Erinnern Sie sich noch an die kleinen, flinken Roadster, mit denen MG einst das britische Lebensgefühl auf die Straße brachte? Vergessen Sie die luftigen Zweisitzer – wenn der neue MG S9 PHEV vorrollt, ist das eher so, als würde ein Kreuzfahrtdampfer in einen Jachthafen einlaufen. Mit einer Länge von über fünf Metern und Platz für bis zu sieben Personen macht MG unter chinesischer Ägide (SAIC Motor) unmissverständlich klar: Die Zeiten des nostalgischen Sportwagenbaus sind Geschichte. Hier regiert jetzt Maximalismus statt Minimalismus.
„Brummer“ mit Hybrid-Herz
Der MG S9 ist ein wahres Flaggschiff – und er wirkt nicht nur so, er ist es auch. Unter der „Haube“ steckt eine Plug-in-Hybrid-Technik, die sich durchaus sehen lassen kann. Der S9 kombiniert einen 105 kW (142 PS) starken Benzinmotor mit einem 170 kW (231 PS) starken Elektromotor. Das Resultat ist eine satte Systemleistung von 220 kW (299 PS), die den Koloss souverän bewegen, wie wir bei einer ersten Ausfahrt durch das Münchner Umland feststellen konnten.

Knapp 300 PS mobilisiert der MG S9 PHEV bei Bedarf. Wichtiger aber: Der Energiegehalt seines Akkus reicht für fast 100 Kilometer.
Technisch ist der MG S9 ein Kind der modernen Zeit: Mit einem gewichteten kombinierten Energieverbrauch von nominell 21,3 kWh/100 km Sprit und 2,4 l/100 km Strom versucht MG, die Brücke zwischen Alltagstauglichkeit und Effizienz zu schlagen. Wer jedoch den Benziner bei leerer Batterie zur alleinigen Arbeit bittet, sollte sich auf einen kombinierten Verbrauch von 6,7 l/100 km einstellen – bei einem Fünfmeter-SUV ein absolut akzeptabler Wert für diese Fahrzeugklasse. Unter dem Strich sind mit dem Inhalt des 65-Liter-Tanks und der Batterie Reichweiten von über 800 Kilometern darstellbar. Bei sparsamer Fahrweise und auf Landstraßen könnten sogar 1000 Kilometer drin sein.
Verarbeitung auf hohem Niveau
Und das auf höchst komfortable Weise. Waren die Fahrzeuge von MG früher neben ihrer Spritzigkeit auch für eine eher liederliche Verarbeitung bekannt, präsentiert sich der elegant gezeichnete S9 als ein Fahrzeug, an dem auch „Fugen-Ferdl“ seine Freude gehabt hätte. Alle Passungen sitzen, die Türen schließen satt und der Innenraum glänzt nicht nur mit feinen Details in Alu-Optik, sondern auch hochwertigen Oberflächen und feinen Materialien, die einen Vergleich etwa mit einem BMW X5 (ab 97.900 Euro) oder einem Volvo XC90 (ab 88.990 Euro) nicht zu scheuen brauchen. Das gilt auch für das Platzangebot. Die hinterste Sitzreihe ist zwar nur etwas für den Nachwuchs, aber in den Reihen eins und zwei ist man fürstlich aufgehoben. Und klappt man die Notsitze weg, hat im über 1000 Liter fassenden Heckabteil auch großes Reisegepäck Platz

