Renault-CEO Francois Provost und Victor Yang von der Geely Holding lächeln fröhlich in die Kameras und mehr als 1.200 Gäste spenden artig Applaus in der großen Fertigungshalle des Ayrton-Senna-Komplexes südöstlich von Curitiba. Liefen hier seit Ende der 1990er Jahre Renault-Modelle für den süd- und mittelamerikanischen Markt vom Band, so sind es seit dieser Woche auch hybride Geely EX5 und zeitnah von der gleichen Linie der vollelektrische Geely EX2. Neuinvestition: 319 Millionen Euro. Der chinesische Autohersteller hat sich mit rund 26 Prozent in die Kooperation Renault Geely do Brasil eingekauft. Ziel ist ein nennenswerter Anstieg der Elektrofertigung, die hier lokal bisher fehlte.
„Es gibt auch in Südamerika einen klaren Trend zur Elektrifizierung. Doch ein elektrischer Antrieb ist dabei nur eine Möglichkeit. Es geht gerade in einem Land wie Brasilien mit seinen Ethanolantrieben auch um Hybridtechnik, die wir anbieten werden“, sagt Renault-CEO Francois Provost. „Der lokale Automarkt passt sich hier schnell an und das merken wir insbesondere bei den elektrischen Modellen. Hier hilft uns die Kooperation mit Geely deutlich, denn es gelingt uns, deutlich schneller mit Elektromodellen in den Markt zu kommen.“

Der kleine preiswerte Stromer – der bei uns als Dacia Spring verkauft wird – hat inzwischen auch in Brasilien eine Menge Fans.
Die Brasilianer haben die chinesischen Autohersteller mit offenen Armen empfangen – mittlerweile herrscht hier bei etablierten Fahrzeugherstellern wie etwa VW do Brasil die pure Angst, dass sich Marken wie BYD, Great Wall, Chery, Geely, Saic und Co. einen der größten Automärkte der Welt unter sich aufteilen. Getreu dem Motto „man muss mit den Wölfen heulen – nur lauter“, geht Renault einen anderen Weg – und hat sich mit den vermeintlichen Feind in ein Bett gelegt. Die ersten Kinder sind bereits da und weitere sollen folgen. Mit lokaler Fertigung, um die 35 Prozent Importsteuer zu umgehen. Renault will so aufschließen zum brasilianischen Führungstrio: Ein Triumvirat aus Fiat, Volkswagen und Chevrolet dominiert den südamerikanischen Markt seit langem. Hyundai hat ebenso wie Renault große Pläne und auch Toyota und Jeep versuchen mehr Kunden ins eigene Lager zu holen.
Ladeinfrastruktur wächst rasant
Seit 2022 engagieren sich China-Marken – alles voran BYD mit seinem elektrischen Dolphin Mini zu Preisen ab 110.000 Real (umgerechnet rund 18.000 Euro) – stärker und setzen zunehmend auf lokale Fertigungen. Da die Markenloyalität in Brasilien gering ist, brechen den etablierten Anbietern große Absatzvolumen weg. Die neuen Hersteller bieten gerade Privatkunden ihre Modelle zu Dumpingpreisen an. Dabei spielen zunehmend Elektroautos eine nennenswerte Rolle.
Ein Grund ist die steigende Zahl an öffentlichen Ladesäulen. Standen in ganz Brasilien bis 2024 nicht mehr als 17.000 Ladepunkte zur Verfügung, so ist deren Anzahl bis September 2026 auf knapp 30.000 gestiegen. Immerhin 40 Prozent davon sind mit Gleichstrom betriebene Schnelllader, die sich zunehmend entlang der Hauptverkehrsadern ausbreiten. Wechselstrom-Lader finden sich in zunehmendem Maße vor Hotels, an Einkaufzentren und auf öffentlichen Parkplätzen.

Standen in Brasilien 2024 nur 17.000 Ladepunkte zur Verfügung, so ist deren Anzahl bis September 2026 auf knapp 30.000 gestiegen. Foto: https://depositphotos.com/de/
Dabei hat der Automarkt in Brasilien seine ganz eigenen Gesetze. Ein durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 600 Euro drückt dem Automarkt seinen Stempel auf, denn in nennenswerten Volumen werden hier nur Kleinwagen und kompakte Crossover verkauft. Trotzdem kostet selbst ein Einstiegsmodell wie der Renault Kardian oder ein VW Tera mindestens 100.000 bis 110.000 Real – umgerechnet 17.000 bis 18.500 Euro. Selbst der kleine Fiat Argo ist als Basismodell knapp 90.000 Real teuer und ein kompakter Crossover wie der Hyundai Kona Hybrid liegt bei mindestens 220.000 Real (38.000 Euro) – also fast schon auf Europa-Niveau. Keine große Überraschung: 85 Prozent der Fahrzeuge stammen dabei aus lokal Fertigung.
Jedes fünfte Fahrzeug ist mittlerweile elektrifiziert
Bekamen Elektroautos wegen mangelnder Infrastruktur, fehlender Anreize und hoher Preise lange Zeit kaum einen Reifen auf den Boden, so ändert sich die Situation nun schneller als von vielen Experten erwartet. Junge Leute und Fahrdienste wie Uber setzen zumindest in den Metropolen wie Sao Paulo, Curitiba oder Rio de Janeiro zunehmend auf Stromer. Weniger weil diese umweltverträglicher oder gar günstiger sind, sondern weil Fahrzeuge mit Elektroantrieb im Unterschied zu den Verbrennern für eine moderne, zukunftsorientierte Mobilität stehen.

Den Verwandten des Dacia Bigster bietet Renault in Brasilien in einer Flex-Fuel-Version an: Betrieben werden kann er auch mit Ethanol.
Auch wenn sich Zahl der rein elektrischen Fahrzeuge noch in Grenzen hält, nimmt die Zahl der elektrifizierten Modelle nicht zuletzt durch die preisaggressiven Chinesen spürbar zu. Jedes fünfte Fahrzeug ist mittlerweile elektrifiziert und knapp acht Prozent sind rein elektrisch unterwegs. 68 Prozent alles Pkw sind sogenannte Flex-Fuel-Modelle und können mit einer variablen Mischung aus Benzin (zu Preisen um die 1,10 Euro pro Liter) oder Bio-Ethanol (0,70 Euro/Liter) bewegt werden. Stolz sind die Brasilianer dabei auf die eigene Ökobilanz. Dann da fast 90 Prozent der Energie aus regenerativen Quellen stammt, stechen die mit Biokraftstoffen betriebenen Autos über den gesamten Lebenszyklus hinweg selbst europäische Elektroautos oder Hybridfahrzeuge aus USA aus.
Unabhängig vom Antrieb spielen Pick Ups kleiner und mittlerer Fahrzeugklassen nicht nur in ländlichen Regionen eine nennenswerte Rolle. Der Fiat Strada ist ebenso ein Bestseller wie die Wettbewerber anderer Marken, während der Hyundai Creta einer der beliebtesten Crossover ist. Renault bringt mit dem Niagara nunmehr einen größeren Pick-Up auf den Markt – produziert im benachbarten Argentinien. Daher stammt auch der VW Amarok – großer Pick-Up-Bruder des Saveiro Robust. Doch auch echte Kleinwagen die VW Polo, Fiat Argo oder Chevrolet Onyx sind zwar bei den Kunden beliebt, jedoch längst keine Schnäppchen mehr. Doch die Preise dürften durch die neuen Marken auch China unter Druck geraten – und die Fahrzeuge zunehmend elektrisch werden lassen.