Mit normalen Maßstäben muss man es beim neuen GMC Hummer gar nicht erst versuchen. Er hat seinen Ursprung im High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle (HMMWV), dem meist Humvee genannten und beinahe unzerstörbaren Armeefahrzeug der US-Streikräfte und ist entsprechend groß, schwer – und war mit europäischen Vorstellungen von einem umweltverträglichen Straßenverkehr bislang nicht in Einklang zu bringen.

Neustart als Vollstromer

Aber die Zeiten ändern sich. Und General Motors, seit 1999 im Besitzen der Marke Hummer, hat den Geländewagen auf der variablen Ultium-Plattform völlig neu entwickelt. Und auch wenn die US-Armee den neuen GMC Hummer für etwaige zukünftige Einsätze bereits unter die Lupe nimmt – mit dem Desert-Storm-Relikt hat der neue Hummer EV nicht den Hauch gemein. Vielmehr soll der Nachfolger die dröge GM-Marke GMC auf dem Heimatmarkt wieder mit neuem Leben füllen. Was wäre da einfacher als mit einem neuen vollelektrischen Hummer, der zu einer kleinen Modellfamilie ausgebaut werden soll?

Elektro-Pickup im XXL-Format
Auf dem Mildford-Testgelände nahe Detroit sind für den Hummer EV Hitze und Staub das kleinste Problem. Bilder: General Motors
Elektro-Pickup im XXL-Format
Auf dem Mildford-Testgelände nahe Detroit sind für den Hummer EV Hitze und Staub das kleinste Problem. Bilder: General Motors

Den Anfang macht der Hummer als Pick Up – schon mehr als die in den USA so heiß geliebten Full-Size-Modelle wie ein Ford F-150, Chevrolet Silverado oder Dodge Ram. Der 5,50 Meter lange Hummer sieht aus, als würde er fünf Tonnen wiegen – und ist tatsächlich mit 4,3 Tonnen kaum leichter. Seine Kraft ist gewaltig, denn 740 kW (1000 PS) und 1.620 Newtonmeter (Nm) Drehmoment sorgen für eine schier unglaubliche Antriebsleistung.

Schräg durchs Gelände mit Allradlenkung

Trotzdem ist der Hummer ein wahrer Tänzer. An der gewaltigen Mittelkonsole kurz am Controller gespielt – und das Herz des Elektrokolosses schlägt im Dreivierteltakt. Der kann durch seine vier einzeln angesteuerten Räder wie eine Krabbe auch schräg in eine Richtung zuckeln. Das ist einfach abgefahren und im Gelände eine echte Schau.

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Technische Daten
GMC Hummer EV Edition 1

Antrieb: zwei Elektromotoren hinten, einer vorn mit 740 kW/1000 PS Leistung
Max. Drehmoment: ca. 1.600 Nm
Batteriekapazität: 208 kWh, Reichweite: 520 Km
Höchstgeschwindigkeit: ca. 160 km/h
Beschleunigung: 0-100 km/h: ca. 3,5 Sekunden
Länge/Breite/Höhe: 5,51/2,38/2,01 m
Leergewicht: 4.300 kg, Anhängelast: 5.250 kg
Basispreis: 110.000 US-Dollar

Die Seele des EV-Hummer ist ein 910 Kilogramm schweres Akkupaket im Unterboden, das nicht nur die Elektromotoren mit der nötigen Energie versorgt, sondern auch einzigartige Stabilität in die Karosseriestruktur bringt. Während das 1.000 PS starke Topmodell über drei Elektromotoren (einer vorn / zwei hinten) verfügt, sind die nachfolgenden schwächeren Hummer-Varianten mit einem Motor vorn und einem an der Hinterachse unterwegs.

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Das doppelstöckige Akkupaket setzt in der Klasse der Elektroautos Maßstäbe, denn eine Speicherkapazität von 208 kWh hat es bei einem Großserienelektroauto bisher noch nicht gegeben. Das stattliche Batteriepaket reicht angeblich für Fahrten über 520 Kilometer, bis es an die nächste Ladesäule geht. Hier zeigt sich der Nachfahre des Army-Humvee überaus wandlungsfähig, denn das normale 400-Volt-Bordnetz kann sich beim Nachtanken auf 800 Volt verdoppeln und die Ladezeit somit deutlich reduzieren. In zehn Minuten gibt es mit einer DC-Ladeleistung von bis zu 350 kW Energie für die nächsten 160 Kilometer.

Extrem geländegängiger Hummer

Seine erste Testfahrt muss der Elektro-Koloss auf der Marterstrecke des hauseigenen Mildford-Testgeländes nahe Detroit hinter sich bringen. Hitze und staubige Pisten sind hier das kleinste Problem, doch der Hummer krabbelt ohne jegliche Probleme steilste Anstiege hinauf und wühlt sich durchs unwegsame Geläuf. Auch wenn sich die Fronthaube steil bergan in den Himmel reckt, behält der Fahrer alles im Blick, denn eine Kameraansicht auf dem Großbildschirm macht den Unterboden förmlich sichtbar.

