Mit einem Budget von 10.000 Euro lässt sich Mobilität in der Stadt locker darstellen. Ein Jahresticket für zwei Personen im Verkehrsverbund Rhein-Sieg etwa kostet in der höchsten Preisklasse nur 7800 Euro und schafft mit Bussen und Bahnen einen Aktionsradius von rund 150 Kilometern an sieben Tagen die Woche. Alternativ wäre an die Anschaffung von zwei sehr guten E-Bikes für jeweils 5000 Euro zu denken. Fahrten über 150 Kilometer sind dann schon eher eine Herausforderung – aber mit ein wenig Training durchaus zu schaffen.

Und natürlich lässt sich mit einem Budget von 10.000 Euro auch locker ein Auto erwerben: Über 1500 Neu- und Gebrauchtwagen warf die Plattform von mobile.de auf einen entsprechenden Suchbefehl hin aus. Sogar 14 gebrauchte Elektroautos und Plug-in-Hybride waren darunter, der Jüngste von 2018. Für wenig mehr gibt es dank fetter Förderprämien des Staates in Kürze sogar ein nagelneues Elektroauto: Er kommt aus China, wird hierzulande vom französischen Konstrukteur Renault unter der rumänischen Marke Dacia vertrieben und soll als Spring Electric in Deutschland nicht nur für Frühlingsgefühle, sondern auch für so etwas wie eine elektromobile Grundversorgung von Stadtbewohnern sorgen.

Dacia Spring Electric am Rheinufer
Stromabwärts
Der Dacia Spring Electric macht auf den ersten Blick eine gute Figur. In vielen Details zeigt der kompakte City-SUV jedoch Schwächen. Fortschritt? Sieht anders aus.

Wir haben schon einmal eine Runde gedreht mit dem Billig-Stromer aus Fernost, der im Herbst zu uns kommt und mit einem (um den Umweltbonus bereits bereinigten) Basispreis von 10.920 Euro als das „erschwinglichste Elektroauto auf dem deutschen Markt“ positioniert werden soll. Vorbestellungen für die 12.220 Euro (21.790 Euro minus Umweltbonus) teure Comfort Plus-Version werden ab dem 20. März von allen Dacia-Händlern entgegengenommen. Sollte man der Hausbank also schon einmal Bescheid geben, dass demnächst eine größere Summe vom Konto abgehoben wird?

Schein & Sein

Der erste Eindruck vom silbernen Dacia Spring, der uns auf einem Parkplatz unweit der Zentrale von Renault Deutschland unter Corona-Bedingungen für die Testfahrt übergeben wird, ist schon einmal gut. Der 3,73 Meter lange und nicht einmal 1,50 Meter hohe City-SUV sieht knuffig aus. „Echt chic“ findet auch der Besitzer eines Dacia Duster, der von der nahegelegenen McDonalds-Filiale herübergeschlendert kommt, um sich das Auto anzusehen. Mit der Dachreling und dem Dacia-typischen rustikalen Frontgrill sieht der Kleine so aus, als könnte man mit ihm Pferde stehlen.

Innenraum des Dacia Spring Electric
Viel Plaste, wenig Elaste
Der Innenraum des Dacia Spring Electric ist spartanisch gehalten und kostengünstig ausgekleidet. Das Lenkrad fühlt sich klebrig an, der Sitz ist in der Höhe nicht verstellbar.

Der positive erste Eindruck schwindet jedoch beim Öffnen der Fahrertür: Entgegen kommt uns eine Geruchswolke wie aus einer Chemiefabrik. Also erst einmal lüften, dann weiterschauen und -tasten. Das Elektromobil ist billig – und das sieht und spürt man. Nackte Schrauben, harte Oberflächen, Sitze ohne Seitenhalt und Schalter wie aus Legoland. Mit „Reduce to the Max“ beschrieben die Marketingleute von Smart einst die Beschränkung ihres City-Mobils auf das Notwendigste – die Produktentwickler von Dacia gehen noch einen Schritt weiter. Oder wieder einen zurück – in die Frühzeit von Dacia nach der Übernahme durch Renault. Der aktuelle Dacia Duster oder auch Sandero bieten jedenfalls inzwischen deutlich mehr wohnlichen Charakter und auch an Materialgüte.