Den MG S9 können sich auch Normalverdiener leisten – die Preise beginnen bei knapp 45.000 Euro und ende bei unter 50.000 Euro.
Kultiviert gibt sich auch der Antrieb. Gestartet wird flüsterleise im Elektromodus. Wer es etwas dynamischer haben will, dreht den Schalter auf der Mittelkonsole von „Normal“ auf „Sport“, um den 1,5 Liter großen Turbo-Benziner hinzuzuschalten. Oder er berührt alternativ den großen, 24,6 Zoll großen Touchscreen und wechselt im Untermenü von „EV Erste“ auf HEV – den hybridelektrischen Antrieb. Ein Knopf im iDrive-ähnlichen Drehschalter wäre noch einfacher.
Im Hybridmodus wird es leicht brummig, aber nicht unerquicklich laut. Und das bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h. Dabei wird im 24,7 kWh fassenden Akku immer so viel Strom zurückbehalten, dass am Ziel wieder vollelektrisch in das Wohngebiet eingefahren werden kann. Reicht es nicht mehr für die Durchquerung der Großstadt: Geladen werden Strom mit einer Leistung von bis zu 11 kW. Unterwegs besteht zudem die Möglichkeit, über die Ladeklappe hinten links Strom aus dem Akku für den Betrieb eines Elektrogeräts zu ziehen – „Vehicle2Load“ ist Standard.
Premium-SUV für weniger als 36.000 Euro
Wer beim Namen MG noch immer an kurvige Landstraßen und den Fahrtwind im Haar denkt, muss beim S9 umdenken. Hier geht es nicht um Millisekunden auf der Rennstrecke, sondern um das „Zip und Zap“ im modernen Familienalltag. Ob sieben Sitze für die Großfamilie oder der Wocheneinkauf – der S9 bietet alles, was das Herz begehrt. Und das zu einem Preis, der in dieser Dimension viele etablierte Konkurrenten ordentlich ins Schwitzen bringen dürfte. Für die „Comfort“-Version ruft MG 44.990 Euro auf – und bis Ende Juni gibt es bei einem Barkauf noch 4500 Euro Rabatt, ganz unabhängig von der staatlichen E-Auto-Prämie, die den Kaufpreis nochmals um bis zu 4500 Euro mindern kann. Im Idealfall kostet ein nagelneuer S9 also nicht mehr als 36.000 Euro. Wahnsinn, oder?
Da gönnt man sich doch unter den gleichen Bedingungen gleich die „Premium“-Version (Listenpreis: 48.790 Euro) und hat dann für nicht einmal 40.000 Euro auch noch eine elektrische Heckklappe, ein Bose-Soundsystem und neben allerlei Kleinkram auch über Sitzbezüge aus einem lederähnlichem Kunststoff an Bord. Die Armada an Assistenzsystemen gehört hier wie da zur Serienausstattung, die zwei Tonnen Anhängelast sind Standard.

MG war früher für eine eher mäßige Verarbeitung bekannt. Davon ist unter dem neuen Eigner aus China nichts mehr zu sehen und zu spüren. Die Verarbeitung ist erstklassig, die Qualität der eingesetzten Materialien hoch. Höher als der Kaufpreis erwarten lässt.
Ja, MG hat sich unter SAIC Motor radikal neu erfunden. Während das Erbe der „Morris Garages“ in den 1920er-Jahren noch für bezahlbare Roadster stand, ist die Marke heute ein globaler Powerplayer, der zeigt, wie sich traditionelle Wurzeln und neue technologische Anforderungen verbinden lassen – auch wenn das Ergebnis heute ein siebenköpfiger „Brummer“ ist.
Mit MG IM geht es in die Oberklasse
Der S9 ist damit das beste Symbol für den Wandel: Er ist groß, er ist hybrid, er ist technologisch zukunftsgewandt – und er hat mit dem alten britischen Roadster kaum noch etwas gemein. Außer dem Logo auf dem Kühlergrill. Und schon im Juli zünden sie die nächste Evolutionsstufe, erfahren wir am Rande der S9-Präsentation: Mit der Submarke IM („Intelligence in Motion“) und im IM5 und IM6 wollen die chinesischen Briten uns zeigen, was sie inzwischen so alles draufhaben: 800-Volt-Technik etwa, Luftfederung und sogar Hinterachslenkung.
Den ganzen Zip und Zap der Luxusklasse also, aber im Unterschied zu Audi und Mercedes zu durchaus erschwinglichen Preisen: Die 553 kW starke Limousine IM5 in der allradgetriebenen Long Range-Version mit 100 kWh-Akku und einer maximalen Ladeleistung von 396 kW ist in der Schweiz bereits für umgerechnet 62.000 Euro zu haben, das Basismodell mit 75 kWh-Akku schon für etwas mehr als 45.000 Euro. Da werden sie sich nicht nur Tesla, sondern auch bei Mercedes-Benz etwas einfallen lassen müssen: Ein ähnlich gut ausgestatteter Mercedes CLA 250+ ist über 10.000 Euro teurer.