Der Preis ist heiß: Keine 20.000 Euro kostet der Geely E. Für ein Elektroauto von 4,13 Metern Länge und einer Norm-Reichweite von 252 Kilometern ist das ein günstiges Angebot Zum Vergleich: Für den Renault Twingo „Urban Range“ mit ähnlicher Reichweite werden aktuell exakt 1500 Euro mehr aufgerufen – und der Platz im Innenraum ist in dem elektrischen Kleinwagen deutlich knapper bemessen. Auch der VW ID.Polo muss sich dem Chinesen geschlagen geben, noch ehe er an die Startlinie rollt: Unter 25.000 Euro geht hier gar nichts. Und will man den Spanier – produziert wird der vollelektrische Polo bei Seat in Barcelona – auf das gleiche Ausstattungsniveau bringen wie den 26.990 Euro teuren Geely E2 „Ultra“ (mit 47,14 kWh großem Akku für 345 Kilometer Reichweite), wäre man beim VW schon bei über 33.000 Euro – und würde sich immer noch die Finger nach einer elektrischen Heckklappe lecken, die beim Chinesen in der Ausführung zur Serienausstattung zählt.
Der Fahrer, der uns einen Geely E2 „Max“ in der Lackierung „Porzellan Pink“ (Listenpreis : 23.990 Euro) für einen Alltagstest in die Redaktion bringt, sprüht Feuer und Flamme für das Modell. Und das obwohl er nicht auf der Gehaltsliste von Geely steht. „Ich überlege, meiner Frau ein solches Auto zu kaufen“, verät er. Das Fahrzeug sei nicht zu groß und nicht zu klein, die Bedienung kindleicht und der Kofferraum ausreichend groß für die Wocheneinkäufe. Was man so alles auf einer Überführungsfahrt feststellt. Obendrein habe er gehört, warb der Fahrer weiter, dass der Ladestrom im ersten Jahr kostenlos sei.

Die Straßen in der sanft hügeligen Veluwe sind schmal und kurvenreich – das perfekte Revier für den kleinen Geely E2.
Eine Woche später haben wir uns ein eigenes Urteil gebildet. Unter anderem während einer 500 Kilometer langen Tour in und durch die Niederlande. Und können wir dem guten Mann – und seiner Frau – den kleinen Stromer nun besten Gewissen empfehlen? Na ja, ganz so einfach fällt die Antwort nicht.
Vergünstigter Ladestrom im ersten Jahr
Was nicht einmal damit zusammenhängt, dass es den Gratis-Strom inzwischen nicht mehr gibt. Es wurde nur gewährt, wer seinen Geely E2 bereits vor dem 15. September, dem Tag der offiziellen Markteinführung in Deutschland, reservierte. Inzwischen muss jeder Käufer (oder Leasingnehmer) den Strom aus der eigenen Tasche bezahlen. Dafür übernimmt Geely im ersten Jahr die monatliche Grundgebühr für den Tarif L von mobility+ in Höhe von 11,99 Euro. Dadurch kostet die Kilowattstunde an den öffentlichen Schnellladesäulen der EnBW lediglich nur 39 statt 79 Cent. Das ist durchaus ein geldwerter Vorteil, der den Reiz des Autos erhöht.

Wechselstrom mag der kleine Geely offenbar nicht. Offiziell sind an der Wallbox Ladeleistungen von bis zu 6,6 kW möglich – in unserem Test kamen wir aber über 1,4 kW nicht hinaus. Da hilft dann nur der Wechsel zu einem Schnelllader, wo bis zu 80 kW möglich sind.
Und eine Schnellladesäule wird man mit dem Geely E2 brauchen. Selbst dann wenn man eine Garage samt Wallbox sein Eigen nennt. Denn Wechselstrom zieht der E2 maximal nur mit 6,6 kW. Und das auch nur, wenn die Wallbox mit 29 Ampere abgesichert ist. Bei 16 Ampere (und das ist hierzulande an den meisten Heimlade-Stationen der Fall), beträgt die maximale Ladeleistung 4,6 kW. Bei unsere Test kamen wir sogar nicht über 1,3 kW hinaus, wo sonst jedes E-Auto locker mit 11 kW lädt. Da zieht man den Stecker frustriert gleich wieder ab – für zweitägige Ladepausen fehlt den meisten doch die Muße.
Knapp bemessene Zuladung
Immerhin: An einer mit Wechselstrom betriebenen Ladesäule geht es deutlich flotter, wenngleich auch hier keine Rekorde aufgestellt werden: Die maximale Ladeleistung beträgt hier 80 kW. Spätestens nach einer guten halben Stunde sollte der LFP Akku hier wieder zu 80 Prozent gefüllt und wieder fit für die Weiterfahrt sein. Ist der E2 also nur etwas für den Stadt- und Pendelverkehr, für die tägliche Fahrt zum Arbeitsplatz, zum nächsten Supermarkt oder Ärztezentrum? Nein, die „Knutschkugel“ kann durchaus mehr, ist in Maßen durchaus langstreckentauglich – zeigt unser Ausflug mit vollem Akku ins Elektroauto-freundliche Nachbarland.