Geplant war der Elektroantrieb für das Stadtauto schon länger. Aber erst mit einer neuen Batterie - und dem kräftigen Preisnachlass durch die Umweltprämie sehen die Franzosen nun gute Marktchancen. Auch gegen das Schwestermodell aus dem Daimler-Konzern. Elektroauto

Aber vielleicht ändert sich das ja noch bis zum Verkaufsstart im Herbst. Auch handelt es sich bei dem Testwagen um die Ausführung „Business“ – eingesetzt werden die Modelle in Sharing-Systemen. Also sind wir mal nicht zu kritisch. Immerhin hat der Spring noch einen konventionellen Handbremshebel und ein Zündschloss – der Umstieg auf ein Elektroauto sollte deshalb nicht allzu schwer fallen.

Saus & Braus

Trotzdem geht der Start nicht ganz reibungslos vonstatten. Zündschlüssel gedreht, Fuß auf die Bremse. Gangwahlrad auf D wie Drive gedreht – und schon klingelt es in den Ohren, springt im Cockpit eine Lichtorgel an. Was haben wir da wohl falsch gemacht?

Die Antwort: Gestartet wird im Modus N wie Normal – die Stufe P wie Parken haben sich die Chinesen gespart. Und der Zündschlüssel will über einen Totpunkt hinaus gedreht werden – erst dann wird der Antrieb aktiviert. Anfängerfehler.

Beim zweiten Mal klappt es dann, schnurrt der Spring vom Parkplatz. Schon hier fällt auf: Der Wendekreis ist trotz Frontantrieb mit 9,5 Metern erfreulich klein – und der kleine Dacia ist mehr Utility als Sport. Mit einer Motorleistung von 33 kW (45PS) reißt niemand Bäume aus. Der Blick auf den Tacho verheißt einen Aktionsradius von 185 Kilometern – für die Fahrt in die Domstadt und zurück sollte es locker reichen.

Mal schnell laden?
Das geht beim Dacia Spring leider nicht. An der AC-Ladesäule nimmt der Onboard-Lader des elektrischen City-SUV maximal 6,6 Kilowatt auf – die Renault Zoe rechts daneben 22 kW.

Auf der Stadtautobahn tut man allerdings gut daran, auf der rechten Spur zu bleiben – wie der Frühling in diesem Jahr braucht auch der Spring eine ganze Weile, um auf Temperaturen zu kommen. Tempo 50 ist flott erreicht. Aber von 50 auf 100 km/h braucht es zehn Sekunden. Und bis zur Richtgeschwindigkeit 130 vergehen noch einmal handgestoppte 27 Sekunden. Und mit leichten Wankbewegungen – Fahrt- und Seitenwinde zerren spürbar an der Karosse – macht der Kleine deutlich, dass die Schnellstraße nicht sein Revier ist. Den „Elchtest“ lassen wir mal besser sein – es könnte trotz ESP gefährlich werden

Im Stadtverkehr schlängt sich der hochbeinige und weich gefederte Elektro-Zwerg deutlich besser. Der Fahrer sitzt leicht erhöht und hat zumindest nach vorne einen guten Überblick. Beim Einparken hilft die serienmäßige Rückfahrkamera. Was will man mehr?

Der neue Corsa-e von Opel macht dem Platzhirsch Renault Zoe das Revier streitig. Die erste Begegnung der beiden Rivalen in freier Wildbahn endete mit einer Überraschung. Elektroauto

Vielleicht einen größeren Akku. Die Kapazität der luftgekühlten Batterie ist mit netto 27,4 Kilowattstunden (kWh) doch arg knapp bemessen, zumal die Stromverbräuche auf der Testfahrt (bei Außentemperaturen um die 7 Grad Celsius) von im Schnitt 17,7 kWh doch um einiges von dem entfernt waren, was der Hersteller verspricht: 15,8 kWh/100 km im Drittelmix nach der Verbrauchsform WLTP.

