen Preis gäbe es alternativ auch ein Tesla Model 3. Aber so ein Elektroauto steht ja inzwischen (fast) an jeder Straßenecke und ist nun wirklich kein Hingucker mehr. Der kleine giftgrüne Abarth hingegen wird mit Sicherheit auch in der Porsche- und Ferrari-Hochburg Starnberg auffallen. Weil er elektrisch fährt – und trotzdem wie ein Verbrenner knurrt. Im Stand zwar wie ein untertouriger Schiffsdiesel, aber bei höheren Drehzahlen wie ein ausgewachsener Vierzylinder mit Akropovič-Sportauspuff.

Und das kriegen nicht nur die Insassen des elektrischen Giftzwergs mit, sondern auch die Menschen außerhalb des Fahrzeugs: Zwei 200 Millimeter große Tieftöner an der Hinterachse senden die synthetischen Motorengeräusche lautstark in die Umgebung. Nicht etwa zur Warnung an sehbehinderte oder blinde Fußgängern vor dem herannahenden Elektro-Geschoss, sondern ganz einfach als Ausdruck der Lebensfreude – des Fahrers. Wer hatte gesagt, dass im Zeitalter der Elektromobilität keine Emotionen mehr erlaubt sind?

Synthetischer Motorsound aus Tieftönern

Bevor nun die Welle der Empörung über den kleinen Sport-Stromer aus Italien hereinbricht – der Motorsound lässt sich auch ausschalten. Man muss dazu nur kurz an den Straßenrand fahren, ins Untermenü des Bordcomputers eintauchen und dort unter „Elektrische Eigenschaften“ den Haken hinter „Außensound“ wegnehmen. Schon ist Ruhe in der guten Stube, rollt der Abarth wie ein ganz normales Elektroauto ohne Krawall durch die Landschaft.

Der Natur ganz nah 
Das Cabrio ist sicher die schönste Ausprägung des Abarth 500e. Es lädt zum genussvollen Fahren durch schöne Landschaften ein. Ein künstlicher Motorsound, der aus Lautsprechern die Umgebung beschallt, stört da eher. Fotos: Dino Eisele
Der Natur ganz nah
Das Cabrio ist sicher die schönste Ausprägung des Abarth 500e. Es lädt zum genussvollen Fahren durch schöne Landschaften ein. Ein künstlicher Motorsound, der aus Lautsprechern die Umgebung beschallt, stört da eher. Fotos: Dino Eisele

Aber die Abarth-Community, die „Scorpionship“, hängt noch an ihren hochgezüchteten Turbo-vierzylindern und „Monza“-Sportauspuffanlagen – von der Antriebswende und dem Genuss des beinahe lautlosen Fahrens wollen die meisten der Verbrenner-Junkies angeblich noch nichts wissen. Also baut ihnen der Stellantis-Konzern nun so etwas wie eine akustische Brücke. Für eine schrittweise Entwöhnung von der Thermodynamik.

Bis 100 km/h schneller als der Verbrenner

Ansonsten müssen sie auf nichts verzichten. Im Gegenteil: Der Abarth 500e beschleunigt in 2,9 Sekunden auf Tempo 50 – der Fahrer eines Abarth 695 hat da gerade erst den Gang eingelegt. Und schon nach sieben Sekunden ist die 100 km/h-Marke erreicht. Auch da hat der Stromer (noch) die Nase vorn. Nur nach oben raus wird es eng. Schließlich wird der Vorwärtsdrang des Abarth 500e schon bei 155 km/h abgeregelt, während dem Schwestermodell mit Verbrennermotor erst bei 225 km/h die Luft ausgeht.

Turbolader war einmal 
Die orangefarbenen Leitungen unter der Motorhaube des Abarth 500e machen deutlich: Hier fließt Starkstrom statt Superbenzin. Und das ganz kräftig: Der 113 kW starke Frontmotor braucht ordentlich Futter.
Turbolader war einmal
Die orangefarbenen Leitungen unter der Motorhaube des Abarth 500e machen deutlich: Hier fließt Starkstrom statt Superbenzin. Und das ganz kräftig: Der 113 kW starke Frontmotor braucht ordentlich Futter.

