Sven Plöger liebt Elektroautos. Als prominenter Gast hat der Diplom-Metereologe und bekannte TV-Moderator aus dem Rheinland schon an etlichen E-Auto-Rallyes teilgenommen. Aber warum die Autoindustrie bei der Antriebswende vor allem auf große und schwere SUVs setzt, kann er nicht verstehen: „Ein Auto muss doch meist nur 80 Kilogramm Körpergewicht von A nach B transportieren. Warum muss ich dann dreieinhalb Tonnen Blech mitnehmen?“, wetterte Plöger erst kürzlich wieder in seiner Heimat auf einer Veranstaltung zur Nachhaltigkeitswoche.

Das hohe Gewicht und der hohe Aufbau der angeblich sportlichen Stadt-Geländewagen, auf die in Deutschland mittlerweile fast 30 Prozent der Neuzulassungen entfallen, trieben nur den Energieverbrauch und trügen damit nicht unerheblich zu den hohen CO2-Emissionen im Straßenverkehr bei. Ja, der SUV-Boom mache sämtliche Klima-Fortschritte der Autobauer zunichte, die sie durch den Übergang zum Elektroantrieb erreicht haben.

Sports Tourer stemmt sich gegen den SUV-Trend

Der Opel Astra Sports Tourer Electric, da bin ich mir sicher, käme bei Plöger da deutlich besser weg. Weil der mit 1760 Kilogramm fast exakt nur halb so viel wiegt. Und auch, weil das Gepäckabteil des Kombi mit einem Volumen zwischen 516 und 1553 Litern – je nach Belegung der Sitzplätze – in etwa genau so viel Stauraum bietet wie zum Beispiel der neue vollelektrische Opel Frontera. Und der neue SUV dürfte schon aufgrund seiner Höhe von fast 1,70 Metern einen deutlich schlechteren cW-Wert haben als der mit einer Höhe von 1,48 Metern vergleichsweise tieffliegende Astra. Alle Daten zum neuen Frontera hat Opel noch nicht veröffentlicht. Aber auf die 0,255 des Kombi dürfte der Kompakt-SUV sicher nicht kommen.

Einkaufswagen 
Eine elektrische, sensorgesteuerte Heckklappe und eine niedrige Ladekante machen das Befüllen des Gepäckabteils leicht.
Einkaufswagen
Eine elektrische, sensorgesteuerte Heckklappe und eine niedrige Ladekante machen das Befüllen des Gepäckabteils leicht.

Sie merken schon: Auch wir sind nach einem 14-tägigen Alltagstest mit dem vollelektrischen Opel Astra Sports Tourer ins Grübeln über die Frage gekommen, warum unsere Straßen derzeit mit SUVs geflutet werden. Ok, der Zustand unserer Straßen ist mancherorten mittlerweile so schlecht, dass sich manche Käufer eines „Geländewagens“ möglicherweise die Option offen halten wollen, sich notfalls in die Büsche schlagen zu können. Möglicherweise ist der SUV-Trend auch auf die Vergreisung der Gesellschaft zurückzuführen – angeblich leiden inzwischen ja 20 Prozent der Bevölkerung unter einer Arthrose. Aber auch die Antriebswende selbst könnte eine Rolle spielen: Dicke Batteriepakete im Fahrzeugboden lassen sich in hochbauenden Fahrzeugen einfacher wie optisch gefälliger integrieren.

Erfreulich niedriger Stromverbrauch

Umso löblicher ist es, dass Opel dem klassischen Kombinationskraftwagen auch im Zeitalter der Elektromobilität die Treue hät. Das Unternehmen hat auf dem Gebiet immerhin auch eine lange Tradition – der Opel Olympia Rekord Caravan von 1954 war einer der ersten Ligfestyle-Kombis für die Familie in Europa, der Opel Omega B Caravan noch zur Jahrhundertwende ein Bestseller. Weit über sechs Millionen Fahrzeuge mit dieser Karosserieform hat das Unternehmen inzwischen produziert und dabei eine Menge Erfahrungen gesammelt, die sich im jüngsten Modell in allerlei praktischen Details niederschlagen. Die Modellbezeichnung „Caravan“ (Car-a-Van – ein Auto so geräumig wie ein Van) ist den Opelanern allerdings inzwischen zu piefig – seit 2010 hört die praktischste Ausführung des Astra auf den Namen Sports Tourer. Wie beim SUV geht es offenbar nicht ohne Sport.

Stromer im Sportgewand 
Unser Testwagen kam sehr sportlich in Zweifarb-Lackierung und in GS-Ausführung daher. Den Elektroantrieb sieht man ihm - außer durch das Kennzeichnen - nicht gleich an. Das gleiche Modell gibt es auch als Benziner und mit Hybridantrieb.
Stromer im Sportgewand
Unser Testwagen kam sehr sportlich in Zweifarb-Lackierung und in GS-Ausführung daher. Den Elektroantrieb sieht man ihm – außer durch das Kennzeichnen – nicht gleich an. Das gleiche Modell gibt es auch als Benziner und mit Hybridantrieb.

Hier macht die Bezeichnung allerdings durchaus Sinn, wie sich beim Test zeigte: Der frontgetriebene E-Kombi von immerhin 4,64 Metern Länge lässt sich trotz seiner eher schwachen Antriebsleistung von nur 115 kW (156 PS) ausgesprochen dynamisch bewegen – manche E-SUVs gehen mit deutlich stärkeren Antrieben an den Start, was Gewicht und Verbrauch in die Höhe schraubt. Der Astra ist da eher bescheiden, was sich erfreulich im Stromverbrauch niederschlägt. Den vom Werk angegebenen Normverbrauch von 15,6 kWh auf 100 Kilometer haben wir im Alltagsbetrieb zwar nicht erreicht. Aber ein Schnitt von 16,5 kWh/100km sind bei zurückhaltender Fahrweise auch kein schlechter Wert. Mit der serienmäßigen 54 kWh fassenden Lithium-Ionen-Polymer-Batterie waren damit Touren über immerhin rund 325 Kilometer Wegstrecke möglich, ganz problemlos und völlig entspannt.

Erfreulich konventionelle Bedienung

Was auch daran lag, dass die Opel-Ingenieure die Sportlichkeit bei der Abstimmung des Fahrwerks nicht überbetont, dem Stromer aber eine knackig-direkte Lenkung verpasst haben. Erfreulich auch: Die wichtigsten Funktionen lassen sich im Astra Electric noch über Direktwahltasten ansteuern. Andere Hersteller finden es schick, möglichst alles in Software umzuwandeln und (kostengünstig) nur noch über einen großen Touchscreen ansteuern zu lassen. Der Astra hingegen ist auch da noch erfreulich konventionell: Für die Steuerung der Radio- (oder Navi-)Lautstärke gibt es noch einen Drehknopf, die Innenraum-Temperatur lässt sich praktisch blind über Drückknöpfe in einer Leiste unter dem sogenannten „Pure Panel“ einstellen. Was nicht heißt, dass sie sich bei Opel dem Fortschritt verweigern: Im 2500 Euro teuren Infotainment-Paket ist ein intelligentes Head-up-Display enthalten, das die Ablenkung vom Verkehrsgeschehen durch Seitwärts-Blicke auf einen Zentralmonitor nochmals minimiert.

Lademeister 
516 Liter fasst der Kofferraum des Astra Sports Tourer bei voller Bestuhlung, gar 1533 Liter bei umgelegter Rücksitzbank. Wozu braucht es da eigentlich noch einen SUV?
Lademeister
516 Liter fasst der Kofferraum des Astra Sports Tourer bei voller Bestuhlung, gar 1533 Liter bei umgelegter Rücksitzbank. Wozu braucht es da eigentlich noch einen SUV?

Noch besser aber kam bei der Familie der riesige und dank niedriger Ladekante auch leicht zu beladende und je nach Platzbedarf flexibel anpassbare Kofferraum an. Der Zugang dazu erfolgt (gegen Aufpreis) elektrisch – sensorgesteuert mit einer Bewegung des Spielbeins. Bemängelt wurde lediglich das Fehlen einer Möglichkeit, bei voller Bestuhlung hinten längere Gegenstände durchzuladen – das Feature war beim Caravan selig noch serienmäßig an Bord. Zumal man den harten Mittelplatz auf längeren Strecken ohnehin niemandem zumuten möchte: Hier gäbe es durchaus noch Platz für Verbesserungen.

Trotz hohem Preis keine Ladeplanung

Gleiches gilt für die Performance an der Ladesäule: Mehr als 100 kW sind am Schnelllader nicht drin, in der Praxis wurden auch bei einem Füllstand von zehn Prozent eher noch niedrigere Werte um die 80 kW erreicht. Da bieten andere Hersteller mit vergleichbar großen Stromspeichern inzwischen etwas mehr. Immerhin wurden die Werte um die 80 kW meist bis zu einem SoC von 45 Prozent gehalten. Noch mehr als eine etwas höhere Ladeleistung wünschen würde man sich aber ein Lademanagement, die auch eine Ladeplanung und eine Vorkonditionierung des Akkus vor dem Stopp am Schnelllader ermöglicht: Die Ladestopps unterwegs muss der Fahrer noch selbst suchen, selbst wenn er ein weiter entferntes Ziel ins Navigationssystem eingegeben hat. Hier hinkt Opel dem Wettbewerb am deutlichsten hinterher.

Maximal 100 Kilowatt 
Die Ladeleistung des vollelektrischen Opel Astra ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Wenigstens 26 Minuten dauert es deshalb, um den Akku von 20 auf 80 Prozent zu füllen. Zudem bietet der Stromer keine Ladeplanung an: Bitte nachbessern.
Maximal 100 Kilowatt
Die Ladeleistung des vollelektrischen Opel Astra ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Wenigstens 26 Minuten dauert es deshalb, um den Akku von 20 auf 80 Prozent zu füllen. Zudem bietet der Stromer keine Ladeplanung an: Bitte nachbessern.

Und natürlich würde man sich auch günstigere Preise wünschen: Unser „Kardio“-roter Testwagen (Basispreis 43.490 Euro) wäre in GS-Ausführung und mit Vollasstattung auf einen Kaufpreis von 53.730 Euro gekommen – das dürfte bei dem einen oder anderen Interessenten eher für erhöhten Blutdruck denn für hohen Herzschlag sorgen. Ist der Stromer damit doch um über 8000 Euro teurer als das gleiche Modell als mildhybrider Benziner. Diesbezüglich könnte es demnächst für den Astra Sports Tourer schwer werden im hausinternen Wettbewerb Kombi vs. SUV: Der neue Opel Frontera Electric soll bereits für rund 29.000 Euro zu bekommen sein.

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