Kia, so witzelte unlängst ein Kollege aus Österreich, habe sich das neue, extrem kantige Design seiner Elektroflotte nur einfallen lassen, um ein logistisches Ur-Problem zu lösen: Wie stapelt man möglichst viele Autos auf ein Schiff, um den Transport von Südkorea so effizient wie möglich zu gestalten? Die Antwort ist Geometrie.
Nun, etwa 4.000 dieser „Würfel“ vom Typ EV3, EV4, EV9 und PV5 passen auf einen der Car-Carrier der Eucor-Reederei, die für Kia die Fahrzeuge von Pyeongtaek nach Rotterdam und Bremerhaven schippert. Und da die für Europa bestimmten Exemplare des Hatchback EV4 seit vergangenem Sommer in der Slowakei montiert werden, ist auf den riesigen RoRo-Schiffen nun Platz für den Neuen im Bunde: den Kia EV5.

Wem der Kia Ev3 zu klein und der EV9 deutlich zu groß ist, dürfte sich schnell mit dem neuen, 4,61 Meter langen EV5 anfreunden.
Mit einer Länge von 4,61 Metern parkt er größentechnisch perfekt in der goldenen Mitte: Er ist deutlich erwachsener als der kompakte EV3 (4,30 Meter), aber nicht so ein riesiges Trum wie der 5-Meter-Gigant EV9. Von Letzterem hat er sich allerdings die Optik abgeschaut – und das ist gut so. Denn genau diese Kastenform sorgt dafür, dass der EV5 nicht nur gut aufs Schiff passt, sondern auch im Alltag ein echtes Raumwunder ist. Wir haben den neuen Familien-Stromer in Barcelona zur Probe gefahren.
Platz da: Ein Wohnzimmer auf Rädern
Wer in den EV5 einsteigt, merkt sofort: Das kantige „Opposites United“-Design ist kein bloßer Show-Effekt. Dank des langen Radstands von 2,75 Metern und der steil stehenden Scheiben herrscht im Innenraum ein luftiges Gefühl, das man sonst eher eine Klasse höher sucht.

Bis zu 1650 Liter passen in den Kofferraum, wenn man die Rücksitzlehnen umklappt. Dabei entsteht eine ebene Fläche, die auf Reisen auch als Schlafstätte taugt. Ist das Panorama-Glasdach montiert, geht auch der Blick bis rauf in den Sternenhimmel.
Kia nennt das „Lounge-Flair“, und tatsächlich fühlt man sich auf den Sitzen eher wie in einem modernen Sessel als in einem Autositz. Vorne gibt es optional die „Premium-Relaxation-Sitze“ , die sich beim Ladestopp in eine Liegeposition fahren lassen – inklusive Massagefunktion für den Fahrer. Aber auch hinten sitzt es sich fürstlich. Die Beinfreiheit ist üppig, und der Boden ist komplett eben.
Der eigentliche Clou verbirgt sich aber hinter der (auf Wunsch elektrischen) Heckklappe. Der Kofferraum schluckt standardmäßig 566 Liter. Wer die Rücksitze umklappt, erhält eine völlig ebene Ladefläche von gut zwei Metern Länge. Das reicht nicht nur für den Großeinkauf bei IKEA, sondern theoretisch sogar für eine Übernachtung im Auto – Camping-Modus sei Dank. Unter der Fronthaube gibt es zudem noch einen „Frunk“ mit gut 44 Litern für mehr als nur das Ladekabel.
So fährt er sich: Die Ruhe selbst
Genug geladen, ab auf die Straße. In den wuseligen Straßen von Barcelona und auf den Küstenstraßen im Umland zeigt der EV5 seinen wahren Charakter. Er ist kein Sportwagen, und er will auch keiner sein. Der 160 kW (218 PS) starke Elektromotor an der Vorderachse schiebt den rund 2,1 Tonnen schweren Wagen in 8,4 Sekunden auf Tempo 100. Das ist völlig ausreichend, reißt einem aber nicht den Kopf ab.

