Nachdem der elektrische Mercedes AMG GT Viertürer vor wenigen Monaten in Downtown Los Angeles eine imposante Premiere feierte, folgt bald dessen potenter SUV-Bruder. Ebenfalls elektrisch und angesichts des anhaltenden SUV-Trends in den meisten Regionen wohl noch wichtiger für die sportlichen Affalterbacher. Bevor dieser Mitte Oktober seine offizielle Premiere feiert, konnten wir zusammen mit Entwicklungsingenieur René Szeczepek schon ein paar Runden mit dem Stromer an der amerikanischen Westküste drehen.
Die schwarz-weiße Tarnfolie ist wohl nicht der einzige Grund, weshalb sich rund um den pittoresken 17-Mil-Drive jeder nach dem elektrischen Mercedes AMG GT SUV jeder den Kopf verrenkt. Die Erprobung des Power-SUV, der ebenso wie die Limousine keinen einfachen Namen trägt, geht in die finale Phase. Einen elektrischen Kraftprotz gibt es bei Marken wie Audi, Porsche, Tesla oder Xiaomi schon lange – mitunter sehr lange. Jetzt kommt der Doppelkonter aus Affalterbach.

Enthüllt wird der neue Mercedes AMG GT SUV Mitte Oktober. Mit dem Prototypen konnten wir schon einmal eine Proberunde fahren.
Nach dem AMG GT Viertürer ist der AMG GT SUV das zweite Modell auf der neu entwickelten AMG.EA-Plattform, der die elektrische Sportwagenwelt auf ein neues Level heben soll. Also einsteigen und auf dem bequemen Beifahrersitz in blauen Leder Platz genommen, denn der eigene Lenkraddreh ist aktuell noch tabu – leider. Rene Szeczepek legt den Gang ein und erzählt beiläufig zum entspannten Elektrogalopp nebulös einiges, das man sich nach der Vorstellung des viertürigen Coupés bereits denken kann.
860 kW Spitzenleistung in der Top-Version
Im Gegensatz zur Karosserie ist der Innenraum des SUV ungetarnt. Das Armaturenbrett mit seinen gigantischen Displays passt besser zum SUV als der Coupé-Limousine und das Platzangebot im Fond ist bauartbedingt besser – speziell in der Höhe. Ein 10,2 Zoll großes Kombiinstrument und ein 14,0 Zoll großer Zentralbildschirm sind zum Fahrer geneigt zu einer Einheit zusammengefasst, während der Beifahrer auf ein eigenes Cockpit blickt. Als Software-Basis dient das Betriebssystem MB.OS, garniert mit mehreren KI-Diensten, darunter ChatGPT, Microsoft Bing und Google Gemini.

Das Cockpit des SUV ist identisch mit dem in der Coupé-Limousine. Zwei Displays sind zum Fahrer geneigt zu einer Einheit gefügt.
Geht es um technische Details, wird der freundlich lächelnde Herr Szeczepek schnell wortkarg, doch kaum anzunehmen, dass sich Limousine und SUV bei der Basis nennenswert unterscheiden werden. So dürfte die Basisversion des Elektro-SUV mit zwei Elektromotoren zwischen 500 und 600 PS bekommen, ein Zwischenmodell mit 800 PS dürfte ebenfalls gesetzt sein, während ein möglicher AMG GT 63 SUV aus seinen dann drei Axial-Flussmotoren bis zu 860 kW / 1169 PS herauspresst.
Zwei Axial-Fluss-Motoren sorgen für kräftig Schub
Die sogenannte High Performance Electric Drive Unit an der Hinterachse vereint zwei Axial-Fluss-Motoren, zwei Siliziumkarbid-Inverter und ein kompaktes Eingang-Planetenradgetriebe für maximalen Vortrieb, von dem man sich hier bei der Fahrt durch seichte Dünenkämme kaum ein Bild machen kann. Vorne arbeitet ein einzelner Axial-Fluss-Motor mit Stirnradgetriebe sowie eine Kupplung, die den vorderen Antrieb bei niedriger Last kappt, sodass keine Schleppverluste entstehen. Doch nur cruisen ist nicht die Sache eines AMG. Und was die mehr als 1.800 Nm Drehmoment bedeuten wird deutlich, als Rene Szeczepek auf einem abgesperrten Teilstück kurz beschleunigt. Kurz gesagt: bei dem Schub entgleisen einem schnell die Gesichtszüge. Wahnsinn.

AMG-typisch verfügt der Elektro-SUV über Sportsitze, die noch mit echtem Leder bezogen sind. Über die Farbe kann man sich streiten.
Damit die Leistung halbwegs artgerecht auf den Boden gebracht werden kann, bieten Viertürer und SUV eine steife Plattform nebst integriertem Batteriepaket, variabler Allradantrieb und an der Hinterachse gewaltige 325er Walzen. Zwischen den Antrieben holen sich die E-Motoren ihre Leistung aus einem Hightech-Akku, der einem bis zu 600 Kilometer weit trägt. Geplant ist eine Schnellladung von bis zu 600 kW. Produziert wird der neue Hoffnungsträger in Sindelfingen – die technische Koordination kommt aus Affalterbach.
Jede Zelle des 106 kWh großen Akkus wird einzeln gekühlt
Die Batteriekapazität sollte bei 106 Kilowattstunden liegen, gepaart mit 800-Volt-Architektur aufgeteilt in 18 Modulen mit 2.660 Rundzellen und einer direkten Ölkühlung jeder einzelnen Zelle. Die Zellen sind wie beim viertürigen Coupé 105 Millimeter hoch und messen 26 Millimeter im Durchmesser. Die Idee dahinter: Je kürzer der Weg vom Zellkern zur Oberfläche, desto schneller wird Wärme abgeführt. Das Kühlmittel ist ein nichtleitendes Öl, das jede Zelle umströmt.

AMG-Fahrwerksentwickler Rene Szeczepek (r.) und unser Autor vor dem Start der Probefahrt mit dem neuen Power-Stromer.
Fotos: Mercedes-Benz
Das Fahrwerk wirkt selbst im Komfortmodus stramm und energisch, als es über wellige Straßenzüge geht, während Luftfederung, Allradlenkung und Wankausgleich auch beim SUV gesetzt sein dürften. Vorne bietet der AMG GT SUV trotz Allradantrieb einen Frunk, der vielleicht sogar etwas größer als jene 41 Liter sein dürfte, die die Limousine offeriert. Um auf Wunsch Emotionen zu wecken, simuliert das System nach Vorgabe von Testingenieur Rene Szeczepek auf Knopfdruck einen kernigen V8-Sound nebst Zugkraftunterbrechungen bei Schaltvorgängen.
Nochmals eine heftige Beschleunigung – wieder ohne Publikum, denen bei dem Schubpotenzial wohl ähnlich die Sprache wegbleiben würde wie den Insassen. Keine Frage: Dieser Mercedes AMG GT 63 SUV macht mächtig Druck auf Elektrokraftprotze wie Porsche Cayenne Electric oder bevorstehende Wettbewerber aus China und den USA, die ebenfalls in den Startblöcken ihre letzten Erprobungskilometer sammeln.