Wer mit dem Gedanken spielt, emissionsfrei und elektrisch in den Campingurlaub zu rollen, stieß bisher schnell an ernüchternde Grenzen. Wir haben hier schon mehrfach über das fundamentale Dilemma berichtet, vor dem die Branche steht: Nahezu jedes moderne Reisemobil basiert auf einem klassischen Transporter-Fahrgestell. Konstruktionen, die ursprünglich für Dieselmotoren, Kardanwellen und Getriebetunnel entworfen wurden.

Wird ein solches Nutzfahrzeug nachträglich elektrifiziert, rächt sich das bitter. Schwere Batteriepakete treiben das Leergewicht unweigerlich über die magische 3,5-Tonnen-Grenze, die der Gesetzgeber beim Pkw-Führerschein der Klasse B setzt. Für Passagiere, Frischwasser, E-Bikes und Gepäck bleibt schlicht keine Nutzlast mehr übrig – oder der Urlaubstraum erfordert einen teuren Lkw-Führerschein samt lästigen Tempolimits und Mautschikanen. Genau an dieser Sollbruchstelle setzt nun eine Weltpremiere auf dem Caravan-Salon 2026 in Düsseldorf an.

Pioniergeist aus Heinsberg

Dass der Schlüssel in einer maßgeschneiderten, extrem flachen Elektro-Plattform liegt, erkannte Michael Schoening bereits vor über fünf Jahren. Der aus Heinsberg stammende Gründer von CityFreighter (mit Sitz im kalifornischen Santa Barbara) gehört zu den wenigen Vordenkern der Branche, die sich nicht mit halbherzigen Umrüstlösungen zufriedengeben wollten.

Der nächste Schritt
Michael Schoening hat viele Jahre und auch viel Geld in das Projekt investiert. Mit dem EVOLVE-Konzept, das in Düsseldorf Weltpremiere hat, ist er nun einer Serienfertigung einen großen Schritt näher gekommen. Fotos: CityFreighter

Das erste greifbare Resultat seines Ansatzes war 2021 der vollelektrische Lieferwagen CF1. Schon damals zeigte Schoening der etablierten Nutzfahrzeug-Konkurrenz, wie intelligente Raumökonomie im Zeitalter der Batterie aussieht: Bei nahezu identischen Außenmaßen wie ein Mercedes eSprinter bot der CF1 mit über 20 Kubikmetern Ladevolumen glatte 50 Prozent mehr Raum.

Selbst der von Grund auf als E-Fahrzeug konzipierte Rivian Amazon Delivery Van – von dem Amazon-Gründer Jeff Bezos immerhin 100.000 Einheiten orderte – kommt im direkten Vergleich nur auf etwa zwei Drittel des Ladevolumens des CF1. Und im gewerblichen Flottenbetrieb – und erst recht beim Reisen – zählen am Ende knallharte Fakten: maximal nutzbarer Raum, Effizienz, Nutzlast und ein wirtschaftlicher Preis. Genau diese DNA überträgt CityFreighter nun auf das Segment der Freizeitfahrzeuge.

EVOLVE und das Ende des sperrigen Pritschen-Erbes

Gemeinsam mit dem Leichtbau-Spezialisten Vöhringer (Innenausbau) und Motive Development aus den Niederlanden (Exterieur-Design und Fahrzeugarchitektur) präsentiert CityFreighter auf der Caravan-Messe nun einen fahrbereiten Demonstrator auf Basis der eigens entwickelten EVOLVE-Skateboard-Plattform.

Statt einen Wohnkoffer auf ein hochbeiniges Pritschenchassis zu pflanzen, sitzen Antriebsstrang, Leistungselektronik und das 128-kWh-Batteriepaket vollständig und extrem flach im Unterboden zwischen den Achsen. Die Räder wandern weit an die Außenkanten, die Karosserie geht nahtlos in den Aufbau über.

Vorbereitung für die große Fahrt 
Dank der Skateboard-ähnlichen EVOLVE-Plattform entsteht hinter der Fahrerkabine eine durchgehend aufrecht begehbare Wohnfläche von 12,2 Quadratmetern Fläche auf nur 5,20 Metern Raumlänge. Die Liegefläche im Heck wird über drei Stufen geentert.
Vorbereitung für die große Fahrt
Dank der Skateboard-ähnlichen EVOLVE-Plattform entsteht hinter der Fahrerkabine eine durchgehend aufrecht begehbare Wohnfläche von 12,2 Quadratmetern Fläche auf nur 5,20 Metern Raumlänge. Die Liegefläche im Heck wird über drei Stufen geentert.