Unter der Abdeckung des Laderaums, unter der Rücksitzbank sowie unter der Fronthaube hat der Hecktriebler extra Stauräume. Geradezu gigantisch wird das Ladevolumen aber, werden im Fond die Lehnen umgeklappt: Da geht sogar ein Kühlschrank rein.
Das Platzangebot ist für vier Personen ausreichend, für zwei Personen geradezu generös, selbst bei Körpergrößen jenseits von 1,80 Metern. Auch Stauraum fürs Gepäck ist reichlich vorhanden – wenn man denn die Lehnen der Rücksitzbank umlegt und so das Laderaum auf 1320 Liter erhöht. Bei voller Bestuhlung stehen maximal 375 Liter zur Verfügung. Das sind etwa 65 Liter weniger als im VW ID.Polo.
Technische Daten Geely E2 Max
Elektrischer Heckantrieb mit 85 kW (116 PS) Spitzenleistung; Dauerleistung 38 kW (52 PS);
LFP-Akku mit einer Speicherkapazität von 47,1 kWh brutto, 45,7 kWh netto;
Reichweite: 345 km nach WLTP-Norm; Stromverbrauch: 15,5 kWh/100 km;
Maximal Ladeleistung AC: 6,6 kW, DC: 80 kW;
Länge/Breite/Höhe (mm): 4.135 x 1.805 x 1.580; Wendekreis: 9,9 Meter;
Basispreis: 23.990 Euro.
Im Unterschied zu dem hat der Geely vorne allerdings noch einen 70 Liter großen Frunk, der nicht nur das Ladekabel, sondern auch Warndreieck, Erste-Hilfe-Kasten und allerlei Kleinkram aufnehmen kann. Obendrein gibt es unter der Rücksitzbank noch eine Aussparung, in die eine kleine Reisetasche passt. Aber obacht: Zugeladen werden dürfen maximal 390 Kilogramm – bei einer Reise mit vier Personen samt Wochenend-Gepäck kann es da schon mal knapp werden.
Fahrassistenten können nerven – das Fahrwerk gefällt
Fahren tut sich der heckgetriebene Geely ganz kommod. Der eine oder andere mag über die Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h meckern, aber wo in Europa sind noch höhere Tempi erlaubt – oder auf Deutschlands marodem Autobahnnetz möglich? In den Niederlanden beträgt das Tempolimit untertags 100 km/h, da kann der E2 sehr gut mithalten. Das Fahrwerk ist komfortabel abgestimmt, die Lenkung einigermaßen direkt, nur die Assistenzsystem nerven wie bei vielen Elektroautos aus Fernost gewaltig.
Wer den Tempopiepser, den Aufmerksamkeitswarner oder das Spurhaltesystem ausschalten möchte, sollte dies tunlich gleich bei Fahrbeginn tun. Wer unterwegs versucht, über den zentralen, 14,6 Zoll großen Touchscreen die „Fahr-einstellungen“ (das steht tatsächlich dort so) zu verändern, ist eine Minute beschäftigt – und stark vom Verkehr abgelenkt. Das lässt man besser, wenn man wohlbehalten ankommen will.

Mit der kleinen Schrift im Fahrerdisplay und der verschachtelten Struktur des Infotainmenhtsystems mag man anfangs hadern. Aber das Fahrverhalten und der Komfort, mit dem der Geely E2 aufwartet, kann man sich schnell anfreunden. Fotos: Rother
Dafür ist die Aufenthaltsqualität im Geely hoch. Die Verarbeitung ist gut – da knistert oder knarzt nichts, wenn die Fahrbahn mal etwas holpriger wird oder die bei den Holländern weit verbreiteten „Drempel“ (Beton- oder Asphaltschwellen) überfahren werden müssen. Die mit Kunstleder bezogenen Sitze sind gut gepolstert und auch die sonstigen Oberflächen schmeicheln dem Auge des Betrachters – billig sieht hier gar nichts aus. Allerdings braucht es gute Augen, um die vielen Informationen im Fünf-Pixel-Format auf dem 8,8 Zoll großen Fahrerdisplay hinter dem Lenkrad lesen zu können. Da wird erstaunlich viel Platz und auch ein wenig Sympathie verschenkt.
Erfreulich niedriger Stromverbrauch
Mehr Freude machte auf der Reise der erfreulich niedrige Durchschnittsverbrauch, der auf unserer Flachland-Tour bei 15 Grad Außentemperatur zwischen 15,5 und 16,5 kWh/100 km pendelte – Tempo 100 zahlt sich hier aus. Und Raserei mag der Chinese nicht. Ein einziger 20-minütiger Ladestopp reichte dementsprechend aus, um uns in den Nationalpark De Hoge Veluwe und wieder zurück ins Siebengebirge zu zu bringen. Und da die Ladepause mit einem feinen Mittagsmahl in Otterloo verbunden wurde, verloren wir auch keine Zeit.

Geely ist mit dem E2 ein kleines Kunstwerk gelungen. Museumsreif ist der rundliche Stromer aus Fernost allerdings noch nicht.
Alles in allem ist Geely mit dem E2 also ein Elektroauto gelungen, das tut, was man von ihm erwartet. Das keine Wunderdinge vollbringt, aber mit einem exzellenten Preis-/Leistungsverhältnis, reichhaltiger Ausstattung und einen guten Abstimmung von Antrieb und Fahrwerk aufwartet.
Kein Wunder, dass sich das Modell verkauft wie geschnitten Brot. In China lief am 20. Oktober, zwei Jahre nach dem Produktstart, bereits das einmillionste Fahrzeug vom Band. Und auch bei uns lässt sich der Verkauf gut an. Kein Wunder bei dem Kampfpreis, der mit der staatlichen E-Auto-Förderung noch um bis zu 6000 Euro gesenkt werden kann. Da kommt dann sogar Dacia nicht mehr mit.