Nach der aktuellen Analyse der Experten von Cirrantic für den „Charging Radar“ von EDISON vollzieht der deutsche Lademarkt derzeit eine strategische Kehrtwende. Während der Aufbau von Ladepunkten in den vergangenen Jahren vor allem eine Standortfrage war, rückt nun die operative Exzellenz in den Mittelpunkt. Die Daten (Stand: Ende April 2026) zeigen dabei eine klare Zweiklassengesellschaft in der Auslastung:

HPC und DC-Ladepunkte sind mittlerweile die Arbeitspferde des Marktes. Sie verzeichnen eine beeindruckende Nutzungsdichte von durchschnittlich über 2,5 Ladevorgängen pro Tag. Der Ausbau der mit Gleichstrom betriebenen Schnellladeinfrastruktur (HPC) nicht nur entlang der Autobahnen, sondern zunehmend an Standorten, die für E-Mobilisten im Alltag relevant sind (z.B. an Supermärkten, Tankstellen und Baumärkten) zahlt sich hier für die Betreiber direkt in den Nutzerzahlen aus. Ihr Vorteil: Ein Aufenthalt von nur einer halben Stunde reicht aus, um den Akku wenigstens zu 80 Prozent zu befüllen. Das ist in etwa die Zeit, die ein Wocheneinkauf dauert.

AC-Ladepunkte in den Städten hingegen zeigen mit etwa 0,63 Ladevorgängen pro Tag eine deutliche geringere Nutzungsfrequenz. Kein Wunder: Sie werden zum Laden der Elektroautos über Nacht genutzt und sind deshalb über viele Stunden von einem nur Fahrzeug belegt. Die sogenannten „Schnarchlader“ fungieren zunehmend als ergänzendes Angebot für den Stand-Ladevorgang, etwa beim Einkauf oder im Wohnumfeld, haben aber ihre Rolle als primäre Energiequelle für die Masse der E-Mobilisten zugunsten der Schnelllader verloren.

Das unterstreichen auch die Daten aus dem Charging Radar, wonach die monatliche Anzahl der DC-Ladevorgänge in Deutschland mit inzwischen rund vier Millionen schon seit etwa einem Jahr deutlich über der bundesweiten Anzahl der AC-Ladevorgänge (2,8 Millionen) liegt.

Preisentwicklung: Das Ende der großen Sprünge

Unser besonderes Augenmerk beim „Charging Radar“ liegt seit Anbeginn auf der Preisentwicklung an den Ladesäulen. Lange Zeit war die Preisvolatilität ein großes Ärgernis für die Fahrer von Elektroautos, doch die aktuellen Daten zeigen hier eine erfreuliche Entwicklung auf:

Durchschnittlich 66 Cent pro Kilowattstunde
Entwicklung der Strompreise an mit Wechselstrom betriebenen Ladepunkten seit 2020. Grafik: Cirrantic
  • Konvergenz der Preise: Wir beobachten eine bemerkenswerte Annäherung der Preise zwischen AC- und DC-Laden. Während früher DC-Laden einen deutlichen Preisaufschlag hatte, sind die Preise hier in den letzten Quartalen gesunken und nähern sich dem AC-Niveau an. Im Schnitt zahlten Ende April die Nutzer von Schnellladesäulen 68 Cent pro Kilowattstunde. Für Wechselstrom wurden im Schnitt 66 Cent/kWh aufgerufen. Dies macht das Schnellladen nicht nur auf der Langstrecke attraktiver.
  • Stabilität bei AC: Bei AC-Ladepunkten zeigt sich zwar ein breiterer „Spread“ – es gibt sowohl sehr günstige (von 46 Cent/kWh) als auch sehr teure Angebote (bis zu 96 Cent/kWh). Aber effektiv ist das Preisniveau recht stabil. Die großen Preissprünge der Vergangenheit bleiben derzeit aus. Allerdings rufen manche Betreiber wie EnBW immer noch eine Blockiergebühr von 10 Cent pro Minute (aber maximal 12 Euro) auf, sollte das Elektroauto länger als vier Stunden an der Ladesäule stehen.
  • Preisstabilität: Die Phase der extremen Instabilität scheint insgesamt aber beendet. Mit den Daten für Juni 2026 sehen wir, dass der Markt trotz Energiekrise ein stabiles Plateau erreicht hat. Für die Nutzer bedeutet das: Das Laden wird kostenseitig planbarer – und die Vorteile, die Fahrer von Elektroautos gegenüber Besitzern von benzin- oder dieselgetriebenen Autos haben, werden größer.

50 Prozent mehr Lade-Sessions im Jahresvergleich

Der wichtigste Indikator für den wachsenden Erfolg der Elektromobilität in Deutschland ist allerdings die Gesamtzahl der Ladevorgänge. Trotz der anhaltenden Diskussion über die Auslastung der Ladepunkte stiegen die Lade-Sessions im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent. Das belegt eindrucksvoll, dass das Elektroauto im deutschen Alltag endgültig angekommen ist. Rund 3,5 Millionen Elektroautos (Teilzeitstromer oder Plug-in-Hybride inbegriffen) sind inzwischen in Deutschland zugelassen, rein batterieelektrisch fahren davon knapp 2,3 Millionen. Bei einem aktuellen Bestand von über 213.000 Ladepunkten bundesweit (die Tesla-Charger kommen noch obendrauf) ist das Angebot an öffentlichen Lademöglichkeiten in Deutschland im internationalen Vergleich inzwischen ausgesprochen gut.

Was bedeutet das für Fahrer und Betreiber?

Für die Nutzer: Das Netz ist engmaschig und zuverlässig wie nie zuvor. Die Zeiten, in denen eine Ladestation am Zielort reine Glückssache war, sind Geschichte. Durch die sinkende Preisdifferenz zwischen AC- und DC-Laden wird zudem die Entscheidung für das Schnellladen auf der Langstrecke ökonomisch entlastet.

Öffentliche Ladeinfrastruktur gewinnt an Bedeutung
Seit 2020 ist nicht nur das Angebot an öffentlichen Ladestationen in Deutschland gewachsen – es wird aufgrund der wachsenden Zahl an E-Autos auch intensiver genutzt. Grafik: Cirrantic

Für die Betreiber (CPOs): Der Wind weht rauer. Die reine Präsenz in der Fläche reicht nicht mehr aus. In einem reiferen Markt entscheiden nun die strategisch intelligenten Standorte und eine hohe Serviceverfügbarkeit über die Profitabilität. Da die Preise sich stabilisieren und der Wettbewerb zunimmt, wird die operative Effizienz zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Das Fazit: Die vom Bundesverband der Elektro- und Wasserwirtschaft (BDEW) angezettelte Debatte über eine vermeintlich „geringe Auslastung“ der Ladeinfrastruktur greift zu kurz, da sie die unterschiedlichen Nutzungsprofile von AC- und DC-Ladern ignoriert. Deutschland hat ein funktionierendes, leistungsfähiges Schnellladenetz. Und der aktuelle Charging Radar von Cirrantic kündet von einer gesunden Marktreife: Wir bewegen uns weg vom rein quantitativen Aufbau hin zu einer effizienten, nutzerorientierten Ladelandschaft, in der auch die Preise ein vernünftiges Maß gefunden haben.

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