Die Konsequenzen für den Camper-Alltag sind spektakulär: Vom Fahrerhaus bis ins Heck gibt es keine störenden Stufen oder Getriebetunnel mehr. Bei kompakten Außenmaßen (6,95 m Länge, 2,35 m Breite und 2,72 m Höhe) entsteht hinter der Fahrerkabine eine durchgehend aufrecht begehbare Wohnfläche von 12,2 Quadratmetern auf 5,20 Metern Raumlänge.

Vier vollwertige Schlaf- und Reisesitze, ein modulares Raumspad und Leichtbaumöbel schaffen hier ein Raumgefühl, das man bislang nur von deutlich größeren Dickschiffen der 8-Meter-Klasse kannte. Und durch den extrem niedrigen Schwerpunkt und die breite Spur liegt das Fahrzeug satt auf der Straße. Seitenwindempfindlichkeit und Wankneigung gehören der Vergangenheit an.

Maßgeschneidert für die neue 4,25-Tonnen-Klasse

Die eigentliche Sensation verbirgt sich jedoch auf der Waage. Denn die Studie wurde vorausschauend auf die anstehende Erweiterung der europäischen Führerscheinklasse B auf 4,25 Tonnen für alternativ angetriebene Fahrzeuge hin entwickelt.

Durch den Einsatz der patentierten „AIRPLY“-Leichtbautechnologie von Vöhringer – deren Möbelelemente bis zu 45 Prozent leichter sind als klassisches Pappelsperrholz – wiegt das voll ausgestattete Fahrzeug inklusive 128-kWh-Akku, Küche, Bad, Wärmepumpe und Bordelektronik unter 3,5 Tonnen.

Das bedeutet: Innerhalb des künftigen 4,25-Tonnen-Limits verbleiben stolze rund 750 Kilogramm echte Nutzlast für Passagiere, Frischwasser, Vorräte, Sportgeräte und Gepäck. Ein Wert, von dem viele aktuelle Verbrenner-Wohnmobile nur träumen können.

400 km Reichweite, DC-Schnellladen und Solar-Power

Auch beim Energiekonzept bricht die Studie mit alten Camping-Gepflogenheiten wie etwa schweren Gasflaschen:

  • Reichweite & Laden: Die 128-kWh-Batterie ermöglicht unter realen Bedingungen über 400 Kilometer Aktionsradius. Dank 200-kW-DC-Schnellladung erstarkt der Akku in rund 20 Minuten von 10 auf 80 Prozent – ideal für eine entspannte Kaffeepause.
  • Elektrisches Leben an Bord: Die Traktionsbatterie versorgt über Vehicle-to-Load das gesamte Bordnetz. Induktionskochen, Klimaanlage, Wärmepumpe, Kaffeemaschine oder das mobile Office laufen autark über den Hauptspeicher.
  • Solarer Range-Extender: Auf dem Dach integrierte Photovoltaikmodule des sächsischen Partners OPES Solar Mobility speisen kontinuierlich Solarstrom ein – sowohl beim Fahren als auch beim autarken Stehen in der Natur.

Ein weiterer Clou ist die konsequente Trennung von Chassis und Batterie: Der Akku kann unabhängig vom Fahrzeug gewartet, aufgerüstet oder am Lebensende einer Zweitverwertung (Second Life) zugeführt werden. Das schützt den Restwert der oft jahrzehntelang genutzten Reisemobile nachhaltig.

Plattform-Ökonomie statt Nischen-Dasein

Für CityFreighter-Chef Michael Schoening ist der Caravan-Demonstrator weit mehr als eine Fingerübung für Camper-Fans. Die modulare EVOLVE-Plattform soll als universelle Basis für verschiedenste Sonderfahrzeuge dienen – vom Kommunal- und Handwerker-Transporter bis hin zum Shuttlebus und Reisemobil.

Jetzt liegt der Ball im Feld der etablierten Reisemobil-Hersteller, diese Einladung zur Serienfertigung anzunehmen: CityFreighter ist offen für Partnerschaften.

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