(Aktualisiert am 24.9.) Vier Jahrzehnte lang war der Nissan Micra das Sinnbild eines erschwinglichen, unprätentiösen Kleinwagens aus Japan. Sechs-millionenfach verkauft, stets solide und doch nie ganz aus der Mode geraten. Jetzt schlägt die Marke im Rahmen der „Re:Nissan“-Strategie ein neues Kapitel auf: Ende 2025 rollt die sechste Generation des Micra auf die Straße – erstmals rein elektrisch und nicht mehr aus japanischer oder britischer, sondern aus französischer Produktion. Gebaut wird er auf einem Band unter anderem zusammen mit dem Renault 5 E-Tech und dem Renault 4 Electric in Douai, auf der gemeinsamen AmpR-Plattform des französischen Partners.

Mit leicht hervorstehenden Scheinwerfer und Heckleuchten differenziert sich der neue Nissan Micra von seinem Stiefbruder aus Frankreich. Charakteristisch ist auch der „Ice Cream Loop“ entlang der Seitenlinie, der wie mit einem Eisportionierer gezogen scheint.
Als der Micra 1982 auf den Markt kam – damals noch als Datsun-, war er noch ein klarer Japan-Import. Spätere Generationen liefen in Großbritannien vom Band, ehe Nissan die Fertigung 2022 mangels Nachfrage einstellte. Nun erfolgt nach vierjähriger Produktionsdunterbrechnung das Comeback – mit viel europäischem Input: entworfen im Nissan-Designzentrum in London, mit Konnektivität und zahlreichen Sicherheitsfeatures auf dem neuesten Stand. Kleine Anspielungen an das Heimatland der Marke finden sich zwar noch, etwa eine kleine Silhouette des Fujijama auf der Mittelkonsole im Innenraum sowie im Kofferraum. Doch ansonsten wirkt der neue Micra wie ein waschechter Europäer. Tatsächlich bleibt er – Stand heute – auch dem europäischen Markt vorbehalten: Ein Export nach Japan oder eine Produktion dort ist aktuell nicht vorgesehen, hieß es bei der Fahrpräsentation des fröhlichen Kompaktwagens in Rotterdam.
Technik auf Augenhöhe mit Renault
Der Micra kommt mit zwei Batteriegrößen (40 und 52 kWh) und Reichweiten von bis zu 416 Kilometern. Mit einer Spitzenleistung von 110 kW oder 150 PS, einer 100 kW-Schnellladefunktion (in 30 Minuten ist der Akku damit von 15 auf 80 Prozent gefüllt) und „Vehicle-to-Load“-Technik (etwa zum Betrieb einer Kaffeemaschine oder eines Ladegeräts für das E-Bike) ist er technisch auf der Höhe der Zeit. Kein Wunder, teilt er sich doch aus Kostengründen vieles mit seinem Stiefbruder, dem Renault 5 Electric – vom Unterbau bis zum Infotainment mit Google-Diensten. Was kein Nachteil ist, immerhin wurde der Renault 5 im Frühjahr doch erst zum Auto des Jahres gekürt.
Die exzellente Abstimmung des Fahrwerks ist die gleiche, auch sonst gibt es bis auf Kleinigkeiten keine Unterschiede. Immerhin verfügt der Micra im Unterschied zum R5 über Wippen am Lenkrad, über die sich die Rekuperationsleistung in vier Stufen einstellen lässt. Und im Unterschied zum Renault beherrscht der Nissan auch schon das sogenannte „One Pedal Drive“ – das Bremsen und Fahren allein mit dem rechten Fuß. Im Renault soll die Lösung erst zu einem späteren Zeitpunkt Einzug halten.
Auch beim Preis sind beide Elektroautos – kein Wunder – ähnlich positioniert: Das 1500 Kilogramm schwere Basismodell des Nissan Micra namens „Engage“ mit 90 kW (122 PS) starkem Frontantrieb und 40 kWh großer Batterie kostet bei uns 27.990 Euro. Den Renault 5 „Urban Range“ in ähnlicher Konfiguration gibt der Kooperationspartner in Deutschland für nur 90 Euro weniger ab. Mit etwas Verhandlungsgeschick dürften Kaufinteressenten beim Händler aber wenigstens Gleichstand erzielen.

