Audi war Ende 2021 der erste Autohersteller, der seinen Kunden – aber auch Fahrern von Elektroautos anderer Marken mit einem Charging Hub ein „Premium-Ladeerlebnis“ bot. Durch Komfort, exklusive Angebote und hohe Ladeleistungen. Zunächst in Nürnberg, inzwischen auch in Berlin und München, Salzburg und Zürich. Porsche setzte im Sommer dieses Jahres mit seiner ersten „Charging Lounge“ noch eins obendrauf: Zutritt zu dem stylischen Schnellladepark am Autobahnkreuz Bingen haben nur Menschen mit einem vollelektrischen Sportwagen aus Zuffenhausen.

Nicht nur für Mercedes-Fahrer 
Der "Charging Hub" in Mannheim steht zwar auf dem Gelände der Mercedes-Niederlassung. Aber auch Fahrer von Elektroautos anderer Marken dürfen die Schnelllader nutzen - gegen Zahlung von 72 Cent pro Kilowattstunde. Foto: MB
Nicht nur für Mercedes-Fahrer
Der „Charging Hub“ in Mannheim steht zwar auf dem Gelände der Mercedes-Niederlassung. Aber auch Fahrer von Elektroautos anderer Marken dürfen die Schnelllader nutzen – gegen Zahlung von 72 Cent pro Kilowattstunde. Foto: MB

Die Manager von Mercedes-Benz brauchten etwas länger. Aber nun haben sie auch ihren ersten eigenen Charging Hub in Europa in Betrieb genommen – auf dem Gelände der Mercedes-Niederlassung Mannheim. An sechs Ladepunkten können hier künftig elektrisch angetriebene Pkw und auch Vans Gleichstrom mit einer Leistung von bis zu 300 kW aufnehmen, vor Wind und Wetter geschützt durch ein großes Solardach. Sofern es sich um ein Elektrofahrzeug mit Stern handelt, soll der Ladeplatz in Kürze über die „Mercedes me“-Charge-App sogar reserviert werden können. Mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz (KI) wird dazu anhand der Reisedaten ermittelt, wann das Auto an der Station eintrifft. Eine Viertelstunde vor Eintreffen wird dann ein Ladeplatz für den Ankömmling blockiert. Kostenlos, wie es heißt.

Mercedes-Fahrer können Ladeplatz reservieren

Die Reservierungs-Funktion funktioniert zwar nur mit Mercedes-Stromern. Aber im Unterschied zu Porsche haben sich die Stuttgarter immerhin entschieden, die Ladestation (wie bei Audi) auch Fahrern von Elektroautos anderer Marken zu öffnen. Eine gute Entscheidung, wie der Minister für Verkehr des Landes Baden-Württemberg, Winfried Hermann (Grüne), fand, der an der feierlichen Eröffnung der Charging Hub teilnahm. Ursprünglich wollte sogar Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) nach Mannheim kommen – wegen des Elektroauto-Gipfel im Kanzleramt hatte dieser seinen Besuch am Rhein dann aber absagen müssen.

Mit vereinten Kräften
Der Baden-Württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Mitte) ließ es sich nicht nehmen, den neuen Charging Hub auszuprobieren. Als Assistenten wirkten der CEO von Mercedes-Benz Mobility, Franz Renner (v.l.), Mannheims Wirtschafts-Bürgermeister Michael Grötsch, Mercedes Finanzchef Harald Wilhelm und Doreen Laubsch, die Leiterin des Mercedes-Benz Vertriebsdirektion Rhein-Main.
Mit vereinten Kräften
Der Baden-Württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Mitte) ließ es sich nicht nehmen, den neuen Charging Hub auszuprobieren. Als Assistenten wirkten der CEO von Mercedes-Benz Mobility, Franz Reiner (v.l.), Mannheims Wirtschafts-Bürgermeister Michael Grötsch, Mercedes Finanzchef Harald Wilhelm und Doreen Laubsch, die Leiterin des Mercedes-Benz Vertriebsdirektion Rhein-Main.