Das riesige Panoramadisplay (zwei 12,3-Zoll-Screens plus ein 5,3-Zoll-Display für die Klima-Steuerung) kennen wir schon aus dem EV9. Es sieht spacig aus, lässt sich aber dankenswerterweise immer noch durch echte Tasten für wichtige Funktionen ergänzen.
Was viel mehr beeindruckt, ist die Laufruhe. Das Fahrwerk bügelt spanische Bodenwellen souverän weg, und im Innenraum bleibt es dank Akustikglas flüsterleise. Hier gleitet man, man rast nicht. Das passt perfekt zum entspannten Charakter des Wagens.
Dazu trägt auch das Cockpit bei. Das riesige Panoramadisplay (zwei 12,3-Zoll-Screens plus ein 5,3-Zoll-Display für die Klima-Steuerung) kennen wir schon aus dem EV9. Es sieht spacig aus, lässt sich aber dankenswerterweise immer noch durch echte Tasten für wichtige Funktionen ergänzen. Kia hat hier verstanden, dass „Touch only“ im Alltag einfach nervt.
| Fahrzeug | Kia EV5 (81,4 kWh) | Skoda Enyaq 85 |
| Länge | 4,61 m | 4,66 m |
| Kofferraum | 566 – 1.650 l | 585 – 1.710 l |
| Leistung | 160 kW (218 PS) Frontantrieb | 210 kW (286 PS) Heckantrieb |
| 0 – 100 km/h | 8,4 Sek. | 6,7 Sek. |
| Batteriekapazität (netto) | 81,4 kWh | 77 kWh |
| Reichweite (WLTP) | bis 530 km | bis 578 km |
| Ladeleistung (DC) | max. 150 kW | max. 135 kW |
| Ladezeit 10-80 % SoC | 30 Minuten | 28 Minuten |
| Preis (Start) | ab 45.990 € | ab 48.900 € |
Wenn wir schon beim Entspannen sind: Die Liste der Assistenzsysteme ist Kia-typisch lang. Der Autobahnassistent 2.0 hält nicht nur Abstand und Spur, sondern wechselt die Fahrspur auf Wunsch auch automatisch. Besonders cool und sicherheitsrelevant: Der Totwinkelassistent blendet beim Blinken ein Kamerabild direkt ins Tacho-Display ein. Wer da noch einen Radfahrer übersieht, muss die Augen schon fest zugekneifen.
Der Wermutstropfen: Laden mit Geduld
Wo viel Licht ist, ist auch ein wenig Schatten. Und der betrifft beim EV5 ausgerechnet eine Disziplin, in der Kia mit dem EV6 und EV9 eigentlich Maßstäbe gesetzt hat: das Laden.

Die maximale Ladeleistung am Schnelllader ist niedrig, die Ladeperformance allerdings gut: Spätestens nach 30 Minuten geht es weiter.
Während die großen Brüder dank 800-Volt-Technik den Strom förmlich in den Akku saugen, setzt der EV5 (wie auch der kleinere EV3 sowie der EV4) auf eine 400-Volt-Architektur. Das Ergebnis: Die maximale Ladeleistung am Schnelllader (DC) liegt bei gerade einmal 150 kW.
Versteht uns nicht falsch: 10 auf 80 Prozent in 30 Minuten sind kein Weltuntergang und für die meisten Alltagsszenarien völlig okay. Aber wer die 18-Minuten-Sprints eines EV6 gewohnt ist, muss sich hier etwas umstellen. Dafür bietet der 81,4-kWh-Akku eine sehr ordentliche Reichweite von bis zu 530 Kilometern nach WLTP, was die Häufigkeit der Ladestopps ohnehin reduziert. Zudem beherrscht der EV5 „Plug & Charge“, was das Hantieren mit Ladekarten überflüssig macht.
Wohlfühloase auf Rädern
Mit einem Startpreis von 45.990 Euro für die bereits gut ausgestattete „Air“-Version positioniert sich der Kia EV5 selbstbewusst. Dafür bekommt man aber auch ein Auto, das nicht versucht, alles gleichzeitig zu sein. Er ist kein Möchtegern-Rennwagen, sondern ein ehrlicher, extrem praktischer und komfortabler Begleiter für Familien und alle, die Platz brauchen.
Er ist die „Wohlfühloase“ im Segment der Kompakt-SUVs. Wer mit der etwas geringeren Ladeleistung leben kann, bekommt mit dem EV5 eines der durchdachtesten Elektroautos, die derzeit auf den Markt rollen. Und auf dem Schiff macht er dank seiner Form ja ohnehin eine gute Figur.
- Was uns gefällt: Das riesige Platzangebot, die intuitive Bedienung (Tasten!), die V2L-Funktion (Strom für Kaffeemaschine & Co.) und der entspannte Fahrkomfort.
- Was uns fehlt: Ein bisschen mehr „Wumms“ an der Ladesäule wäre das i-Tüpfelchen gewesen.