Das Cockpit des Nissan Micra ist weitgehend identisch mit dem des Renault 5 – inklusive Radio-Satellit und Fahrmodi-Schalter am Lenkrad. Für den Unterschied sorgen nur die Sitzbezüge und Türverkleidungen – so spart man Kosten. Fotos: Nissan
Der gleiche Preisunterschied besteht zwischen dem Micra „Advance“ mit 52 k-Wh-Akku und 110 kW (150 PS) Leistung und dem Renault 5 „Comfort Range“: 32.990 zu 32.900 Euro. Alternativ lässt sich der Micra auch leasen, schon für 189 Euro im Monat – bei einer Anzahlung von 3000 Euro. Was bei Elektroautos wegen der kürzeren Innovationszyklen ohnehin die clevere Wahl ist. Ansonsten gilt es auf die Feinheiten auch in der Serienausstattung und den Zusatzpaketen zu achten. So steht beispielsweise der Nissan schon in der Basisversion auf Leichtmetallfelgen im 18-Zoll-Format – beim Renault sind es einfache Stahlfelgen mit Radkappen.
Die Herausforderung: Kann er anknüpfen?
Es wird also spannend – wie sich das europäische Publikum in dem Fall entscheidet. Der Renault 5 E-Tech Electric ist seit seinem Start ein echter Bestseller, getragen von seinem Retro-Charme und einem starken Marketing. In Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien war der kleine Stromer erstmals das meistverkaufte Elektroauto Europas. Allein in Deutschland wurden vom Renault 5 bis Ende August über 5000 Exemplare neu zugelassen, mehr als doppelt so viele wie von allen Elektroautos der Marke Smart zusammen.
Nissan Micra
Antrieb: Elektromotor an der Vorderachse mit 90 oder 110 kW Leistung;
Batteriekapazität: 40 oder 52 kWh; Reichweite (WLTP-Norm): 317 bzw. bis zu 416 Kilometer;
Max. Ladeleistung: 11 kW (AC), 100 kW (DC); Ladedauer 10 auf 80 % SoC: 30 Minuten
Länge/Breite/Höhe (mm) 3974/1774/1490;
Höchstgeschwindigkeit: 150 km/h;
Basispreise: 27.990 Euro („Engage“ mit 40 kWh-Akku und 90 kW Leistung),
32.990 Euro („Advance“ mit 52 kWh-Akku und 110 kW Leistung
Für den Micra könnte es ungleich schwieriger werden, auf ähnliche Verkaufszahlen zu kommen: Er hat keine nostalgische Kult-Aura, das Modell lediglich den Ruf, ein solider Alltagsbegleiter zu sein. Optisch ist er ein Hingucker, die Bedienung gibt keine Rätsel auf und zumindest auf den Vordersitzen gibt es keine Platzprobleme. Ob das reicht, um im harten Wettbewerb auch mit dem Peugeot e-208 und dem VW ID.Polo zu bestehen, wird sich zeigen.
Elektro-Offensive von Nissan
Nissan selbst gibt sich zuversichtlich: „Der neue Micra wird die Straßen elektrisieren, wo auch immer er auftaucht“, sagt Arnaud Charpentier, Regional Vice President Marketing & Mobility. Soll heißen: Das freundliche Design des kleinen Autos mit den großen Kulleraugen wird für einen „Haben wollen“-Impuls sorgen. Die Sympathiebekundungen von Passanten jeglichen Alters auf unserer hellblaues Testmobil in den Niederladen waren jedenfalls zahlreich und machen Mut.

Den Micra baut Nissan seit 1982. Das neue Modell ist die sechste Generation – und die erste mit Elektroantrieb. Foto: Rother
Wir drücken die Daumen. Auch für den Rest der „Re:Nissan“-Strategie, die bis 2027 die Einführung von drei weiteren Elektroautos der Marke vorsieht. Den neuen Nissan Leaf noch in diesem Jahr, eine vollelektrische Variante des Juke Ende kommenden Jahres und dann noch ein neues Einstiegsmodell im A-Segment. Wir tippen auf eine Variante des Renault Twingo zu einem Preis um die 25.000 Euro.