Aber solche Vergleiche sind ohnehin längst aus der Zeit gefallen – bei galoppierenden Energiepreisen und steigenden CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre. Geschwindigkeiten jenseits von 120 km/h lassen hier wie da zudem rasant die Reichweiten schrumpfen. Beim Abarth Cabrio, das seine Antriebskraft aus einem Akku mit einer Speicherkapazität von 42,2 kWh schöpft (von der nur 37,8 kWh dem Vortrieb dienen), reicht die gespeicherte Energie selbst im Idealfall und im Stadtverkehr für maximal 328 Kilometer, im Drittelmix sogar nur für 242 Kilometer. Bei allzu forscher Fahrweise (wir kamen auf der Testfahrt über Landstraßen auf einen Durchschnittsverbrauch von von 17,2 kWh/100km) dürfte schon nach 150 Kilometern eine Ladesäule aufgesucht und für wenigstens eine gute halbe Stunde eine Verschaufpause eingelegt werden müssen. Denn selbst an Schnellladesäulen fließt der Gleichstrom nur mit maximal 85 kW. Das zieht sich.

Gebaut für die Rundstrecke

Für Einsätze auf der Langstrecke ist der Abarth also nicht gebaut. Sein Einsatzgebiet sind eher Rundstrecken um den Wohnort oder den nächstgelegenen See. Und da ist der kleine Elektrowusel so richtig in seinem Element – und macht seinem Fahrer jede Menge Spaß. Mit seinem niedrigen Schwerpunkt, einer nahezeu perfekten Gewichtsverteilung und einer erfreulich direkten wie reaktionsschnellen Lenkung. Heidewitzka, so schnell um die Kurven flitzt kaum ein Verbrenner. Der im Zeichen des Scorpion geborene Carlo Abarth hätte sich vor Freude auf die Schenkel geklopft.

Freizeitsportler 
Sportsitze mit integrierten Kopfstützen und Schlaufen für das Vorklappen der Rückenlehnen sowie eine Markierung für die Mittelstellung der Lenkung: Der Abarth 500e macht keinen Hehl daraus, was er sein möchte: Ein kleiner Sportwagen.
Freizeitsportler
Sportsitze mit integrierten Kopfstützen und Schlaufen für das Vorklappen der Rückenlehnen sowie eine Markierung für die Mittelstellung der Lenkung: Der Abarth 500e macht keinen Hehl daraus, was er sein möchte: Ein kleiner Sportwagen.

Aber auch Ästheten kommen auf ihre Kosten. Insbesondere dann, wenn das elektrische Stoffdach langsam und in zwei Schritten zurückfährt und die Sonne über die feinen Alcantara-Bezüge streift. Mit viel Liebe zum Detail haben die Designer in Turin ihren jüngsten Spross eingekleidet.

113 statt 70 kW wie im Fiat 500e

Vieles hat der Abarth natürlich mit seinem zahmen Bruder gemein, dem Cinquecento von Fiat. Der stärkere Motor (113,7 kW oder 155 PS) statt 70 kW/90 PS), die Tieferlegung und die sportlichen Ein- und Anbauteile wie die Sportsitze mit integrierten Kopfstützen sowie die (aufpreispflichtigen) 18 Zoll großen Räder lassen den Abarth schon ganz anders, deutlich maskuliner daher kommen als den normalen 500e. Dazu der „böse Blick“ (der abgedunkelte obere Teil des LED-Tagfahrlichts) – ja, der neue Abarth 500e ist mehr Abarth als jemals zuvor. Insbesondere dann, wenn man unterwegs vom zahmen Fahrmodus „Turismos“ in „Scorpion Track“ wechselt, fährt der Kleine seinen Stachel aus und zeigt den fossilen Verbrennern, dass ihre Zeit zu Ende geht.

Wenn die künstliche Beschallung hilft, die Antriebswende zu beschleunigen, dann können wir uns damit sicher für eine Weile arrangieren. Dass aber die Kraft in der Ruhe liegt, werden die Verbrenner-Junkies merken, wenn sie erst einmal ein paar Runden mit dem elektrischen Abarth um den See gesaust sind. Das nötige „Kleingeld“ dafür werden sie in Starnberg sicher schnell aufbringen.

Artikel teilen

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert