Den beiden jungen Männern, die gerade der S-Bahn aus Frankfurt entstiegen sind, sticht das weiße Auto mit den merkwürdigen Auf- und Anbauten auf dem Bahnhofsvorplatz sofort in Auge. „Der fährt ohne Mensch – cool, wie in Amerika“, entfährt es dem Größeren, als er die Aufschrift auf dem Nio ES8 gelesen hat: KIRA steht da in großen Lettern, darunter etwas kleiner die Internet-Adresse kira-autonom.de.
Ob der 17-Jährige von dem Pionierprojekt, das die Deutsche Bahn und der Rhein-Main-Verkehrsverbund zusammen mit dem israelischen Tech-Unternehmen Mobileye und dem Autozulieferer Bosch seit Ende Mai im südhessischen Langen betreibt, schon vorher etwas gehört oder gelesen hat, wissen wir nicht. Richtig ist: Der mit zusätzlichen Radar-, Lidar- und Kamerasystemen hochgerüstete Elektro-SUV fährt hochautonom durch die Stadt, als eine Art Ruf-Taxi und Bus-Ersatz. Allerdings noch nicht ganz „ohne Mensch“, sondern mit einem sogenannten Sicherheitsfahrer hinter dem Lenkrad. Der aber nicht steuert, bremst und beschleunigt, sondern während der Erprobungsphase unterwegs lediglich die Sicherheitssysteme überwacht – und eingreift, wenn diese mal nicht auf Zack sind und Hindernisse auf der Fahrbahn oder einen anderen Verkehrsteilnehmer einmal übersehen sollten.

Das KIRA-Mobil kennt keine Haltestellen, aber der Bahnhof Langen wird häufig angesteuert, um hier Fahrgäste aufzunehmen. Etwa 20 Minuten dauert es von der Bestellung des Fahrzeugs über die Smartphone-App bis zum Eintreffen des Nio ES8. Fotos: Rother
An diesem Dienstagmittag hat Adam Fowler diese Aufgabe. Der eingedeutschte Brite war früher Testfahrer für verschiedene Autohersteller aus Europa, hat PS-starke Prototypen über Teststrecken gejagt. Nun „gondelt“ er mit einem von zwei Mobileye-Nios ganz gemächlich durch den Landkreis Offenbach und nimmt Fahrgäste auf, die KIRA über eine Smartphone-App gerufen haben, weil sie den Linienbus verpasst haben oder es in ihrer näheren Umgebung keine Haltestellen gibt. Ähnlich wie bei Waymo in San Francisco, Tesla in Austin, Texas, oder MOIA in Hamburg. Nur in einem kleineren Maßstab und in einer eher ländlichen Gegend: Die Gemeinde Langen zählt gerade mal 40.000 Einwohner, von denen die meisten in Frankfurt oder Darmstadt untertags ihr Brot verdienen.
„KI basierter Regelbetrieb“ auf dem Land
Man habe sich für das Pilotprojekt ganz bewusst für eine ländliche Region entschieden, erklärt Projektleiter Thorsten Möginger. „In den Großstädten ist der öffentliche Nahverkehr schon ganz gut – auf dem Land ist das Angebot vielfach dürftig. Da besitzen die Menschen zwei oder gar drei Autos, um mobil zu sein.“ Nach Ansicht des Wirtschaftsingenieurs, der bei einer Software-Tochter der Rhein-Main-Verkehrsverbund Gmbh (RMV) das Team New Mobility leitet, braucht es eine gesellschaftliche Diskussion und neue Ansätze, um diese Diskrepanz zu lösen und Alternativen zum privaten Auto zu bieten. Autonom fahrende Shuttles und Busse könnten da eine Lösung sein.
Die Fahrzeugtechnik, weiß Möginger („autonomes Fahren ist mein Baby“) mache enorme Fortschritte – nun gelte es, im Regelbetrieb Erfahrungen zu sammeln und Strategien für einen möglichst sinnvollen Einsatz von hochautonom fahrenden Elektro-Shuttles zu entwickeln. Wie – in einem ersten Schritt – in Langen und mit KIRA: Die vier Buchstaben stehen für „KI-basierter Regelbetrieb autonomer On-Demand-Verkehre“.

Der Wirtschaftsingenieur leitet bei einer Tochter des Rhein-Main-Verkehrsverbundes das Team New Mobility und das Pilotprojekt KIRA im Kreis Offenbach. Mit hochautomatisiert fahrenden Elektro-Shuttles will er das Nahverkehrsangebot im ländlichen Raum verbessern.
KIRA ist in Deutschland das erste Projekt, das autonome Fahrzeuge für den ÖPNV auf der Automatisierungsstufe Level 4 testet. Die VW-Tochter MOIA wird seinen Fahrdienst mit dem ebenfalls von Mobileye auf Level 4 hochgerüsteten ID.Buzz AD erst im kommenden Jahr aufnehmen. Mit Waymo in den USA oder Baidu Apollo Go in China können die Hessen nicht konkurrieren: „Millionen von Testkilometer können wir noch nicht vorweisen“, räumt Möginger ein.
Täglicher Datenversand zu Mobileye
So hat der von Mobileye gestellte Nio ES 8, mit dem wir eine kleine Testfahrt durch Langen unternehmen, nur wenig mehr als 7000 Kilometer auf dem Tacho. Und aktuell ist auch nur noch ein zweites Fahrzeug im Einsatz. Das dritte steht als Backup-Lösung im Depot, und zwei weitere Stromer erkunden samt Sicherheitsfahrern gerade die Nachbarstadt Darmstadt: Dort soll im kommenden Jahr der autonom fahrende Shuttle-Service ebenfalls angeboten werden. Um Erfahrungswerte zu sammeln und das System weiter zu perfektionieren, aber auch das Angebot an Fahrdiensten zu erweitern. Inklusive Fahrten über die Autobahn.