Hermann nutzte die Gelegenheit, um die Aktivitäten von Mercedes-Benz bei der Antriebswende zu loben – und die Autoindustrie aufzufordern, mit der Politik bei der Antriebswende an einem Strang zu ziehen und eigene Beiträge zum Ausbau der Ladeinfrastruktur zu leisten. Klar: Wegen der Haushaltssperre liegen die Aktivitäten des Bundes auf dem Gebiet gerade auf Eis und müssen auch die Länder kräftig sparen. In Baden-Württemberg, wo inzwischen rund 400.000 Elektroautos etwa 20.000 öffentliche Ladeplätze zur Verfügung stehen, muss sich die Landesregierung nun darauf beschränken, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und – wo immer möglich – geeignete Plätze für neue Ladestationen zur Verfügung zu stellen. Gefördert werdne aktuell nur noch Ladestationen an und für Mehrfamilienhäuser.

„Ergänzung“ zu Ionity

Die Mercedes-Benz Mobility AG hat den Charging Hub Mannheim mit eigenen Mitteln und auf eigenem Grundstück realisiert. Zuschüsse seien keine geflossen, versicherte Vorstandchef Franz Reiner. Das Unternehmen will in den kommenden Jahren einen einstelligen Milliardenbetrag in das markeneigene Ladenetz investieren. Und das, obwohl der Autokonzern zu den Gründungsmitgliedern des Joint Ventures Ionity zählt, das seit 2017 in 24 Ländern Europas ein Netz von inzwischen 553 Schnellladeparks mit 2955 Ladepunkten hochgezogen hat. Dort können entsprechend ausgerüstete E-Autos auf Reisen Strom mit bis zu 350 kW Leistung ziehen.

Zukunftsmodell 
Zur offiziellen Einweihung des ersten Charging Hub von Mercedes in Europa kam auch das Konzeptfahrzeug EQXX nach Mannheim.
Zukunftsmodell
Zur offiziellen Einweihung des ersten Charging Hub von Mercedes in Europa kam auch das Konzeptfahrzeug EQXX nach Mannheim.

Reiner reicht das aber noch nicht. Bis Ende kommenden Jahres will er das europäische Ionity-Netz um rund 200 Ladepunkte „ergänzen“ – Mannheim ist erst der Anfang. Außer in Deutschland sollen Charging Hubs mit bis zu 12 Ladeplätzen auch in Frankreich, Italien und Spanien entstehen. Wo die nächsten Charging Hubs eröffnet werden, bleibt allerdings vorerst noch ein Geschäftsgeheimnis.

In Europa hilft E.ON beim Aufbau

Das Gros der neuen Ladestationen soll aber ohnehin außerhalb Europas aufgebaut werden, in Nordamerika und in China. In Chengdu und Foshan (China) sowie in Sandy Springs, Atlanta (USA) sind bereits erste Charging Hubs in Betrieb. Mercedes-Benz Mobility plant bis zum Ende kommenden Jahres den Bau von über 2000 Ladepunkten weltweit und von über 10.000 bis zum Ende des Jahrzehnts. Das Unternehmen hat sich dazu in Europa mit E.ON zusammengetan. In den USA ist der Partner MN8 Energy. Die hochmodernen Ladesäulen mit Kreditkartenleser und schicker Ladeanzeige liefert ChargePoint.

Für Reiner sind die Charging Hubs aber nicht nur ein Instrument zur Kundenbindung sowie ein Beitrag des Konzerns zur Antriebswende. Der Verkauf von Ladestrom soll über kurz oder lang auch eine weitere Einnahmequelle werden: Für Mercedes-Kunden ist die Nutzung der Ladestationen in den ersten Monaten kostenlos. Später kriegen sie günstige Konditionen über den Ladedienst Mercedes me Charge. Je nach Vertrag und Grundgebühr werden dann entweder 55 oder 65 Cent pro Kilowattstunde fällig. Fahrer von Fremdfabrikaten müssen etwas tiefer in die Tasche greifen: Sie zahlen pro Kilowattstunde 72 Cent. Laut Reiter nicht nur ein „marktüblicher“, sondern auch ein „fairer“ Preis.

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