Der Pikes Peak ist eine Legende und gilt in den USA als der Berg der Berge. Walter Röhrl donnerte den 4.300 Meter hohen Gipfel in den Rocky Mountains einst ebenso mit Vollgas hinauf wie Ari Vatanen, Sébastien Loeb oder Romain Dumas – Letzterer 2018 in Rekordzeit am Steuer des vollelektrischen Rennwagens VW ID.R. Die knapp 20 Kilometer lange Bergstrecke im US-Bundesstaat Colorado gehört fest in den Erprobungskalender fast jedes Automobilherstellers: Die Beanspruchung für Antrieb und Bremsen ist durch die enorme Höhe, die extremen Temperaturunterschiede und die anspruchsvolle Piste mit ihren 156 Kurven gigantisch.

Besonders heikel ist das Terrain für Elektroautos: Geht es steil bergauf, gehen viele Akkus vorschnell in die Knie. Wir haben den Test gemacht und den aktuellen Mini Countryman SE All4 in die hochsommerlichen Rocky Mountains geschickt – mit einem Ergebnis, das deutlich besser ausfiel als gedacht.

Kein Supersportler, sondern Großserie

Für den Härtetest auf den Pikes Peak fiel die Wahl bewusst nicht auf einen Supersportwagen mit gigantischer Leistung oder ein Crossover mit Riesenbatterie, sondern auf ein Familienmodell von der Stange. Der 4,44 Meter lange Mini Countryman SE All4 ist mit seinem 230 kW (313 PS) starken Allrad-Elektroantrieb ein SUV wie viele andere auf dem Markt. Sein 64-kWh-Batteriepaket im Unterboden, das die beiden E-Motoren an Vorder- und Hinterachse mit Energie versorgt, ist keineswegs überdimensioniert – die Rahmenbedingungen könnten also kaum anspruchsvoller sein.

Vorbereitung im Tal 
Bevor es in die Berge geht, wird der Akku des Mini Countryman an einem Hypercharger in Downtown Denvermit maximal 130 kW geladen. Der Bordcomputer weist anschließend eine Reichweite von 306 Meilen - 492 Kilometer - aus. Bilder: Grundhoff
Vorbereitung im Tal
Bevor es in die Berge geht, wird der Akku des Mini Countryman an einem Hypercharger in Downtown Denver mit maximal 130 kW geladen. Der Bordcomputer weist anschließend eine Reichweite von 306 Meilen – 492 Kilometer – aus. Bilder: Grundhoff

Vollgeladen an einem Hypercharger in Downtown Denver mit maximal 130 kW, zeigt der runde Zentralbildschirm zum Start eine Reichweite von 306 Meilen (rund 492 Kilometer) an. Es ist warm, später soll es heiß werden und eventuell regnen. Doch das Wetter ist heute die kleinste Hürde: Aus Denver, der „Mile-High City“ auf rund 1.700 Metern Seehöhe, geht es hinauf auf den Pikes Peak – einen der höchsten befahrbaren Berge der westlichen Welt und Schauplatz des legendären „Pikes Peak International Hill Climb“. Im dunkelblauen Elektro-SUV geht es heute jedoch nicht um Rekordzeiten, sondern darum, wie Batterie und Antrieb die Kombination aus Hitze und Steigung verkraften.

Aufstieg ohne Sauerstoffmangel

Kaum ist vor dem Hotel das Navigationsziel Pikes Peak einprogrammiert, korrigiert der Bordcomputer die Reichweitenprognose prompt von 306 auf 172 Meilen nach unten. Über die belebte Interstate 25 führt die Route südwärts über Castle Rock in Richtung Colorado Springs, von wo aus sich die Straße bis zum Gipfel schlängelt. Bis zum Ziel sind es laut Navi lediglich 95 Meilen – die 172 Meilen Restreichweite sollten also genügen. Bei noch angenehmen 26 Grad Celsius geht es voran; die 37 Grad des Vortags bleiben heute aus, dafür drohen Nachmittagsgewitter.

Noch 18 Meilen bis zum Gipfel
Anders als bei Autos mit Verbrennungsmotor macht dem elektrischen Mini die dünne Höhenluft nichts aus. Kein Turbolader muss Schwerstarbeit leisten, keine Gemischaufbereitung leidet unter dem Sauerstoffmangel in über 4000 Metern Höhe.