Da kommt Freude auf 
Die unbändige Kraft des 1000 PS starken Elektroantriebs hinterließ bei unserem Autor einen nachhaltigen Eindruck.
Da kommt Freude auf
Die unbändige Kraft des 1000 PS starken Elektroantriebs hinterließ bei unserem Autor einen nachhaltigen Eindruck.

So gibt es keine bösen Überraschungen als der Hummer die Kuppe hinter sich gebracht hat. Was am meisten beeindruckt, ist jedoch nicht die Lässigkeit, mit der der elektrische Mega-Pick-Up sich problemlos durch tiefe Spurrillen, Sand und Geröll wühlt. Trotz des Gewichts von mehr als vier Tonnen und einer Fahrzeuglänge von 5,50 Metern ist der Koloss wendig, wie man es nicht erwartet hätte. Durch die intelligente Allradlenkung reduziert sich der Wendekreis von 13,5 auf 11,3 Meter. Und auch wenn der Hummer elektrisch unterwegs ist – die Vorderachse lässt sich elektronisch sperren. Hinten arbeiten beim Topmodell ohnehin zwei separate Elektromotoren, die einzeln angesteuert werden können. Perfekt für hartes Gelände.

1000 PS Leistung rauben den Atem

Die Lenkung ist trotz der gewaltigen Offroadpneus leichtgängig und allemal präzise. Bergan lassen sich die drei Elektromotoren mit ihren gigantischen 1.000 PS mit dem Gasfuß gefühlvoll steuern. Hier zeigen sich die Vorteile geben den deutlich träger arbeitenden Verbrennermotoren, die mit erhöhtem Standgas erst bei Laune gehalten werden müssen, damit das Drehmoment nicht abstirbt. So geht es auch Wunsch auch durch viel mehr als nur seichte Wasserdurchfahrten. Denn die Wattiefe liegt bei 81 Zentimetern und dank seiner Bodenfreiheit von 40 Zentimetern krabbelt der Amerikaner über die meisten Problemstellen ohne jede Anstrengung hinweg.

Plastikwüste mit zwei Monitoren 
Der Hummer EV kommt auch in der 110.000 Dollar teuren "Edition 1" eher als Nutzfahrzeug denn als Luxusgefährt daher.
Plastikwüste mit zwei Monitoren
Der Hummer EV kommt auch in der 110.000 Dollar teuren „Edition 1“ eher als Nutzfahrzeug denn als Luxusgefährt daher.

Über den Bildschirm oder einen Schalter auf dem breiten Mitteltunnel lassen sich die verschiedenen Fahrmodi ansteuern. Hilfreicher denn je ist das Schaltpedal links an Lenkrad, mit dem auch in den One-Pedal-Modus gewechselt werden kann. Dann lässt sich das stromernde Ungetüm besonders filigran bewegen – bergauf und bergab – ohne Bremspedaleinsatz.

Über 77.000 Vorbestellungen allein in USA

Der Innenraum des Hummer lässt zugegebenermaßen einige Wünsche offen, denn der ist für ein 100.000 Dollar-Auto sehr rustikal bis billig ausgestattet und ausgekleidet: Die Plastikwüste am Armaturenbrett ist Geschmackssache. Schön und wertig sehen aber wirklich anders aus. Immerhin gibt es vorn wie hinten jede Menge Platz. Die Sitzgelegenheiten sind breit, könnten aber mehr Halt bieten. Das 13,4 große Zentraldisplay liefert die wichtigsten Informationen, wenn man auf langsamer Schleichfahrt im harten Geläuf unterwegs ist. Dann hält sich auch der Verbrauch in Grenzen, den man durch den Einsatz von Bremse und Rekuperationsstufe im Alltag nennenswert beeinflussen kann. Und wenn man doch einmal schnell fliehen muss: aus dem Stand spurtet der Elektrogigant in knapp über drei Sekunden auf Tempo 100.

In alle Richtungen offen 
Zahlreiche Hilfsprogramme sorgen dafür. dass für den Hummer EV nie das Gelände ausgeht.
In alle Richtungen offen
Zahlreiche Hilfsprogramme sorgen dafür. dass für den Hummer EV nie das Gelände ausgeht.

Die rund 110.000 US-Dollar teure „Edition 1“ des Hummer EV war in den USA sofort ausverkauft. Und so heißt es für die über 77.000 Kaufinteressenten, die das Elektroauto reserviert haben, nun erst einmal warten, bis die Produktion in der neuen Factory Zero von GM in Detroit auf vollen Touren läuft. Neben dem Hummer EV soll dort auch Silverado EV, der GMC Sierra Denali Electric sowie ein vollelektrischer Lieferwagen produziert werden. Das kann also dauern.

Unter dem Topmodell ist der Hummer EV 3X für rund 106.000 US-Dollar positioniert. Die beiden Basisversionen mit je nur einem Motor an Vorder- und Hinterachse kommen wohl erst Ende 2023/Anfang 2024 – zu Preisen ab 86.000 US-Dollar, wie es heißt. Ob das Modell von GM auch in Europa angeboten wird, steht noch in den Sternen. Doch einige US-Importeure setzen angeblich bereits alle Hebel in Bewegungen, um den urwüchsigen Elektroklettermaxen über den Atlantik zu bekommen. 

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