Wenn schon Corona, dann auch ein aufregendes Auto – haben wir gedacht, bevor wir uns auf den Weg nach Hamburg machten. Jetzt stehen wir hier im noch etwas trüben Licht eines norddeutschen Februarmorgens vor einem ebenso grauen Audi e-tron GT quattro. Diesem technischen Bruder des wilden oberelektrischen Porsche Taycan, den die Ingolstädter offiziell Gran Turismo nennen, weil sich hier nach ihrer Meinung verschärfte Sportlichkeit und feiner Langstreckenkomfort so unfassbar einzigartig vereinen. Und wir sind erst mal ein bisschen erleichtert, weil der bis zu 350 kW (476 PS) starke Flachmann in natura nicht ganz so rustikal daherkommt wie es einige gut gemeinte Fotoansichten befürchten ließen.

»Das schönste Auto, das ich je gezeichnet habe«, hat Audis Chefdesigner Marc Lichte mit Bezug auf den e-tron GT gesagt. Das können wir uns zwar nur vorstellen, wenn wir uns mal schnell die etwas überballerte Front (ging das nicht irgendwie eleganter?) wegdenken. Prinzipiell aber haut dieser Fünfsitzer schon ziemlich auf den Putz. Was garantiert beabsichtigt ist. Dicke Backen, heftige Schwünge, riesige Räder (bis 21 Zoll), auf Wunsch auch Laserlicht und so weiter. Ist aber optisch keiner vom anderen Stern, den wir jetzt mit aufgerissenen Augen angestarrt hätten. Schade eigentlich.

Grundsolide Türgriffe und feine Sitze

Ganz nebenbei erinnern wir uns an ein Statement von Audis großem Ex-Designer Walter Maria de Silva (A5 Coupé!). »Ein Auto muss mit zwei, maximal drei Linien definiert sein«, hat der Italiener, der inzwischen übrigens dramatische Damenschuhe entwirft, mal in seiner leisen, freundlichen Art gesagt. Sonst wäre der Wagen quasi overdesigned. »Es gibt Autos, die haben so viele Linien, da könnte man drei Autos draus machen.“

Merken Sie was? Okay, war nicht böse gemeint. Und noch einmal, sehr geehrte Audianer, der macht schon was her. Aber bevor wir uns philosophisch völlig verheddern, machen wir lieber mit der Testfahrt ernst. Denn jetzt scheint auch die Sonne, und schon wirkt dieses Kemoragrau Metallic (doch, diese Farbe heißt so) viel freundlicher.

Hier lässt es sich aushalten 
Autor Wolfgang Eschment hinter dem Steuer des Audi e-tron GT. Foto: Audi
Hier lässt es sich aushalten
Autor Wolfgang Eschment hinter dem Steuer des Audi e-tron GT. Die Sitze des Testwagens sind mit dem Stoff Kaskade bezogen, der aus alten PET-Flaschen gewonnen wird. Foto: Audi

Einsteigen. Wir lieben übrigens solche grundsoliden Türgriffe, die beim Anfassen richtigen Händedruck übertragen. So wie diese hier. Und wir hassen die sich vermehrenden, fipsig versenkten Konstruktionen, die hinterhältig unsere Fingernägel malträtieren und im richtigen Winter anfrieren. »Danke« flüstern wir leise und fallen gleich in diese wundervollen tiefen Sportsitze, die auf Wunsch in jeder Art heiz-, kühl-, stütz- und knickbar sind, so dass man am Ende selbst schuld ist, wenn einem der Rücken weh tut. In diesem Fall ließe sich zur Behandlung (falls geordert) die lieferbare Massagefunktion einschalten. Tja, die ledernen Topsitze mit dem Kürzel »pro« (18-Wege-Einstellungen, pneumatische Justierung der Seitenwangen), die zusätzlich mit wunderbaren Doppelnähten auffallen könnten, kosten mindestens 3890 Euro extra.

Es geht aber auch anders. Neben der Kombination von zwei feinen Ledersorten fürs »pro«-Gestühl hat Audi nämlich für die »plus«-Sportsitze was Nachhaltiges im Angebot. Wo kein tierisches Leder, sondern quasi Veganes aufgezogen ist. Erstens in der Kombination von Kunstleder und dem Stoff Kaskade oder zweitens im Mix von Kunstleder und einem Microfaserzeugs namens Dinamica (weiß der Geier, wie dem Marketing diese Namen einfallen). In beiden Fällen ist Recyceltes im Einsatz, zum Beispiel Polyesterfasern, die ehemaligen PET-Kunststoffflaschen und Ex-Textilien entstammen.

Ex-Textilien? Dazu gibt es eine nette Geschichte, die schnell erzählt ist. Das sind nämlich Webreste (Ränder und so), die bei jeder Stoffproduktion anfallen. Abfall. Und hierzu hatte man, wie uns Christine Maier aus Audis Color & Trim-Designabteilung erzählt, beim nahegelegenen bayrischen Textilhersteller Wilhelm Kneitz, seit langem ein bevorzugter Lieferant der Ingolstädter, einen coolen Einfall. »Könnt ihr diese Reste nicht irgendwie gebrauchen, haben sie uns gefragt«. Bei Audi sprießte stracks die passende Technologie, und nun bestehen die Mittelbahnen der nachhaltigen Sitzbezüge und ihr Untermaterial nicht nur aus einer Mischung von Polyester und PET-Materialien, sondern, so Christine Maier, »auch zu 15 Prozent aus genau diesen Webresten«.