Der Spring braucht also möglicherweise häufiger eine Ladepause, als einem lieb sein kann. Zwar lässt sich der Elektro-Dacia gegen Aufpreis mit einem CCS-Schnellladeanschluss ausrüsten. Aber auch dann lässt sich nur mit maximal 30 kW Gleichstrom ziehen – die Renault Zoe kommt schon an einem AC-Anschluss auf 22 kW. An einer Wechselstrom-Wallbox beträgt die maximale Ladeleistung sogar nur 6,6 kW – schnell geht da gar nichts.

Geld & Kapital

Elektroautos sind derzeit noch deutlich teurer als konventionell angetriebene Fahrzeuge. Mit Sparmaßnehmen beim Materialeinkauf und in der Produktion versuchen die Hersteller deshalb, wo immer es geht die Preisdifferenz zu reduzieren. Beim Dacia Spring geschieht das nicht nur durch den massiven Einsatz von Plaste und Elaste, sondern beispielsweise den Verzicht auf einen zweiten Wischerarm und eine zweite Waschwasserdüse. Auch auf moderne Assistenzsysteme muss der Käufer eines Spring derzeit noch verzichten. Und auch beim Blick auf die kleinen Trommelbremsen an der Hinterachse und die (servicefreundliche) Unterbodenkonstruktion zeigt sich das strenge Kostendiktat.

Servicefreundlicher Motorenraum
Der 33 kW starke Elektromotor des Dacia Spring treibt die Vorderachse an, der Akku speichert knapp 28 kWh – für Einsätze in der Stadt ist das mehr als ausreichend.

Der Dacia ist in vielen Punkten eher billig als kostengünstig. Das relativiert den niedrigen Basispreis. Aber für Dacia-Fahrer sind Autos bekanntlich keine Prestigeobjekte. Und der Spring bietet mehr Komfort als ein Linienbus und größeren Wetterschutz als ein E-Bike, kann auf kürzeren Strecken auf der Rücksitzbank auch zwei erwachsene Passagiere mitnehmen und im Kofferraum zwischen 290 und 1100 Liter Gepäckvolumen verstauen.

Das alles prädestiniert den Dacia Spring für einen Einsatz in Sharing-Angeboten, bei Pflegediensten und Pizza-Services. Wer hingegen ein Elektroauto sucht, mit dem sich auch schon mal Ausflüge aufs Land unternehmen lassen, sollte sich vielleicht zunächst einmal auf dem Gebrauchtwagenmarkt umsehen. Zum Beispiel – um im Konzern zu bleiben – nach einer jungen Renault Zoe: Die werden mit geringen Laufleistungen schon ab 11.000 Euro angeboten, bieten mehr Platz und Reichweite – und sind deutlich erwachsener und alltagstauglicher.

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2 Kommentare

  1. Avatar

    Die Bastler freuen sich schon auf die Unfallfahrzeuge, aus dennen sie dann den Akku schlachten um einen Heimspeicher aufzubauen.
    Hat das Ding eine Heizung? Klimaanlage?
    Wie sind die Crashtests verlaufen?

    Vielleicht finden sich welche, die die Innereien in ein Erdölfahrzeug packen und sich dann einen Hybriden selbst bauen.
    Oder man baut sich einen Rasentraktor, Gokart, etc. Alles hängt davon ab, wie zugänglich das System ist.

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    • Franz W. Rother

      Heizung und Klimaanlage für den Fahrgastraum ist vorhanden, für den Akku nicht. Alle Teile sind sehr gut zugänglich, auch von unten – Verkleidungen hätten nur Geld gekostet. Ergebnisse von Crashtests liegen noch nicht vor. Aber ich denke, der Konzern wird sich in dem Punkt keine Blöße geben.

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