„Müssen wir uns um Opel wieder Sorgen machen?“, fragte dieser Tage in den üblichen großen Lettern eine bekannte deutsche Boulevardzeitung. Den Anlass dazu lieferten Meldungen über einen unter die Marke von drei Prozent gesunkenen Anteil am europäischen Automarkt und ein Absatzminus von über 16 Prozent im ersten Halbjahr. Zitiert wurde dazu mal wieder der längst emeritierte „Auto-Papst“ Ferdinand Dudenhöffer (74): „Das Kleinerwerden hat das Risiko, dass es immer schwieriger wird, wieder größer werden zu können.“ Da steckt zugegebenermaßen eine gewisse Logik dahinter – bergab geht es leichter als bergauf.
Richtig ist: Opel hat schon bessere Zeiten erlebt und größere Marktanteile gehabt. Vor 35 Jahren entfielen auf Opel und die britische Schwestermarke Vauxhall über zwölf Prozent aller Pkw-Neuzulassungen in Europa, 1972 verkauften die Rüsselsheimer auf dem Kontinent noch mehr Personenwagen als Volkswagen. Seitdem hat die Traditionsmarke viele Kunden verloren – aufgrund einer nicht immer glücklichen Markenstrategie und Modellpolitik unter der Regie des langjährigen Eigners General Motors.

Die Allrad-Version des Opel Grandland erkennt der Fachmann an den Rädern im 20-Zoll-Format. Ansonsten unterscheidet er sich äußerlich nicht von seinen schwächeren und frontgetriebenen Brüdern
Doch in den zurückliegenden acht Jahren, seit der Übernahme durch den Stellantis-Konzern, hat sich das Unternehmen wieder berappelt. Die Modellpalette ist eine der jüngsten in Europa. Opel Corsa und Mokka erfreuen sich nicht nur in Deutschland großer Beliebtheit. Und mit dem 4,65 Meterlangen Grandland ist Opel seit kurzem auch wieder in der gehobenen Mittelklasse vertreten: Für Familien und Geschäftsleute, die ein komfortables Reisemobil suchen, ist der SUV mit Preisen ab 36.990 Euro ein attraktives Angebot. Zumal Opel ein breites Angebot an Antriebsvarianten offeriert: Den Opel Grandland gibt es mildhybridisiert (ganz ohne Stecker), als Plug-in-Hybrid und als „Electric“ rein batteriegetrieben. Mit Stromspeichern, die 73, 82 und (bald) in einer „Long Range“-Version für eine Reichweite von 694 Kilometer auch 97 kWh fassen.
Allradversion mit 73 kWh-Akku
Und seit kurzem ist der Stromer in einer 239 kW oder 325 PS starken „Ultimate“-Variante zudem mit Allradantrieb bestellbar. Mit 73 kWh-Akku für bis zu 483 Kilometer Reichweite zum Preis in Vollausstattung (inklusive Panorama-Glasdach, Wärmepumpe, elektrischer Heckklappe, LED-Scheinwerfer, Focal-Soundsystem und Head-up-Display) von 59.990 Euro. Für einen ähnlich starken und ähnlich gut ausgestatteten Skoda Enyaq RS mit Allradantrieb wäre da einiges mehr hinzulegen. Wir durften mit dem Opel Grandland Ultimate AWD, der vor allem in den Alpenregionen auf großes Interesse stoßen dürfte, bereits eine Runde drehen.

Mit einer Länge von 4,65 Metern ist der Opel Grandland noch gut stadttauglich – und einer Antriebsleistung von 239 kW, einer Spitzengeschwindigkeit von 180 km/h und einer Reichweite von über 400 Kilometern auch auf deutschen Autobahnen gut unterwegs.
Klar, der Allradantrieb kostet Gewicht. 2325 Kilogramm sind es inklusive Fahrer, für den Opel 76 Kilogramm ansetzt. Das sind gut 100 Kilogramm mehr als ein Grandland Electric mit 73 kWh-Akku in vergleichbarer Ausstattung wiegt. Entsprechend satt liegt das SUV auf der Straße, deren Unebenheiten er mit frequenzselektiven Dämpfern erfreulich komfortabel ausgleicht. Der zusätzliche Motor mit 83 kW oder 112 PS an der Hinterachse schiebt den Wagen ordentlich an, so dass das Zusatzgewicht nicht die Dynamik trübt. Im Gegenteil: Tempo 100 ist mit dem Allradler im Sportmodus schon nach in 6,1 Sekunden erreicht. Das frontgetriebene, nur 157 kW starke Schwestermodell braucht für den Sprint fast drei Sekunden mehr. Und auch nach oben ist ein wenig mehr Luft: Statt schon bei 170 km/h regelt der „Ultimate“ den Vortrieb erst bei 180 km/h ab.
Erfreulich niedriger Stromverbrauch
Vielfahrer werden das zu schätzen wissen. Aber sicher noch mehr die Ladeleistung von 160 kW – ein noch zu 20 Prozent gefüllter Akku ist damit spätestens nach einer halben Stunde auf 80 Prozent seiner Speicherkapazität. Wir sind die überwiegende Zeit im „Normal“-Modus (bei dem allein die Vorderräder angetrieben werden) durch das Maingebiet gestromert und kamen dabei laut Bordcomputer auf einen Durchschnittsverbrauch von 18 kWh/100 km – das entsprach exakt dem Wert, den Opel als Normverbrauch angibt. Damit besteht gute Aussicht, die versprochene Reichweite von 484 Kilometern an einem Stück auch im Alltagsverkehr zu erreichen. Zumindest in der wärmeren Jahreshälfte. Aber auch im Winter mit zugeschaltetem Allradantrieb (im Modus „Sport“ oder „AWD“) sollten Touren von über 400 Kilometern Länge ohne Ladepause möglich sein.

Keinerlei Orientierungsprobleme hat der Fahrer am Steuer des Grandland: Alles befindet sich dort, wo es hingehört. Und auch die Qualität der Verarbeitung und eingesetzten Materialien kann sich sehen und fühlen lassen. Foto: Opel
Die Aufenthaltsqualität ist dabei erfreulich hoch. Die von der Aktion Gesunder Rücken (AGR) zertifizierten Sportsitze mit Alcantara-Bezügen (Nappalader gibt es auf Wunsch aufpreisfrei) sind überaus komfortabel und bieten ordentlich Seitenhalt und auch für großgewachsene Personen ausreichend Beinauflage. Im Unterschied zu vielen anderen Herstellern von Elektroautos gibt es zur Steuerung der Klimatisisierung und Radiolautstärke noch ordentliche Tasten und Drehregler, auch das Handschuhfach öffnet sich – oh Wunder – auf Knopfdruck. Und das Glasdach lässt sich zumindest partiell öffnen. Das sind heute alles keine Selbstverständlichkeiten mehr. Und auch die Qualität der Verarbeitung und eingesetzten Materialien kann sich sehen und fühlen lassen. Da muten andere Autohersteller aus Sparsamkeitsgründen ihren Käufern inzwischen deutlich mehr zu.
Alles in allem ist der Opel Grandland auch in Allrad-Ausführung ein sehr gutes Angebot. Sorgen machen muss man sich da um die Marke nicht, zumal das Angebot in den kommenden Monaten noch weiter ausgebaut wird. Mit einer weiteren Variante des Grandland AWD und des Opel Frontera mit größerer Reichweite sowie einem sehr sportlichen Opel Mokka GSE. Vielleicht auch einem Grandland GSE. Alles gute Voraussetzungen, um wieder größer zu werden. Und das schon bald.