Audi setzt auf nachhaltige Materialien

Kaskade, so stellen wir beim Streicheln der präsentierten Stoffmuster fest, erinnert unsere Fingerspitzen an Wolle und Leinen, Dinamica mehr an Alcantara. Und unser GT? Fährt mit Kaskade. So, jetzt noch fix die Kurve zum Polyethylenterephthalat (haha, bitte nachsprechen), kurz PET. Tadaa, in dieser Sitzgarnitur steckt der Extrakt aus 119 wiederverwerteten Kunststoffflaschen! Schwören sie bei Audi. Sagen uns aber nicht, an welchem Werkstor wir die leeren Flaschen abgeben dürfen. Oder wo unsere alten Fischernetze gesammelt werden, deren Reste, super nachhaltig, mit anderem stofflichen Abfall in die Bodenteppiche dieses Autos hineinfabriziert sind.

Tesla-Jünger werden sich schütteln angesichts der Vielzahl von Direktwahlschalter und Hebel. Andere werden es schätzen, weil sie direkt zum Ziel führen. Foto: Audi
Erstaunlich analog
Tesla-Jünger werden sich schütteln angesichts der Vielzahl von Direktwahlschalter und Hebel. Andere werden es schätzen, weil sie direkt zum Ziel führen. Foto: Audi

Rettet nicht die Welt, ist aber ein netter Anfang. Zumal dieses Kaskadebezug, in Grautönen leicht changierend und einer trickreichen Steppung im 3D-Effekt, deren Profil sie bei Audi etwas lyrisch als »Wasserfalldesign« bezeichnen, wirklich reizvoll daherkommt. Und wir, soviel vorweg, hervorragend (Lob, Lob) drauf gesessen haben. Das müssen jetzt nur noch Audis typische Autokunden kapieren, die, wenn es ums vorzeigbar Luxuriöse geht, bislang fast ausschließlich ungemütlichere Ledersitze bestellen. Genau, damit es für die Nachbarn nicht zu billig ausschaut.

e-tron GT mit erstaunlich analogem Cockpit

Weiter geht’s. Inzwischen wundern wir uns nämlich über insgesamt 21 Knöpfe und Schalter im Cockpit, die hier in der Nachbarschaft des großen virtuellen Fahrerdisplays (12,3 Zoll) und des nur 10,1 Zoll großen zentralen Touch-Displays auf unsere Wünsche warten. Gut, einen Riesenscreen hätten sie in diesem flachen Cockpit auch nicht unterbringen können. Und ehrlich, uns gefallen diese Direktwahltasten für zum Beispiel Klimaanlage, Sitzheizung und Fahrprofile (Drive Select) aus Gewohnheit ohnehin besser, weil wir mit ihnen ohne Umwege und Irrgärten schnurstracks zu unseren gewünschten Einstellungen kommen und diese Dinger, typisch Audi, vermutlich hundert Jahre mit der Zuverlässigkeit einer russischen Kalaschnikow einrasten. Überhaupt: Wenn man bedenkt, wie es in manchen Wohnungen ausschaut, muß man einräumen wie vergleichsweise durchkomponiert und wunderbar verarbeitet doch so ein Audi-Cockpit immer wieder ist.

Natürlich, ein voll digitalisierter Tesla-Fahrer wäre jetzt schwer irritiert angesichts dieses erstaunlich analogen Cockpits des e-tron GT. Aber er würde es irgendwie checken. Ist ja weiß Gott auch nicht so, dass dieser Audi nur Hardware kann. Elf unsichtbare Antennen verbinden ihn mit der Außenwelt und übertragen Audio-, LTE-, Bluetooth- und GPS-Signale für Vernetzungen jeder Art. Diverse Funktionen (Vorheizen und ähnliches) lassen sich per Smartphone und myAudi App steuern. Head-up-Display, WLAN-Hotspot, Sprachsteuerung, voll vernetzte Online-Routenberechnung, Phonebox zum induktiven Aufladen, Amazon Alexa — alles zu haben. Auch Car-to-X-Dienste, die vor Gefahren warnen oder bei der Parkplatzsuche helfen.

Jede Menge Spielmöglichkeiten

Gutes Stichwort. Die Sicht nach hinten, stellen wir gerade fest, ist ja nicht so doll. Aber Einparken kann der stromernde Sportler, der 1,41 Meter hoch (Taycan 1,38 Meter), aber unhandliche 4,99 Meter lang und 1,96 Meter breit ist, sogar dann, wenn der Fahrer bequemerweise vorher ausgestiegen ist. In diesem Fall lässt sich die Aktion easy per Smartphone-Bedienung steuern, bis der Audi in der knappen Lücke ist, notfalls in mehreren Zügen. Danach schaltet sich er sich selber ab, aktiviert die Parksperre und verriegelt die Türen. Und Tschüs. Geht logo auch umgekehrt. Das könnten wir dann jeden Tag stundenlang spielen, um die 1770 Euro Aufpreis fürs »Assistenzpaket Parken« abzuarbeiten.

Für die Wahl der Fahrstufen, auch das ist bemerkenswert, flutscht hier in der Mittelkonsole kein typischer Schaltknauf, sondern nur ein edler Schiebeschalter. Verständlich, ist ja eh eine rein elektrische Angelegenheit. Und für den feineren Sound empfiehlt sich das Bang & Olufsen-System des Testwagens, das wir auch gern zu Hause hätten: 16 Lautsprecher, 710 Watt Gesamtleistung, sehr sauberer 3D-Klang. In der GT-Version für 1200 Euro Aufpreis zu kriegen. GT-Version? Das ist hier gewissermaßen das Basismodell, während die stärker aufgerüstete RS-Variante (zu der kommen wir später) mit mehr Ausstattung und Power den extremeren Part spielen darf.

Und wie fährt sich das Auto? Das lesen Sie im zweiten Teil.

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