Zwei Schalter auf der Mittelkonsole des auf Level 4 autonom fahrenden Elektroautos sind für den Sicherheitsfahrer essentiell. Mit dem roten Totmannschalter meldet er alle 30 Sekunden seine Anwesenheit, mit den drei Tastern darüber Zwischenfälle unterwegs.
So ganz perfekt, merken wir schon kurz nach dem Start, arbeitet die Sensortechnik derzeit noch nicht: An der dritten Kreuzung übersieht unser Elektro-Taxi einen von links auf der Vorfahrtsstraße herannahenden Pkw. Adam Fowler reagiert sofort und stoppt den Nio, bevor es zum Zusammenstoß kommt. Anschließend drückt er die rechte von drei Tasten („Low“, „Medium“, „High“) auf der Mittelkonsole und speichert so den Zwischenfall im großen Datenspeicher, der samt Computer im Kofferraum des Nio sitzt. Am Nachmittag, wenn der Einsatz endet, werden die Daten über die Leitstelle in Weiterstadt in die Cloud hochgeladen, damit die Spezialisten von Mobileye in Israel – darunter Ex-VW-Vorstand Johann Jungwirth – die Situation analysieren und ein weiteres Software-Update entwickeln können. Gut möglich, dass dieses schon anderntags zur Verfügung steht.
Manche Fahrtgäste sind noch ängstlich
Ansonsten aber verläuft die Testfahrt an diesem Tag absolut reibungslos und störungsfrei. Locker schwimmt der Elektro-SUV im Verkehr mit, mit sicherem Abstand zu anderen Verkehrsteilnehmern und absoluter Verkehrsregel-Treue. Tempolimits werden punktgenau erkannt, Sicherheitsabstände zu Radfahrern und parkenden Autos am Straßenrand zuverlässig eingehalten: Jeder Fahrlehrer hätte seine Freude daran, wie sich das Auto durch den Stadtverkehr bewegt. Trotzdem muss Sicherheitsfahrer Fowler alle 30 Sekunden den roten Totmannschalter auf der Mittelkonsole betätigen – um dem System zu signalisieren, dass er noch an Bord und hellwach ist.

Sicherheitsfahrer Adam Fowler (rechts) soll sich ganz auf den Verkehr konzentrieren, Gespräche mit ihm unterwegs sind deshalb verboten. Für Fragen von Fahrgästen zur Technik fährt in Langen deshalb Elektrotechniker und Bahn-Praktikant Saud Ahmed Nasir mit.
Und wie reagieren die Fahrgäste auf den Versuch und die innovative, für viele sicher noch gewöhnungsbedürftige Technik? „Der Versuch wird gut angenommen“, berichtet Möginger. Manche Passagiere seien anfangs noch etwas ängstlich, weil sie der Technik und der Künstlichen Intelligenz an Bord nicht trauten. Doch das lege sich meist schnell. Zur Beruhigung trägt auch Saud Ahmed Nasir bei – der Student der Elektrotechnik aus Darmstadt fährt im Rahmen seines Praktikums als eine Art „Erklärbär“ in den KIRA-Fahrzeugen mit. Er beantwortet unterwegs alle Frage der Fahrgäste – Gespräche mit dem Fahrer sind verboten, damit dieser sich ganz auf den Verkehr konzentrieren kann.
Teurer als Busticket, günstiger als Taxi
Projektleiter Möginger ist auch deshalb ganz zuversichtlich, dass sich diese innovative Form einer Mobilität „on demand“ langfristig durchsetzen wird. Wenn statt Linienbussen mit festen Fahrzeiten rund um die Uhr und die ganze Woche über fahrerlose Kleinbusse zur Verfügung stünden, würde der öffentliche Nahverkehr auf dem Land deutlich attraktiver. Gleichzeitig könnten die Verkehrsbetriebe durch den Wegfall der Fahrer enorme Kosten sparen: Gesteuert würde die gesamte Fahrzeugflotte allein von ein, zwei Personen auf der Leitstelle.
Derzeit ist die Mitfahrt im KIRA-Shuttle kostenlos und auch nur werktags zwischen 9:30 und 15:30 Uhr möglich. Aber natürlich machen sie sich bei DB Regio Bus und beim RMV schon Gedanken über die Ausweitung des Regelbetriebs. Aber auch über die Sondertarife für den Fahrdienst. Ganz so billig wie ein Busticket werde der Shuttle-Dienst wohl nicht, verrät Möginger. Der Komfort müsse seinen Preis haben. Aber unter den Taxipreisen werde man „definitv“ bleiben. „Und billiger als der Betrieb eines eigenen Autos wird es allemal sein.“