In Colorado Springs, vor dem Abzweig auf die Route 24 Richtung Manitou und der Auffahrt in die Berge, stehen noch 100 Meilen Restreichweite auf der Anzeige. Doch nun wird die Straße spürbar steiler und schmaler. An der Mautstelle sind es noch 68 Meilen Reichweite für die verbleibenden 18 Meilen bis zum Gipfel. Für 18 US-Dollar gibt es den roten Zufahrtsaufkleber auf die Frontscheibe, ehe es mit erlaubten 30 mph über unzählige Kehren bergwärts geht.

Hier spielt das E-Auto seinen ersten großen Trumpf aus: Anders als Verbrennungsmotoren macht dem elektrischen Mini die dünne Höhenluft nichts aus. Kein Turbolader muss Schwerstarbeit leisten, keine Gemischaufbereitung leidet unter Sauerstoffmangel. Vorbei an Campingplätzen und dem bekannten Wasserbassin steigt die Straße unerbittlich. Höhenmarken von 2.500, 3.000 und über 3.600 Metern machen sich vor allem an der sichtbar zusammengedrückten Sprudelflasche im Cockpit bemerkbar. Als der Countryman schließlich den Gipfelparkplatz auf 4.300 Metern erreicht, ist der Reichweitenzähler auf 49 Meilen geschrumpft.

Talfahrt: Triumph der Rekuperation

Oben herrscht reger Touristenbetrieb bei kühlen 14 Grad Celsius, während im Westen Regenwolken aufziehen. Zeit für den Rückweg nach Denver – knapp 100 Meilen und laut Navi rund 2:19 Stunden Fahrzeit. Nun schlägt die Stunde der Rekuperation: Wie viel Energie kann der zwei Tonnen schwere Mini bei der Talfahrt zurückgewinnen?

Unterstützt von der intelligenten Navigation, die vor Kurven automatisch verzögert, füllt sich der Nickel-Mangan-Kobalt-Akku (NMC) mit 400-Volt-Technik auf den ersten Kehren zusehends. Nach dem Wechsel von der maximalen Rekuperationsstufe (B-Modus) in das normale Fahrprogramm klettert die Reichweitenanzeige rasch wieder auf 78 Meilen.

Von nun an geht's bergab
Als der Countryman schließlich den Gipfelparkplatz auf 4.300 Metern erreicht, ist der Reichweitenzähler auf 49 Meilen geschrumpft.
Von nun an geht’s bergab
Als der Countryman schließlich den Gipfelparkplatz auf 4.300 Metern erreicht, ist der Reichweitenzähler auf 49 Meilen geschrumpft.

Bei der obligatorischen Bremsenkontrolle an der Station Glen Cove auf rund 3.500 Metern Seehöhe zeigt sich der nächste Vorteil des E-Antriebs: Während die Parkwächter zwei Pick-ups (einen Chevrolet Silverado und einen Ford F-150) mit rauchenden, heißgebremsten Scheiben zum Abkühlen auf den Stellplatz verbannen, bleibt das Digitalthermometer am Mini völlig unbeeindruckt. Die Kontrolleurin schüttelt ungläubig den Kopf: „Haben Sie überhaupt gebremst?“ Dank One-Pedal-Feeling und Rekuperation übernahmen fast ausschließlich die Elektromotoren die Verzögerung.

Fazit: Ohne Ladestopp zurück in Denver

Vorbei an bekannten Rennstrecken-Passagen wie „Devils Playground“ oder „Halfway Picnic“ geht es talwärts. Während die Außentemperatur wieder klettert, wächst parallel auch die Reichweitenanzeige. An der Mautstation stehen nach 78 gefahrenen Meilen wieder üppige 158 Meilen Restreichweite im Display.

Der ursprünglich eingeplante Ladestopp in Castle Rock kann getrost entfallen. Über die Bundesstraße 24 und die Interstate rollt der Mini Countryman SE All4 zurück nach Denver. Nach rund zwei Stunden Fahrt erreicht das Elektro-SUV den Startpunkt – bei mittlerweile wieder sommerlichen 32 Grad Celsius, komplett ohne Zwischenladung und mit einer verbleibenden Restreichweite von 86 Meilen (knapp 140 Kilometer). Ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie effizient moderne Elektroantriebe selbst extremste Höhenprofile meistern.

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1 Kommentar

  1. Frank

    Ein wenig Klugscheixxerei: Plastikflaschen werden bei einer Talfahrt zusammengedrückt, aber nie bei einer Bergfahrt. 😉

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