Das Ding geht ab wie Schmitz‘ Katze – der man versehentlich auf den Schwanz getreten hat. Die Autobahn haben wir hinter uns gelassen, sind hineingefahren in die Sierra de Guaderrama, wo die Straßen einsamer, kurvenreicher und herausfordernder sind. Überholmanöver wollen hier sorgsam überdacht sein. Aber als der vor uns fahrende Lieferwagen keine Anstalten macht, auf eine Seitenstraße abzubiegen, riskieren wir es. Ein kurzer Blick nach hinten, den Blinker gesetzt – und dann das Fahrpedal kräftig durchgetreten. Der Fahrer des Transporters kann gar nicht so schnell schauen – da sind wir mit unserem Opel Mokka schon vorbei und werfen uns mit Tempo 90 hochkonzentriert in die nächste Kurvengeneration.
Opel hat eine lange Motorsport-Tradition. Ein gewisser Walter Röhrl startete seine Karriere 1973 mit einem von Irmscher für die Rallye Monte Carlo aufgebauten Opel Commodore GS/E. Mit einem Opel Ascona gewann 1982 dann die Rallye-Weltmeisterschaft. Später war Opel in der Deutschen Tourenwagen Masters aktiv und diversen Rennstreckenrennen. Meistens in der Rolle des Underdogs – des Teams, den aufgrund der bescheidenen Mitteln niemand auf dem Siegertitel hatte und das trotzdem immer wieder zu überraschen versteht.

Nur der Kenner sieht auf den ersten Blick die Unterschiede: Die größeren Rädern sowie die anders gestalteten Stoßfänger und die Seitenschweller differenzieren die sportliche GSE-Version von den zahmen Ausführungen des Opel Mokka Electric.
Dem Opel Mokka ist die Rolle des Underdogs perfekt auf den Leib, nein, die Karosse geschrieben. Der kleine SUV, den Opel seit 2012 auf den Markt brachte, sieht in der zweiten Generation zwar auch in der Basisversion schon flott aus. Aber zuhause ist er eher mit Stadtverkehr als auf einer Rennstrecke oder Rallyepiste. Käufer nutzen ihn für die Fahrt zur Arbeit oder zum Shoppen am Wochenende. Sie schätzen seine kompakten Abmessungen und sein ordentliches Kofferraum-Volumen, in der elektrischen Variante auch eine passable Reichweite von inzwischen über 400 Kilometern. Aber als Sportwagen hat den Mokka bislang wohl niemand wahrgenommen: Selbst in der GS-Version wird der Electric schon bei 150 km/h abgeregelt.
Ambitionierter Basispreis
Das könnte sich nun ändern. Denn Opel bringt nun mit dem Mokka GSE eine ganz besondere Variante in den Handel. Ohne dicke Backen oder großes Spoilerwerk, aber mit einem Motor, der einem den Atem rauben kann: Statt 115 kW oder 156 PS treiben nun 207 kW bzw. 281 PS die Vorderräder an – so viel wie im Mokka GSE Rally, den die Rüsselsheimer ab der kommenden Saison im ADAC Opel Electric Rally Cup einsetzen werden. Tempo 100 ist damit in nur 5,9 Sekunden (statt in 9,2 Sekunden wie bei der zahmen Version) erreicht. Und abgeregelt wird der Vorwärtsdrang erste bei Tempo 200.

Trotz der hohen Antriebsleistung ist der Mokka Electric auch in der GSE-Ausführung voll alltagstauglich.
Ein teurer Reifen-Mörder dürfte der eine oder andere angesichts der Leistungsdaten vermuten. Ja, teuer ist die Rennsemmel schon: 47.300 Euro ruft Opel für den schnellsten vollelektrischen Serien-Opel auf. Das sind immerhin über 8000 Euro mehr als für einen GS-Electric hinzulegen wäre. Da könnte der eine oder andere schon Schluckbeschwerden bekommen.
Mit viel Technik aus dem Rallye-Auto
Aber einen größeren Vorrat an Reservereifen müssen sich die Käufer des GSE nicht zulegen. Denn die Ingenieure beließen es nicht dabei, dem 1,6 Tonnen schweren Mokka den stärkeren M4-Motor einzubauen. Sie haben dem Auto gleichzeitig ein Torsen-Lamellen-Sperrdifferenzial verpasst, das verhindert, dass die Vorderräder beim Anfahren durchdrehen, wenn der Sport-Modus eingeschaltet ist und die volle Motorleistung mit einem Drehmoment von 345 Newtonmeter abgerufen wird. Zudem erhielt der Mokka spezielle Hydro-Stoßdämpfer und eine Tieferlegung um 10 Millimeter, dazu neue Achsschenkel und ein anderes Lenkgetriebe, damit die Kräfte sauber auf die Straße gebracht werden können.

Das neue Lenkgetriebe erlaubt es dem Fahrer, das Auto präzise und mit kurzen Handbewegungen durch jede Kurve zu steuern.
Und wunderbare, mit Alcantara bezogene Sportsitze vorne, die den Fahrer (und seinen Co-Piloten) bei einer Kurvenhatz fest umklammern: Sicherheit wird im Motorsport groß geschrieben. Deshalb gibt es auch vorne eine Vierkolben-Bremsanlage mit großen Bremsscheiben vorn – ganz wie im neuen Rallye-Auto für die Profis. Mit dem sich der GSE auch spezielle Hochvolt-Komponenten teilt. Einziger Unterschied: Das Wettbewerbsfahrzeug gibt über Außenlautsprecher am Unterboden kräftige Motorgeräusche von sich – um den Zuschauern am Rande der Piste zur Sicherheit das Herannahen des Fahrzeugs anzukündigen. Der Serien-GSE hingegen soll auch akustisch ganz dezent bleiben.
Spezialreifen von Michelin
Der Fahrspaß kommt trotzdem nicht zu kurz, zeigt unsere Ausfahrt mit dem GSE durch die Berge rund um Madrid. Und dass trotz regennasser Fahrbahn. Einen Anteil daran haben auch die von Michelin eigens für den Mokka gebackenen Reifen vom Typ Pilot Sport EV im 20-Zoll-Format, die kaum Schlupf zulassen und eine für diese Fahrzeugklasse einzigartige Querdynamik erlauben. Sicherheit geht in der Kombination vor Rollwiderstand. Was sich denn auch auf der Verbrauchsanzeige im Bordcomputer niederschlagt: Am Ende der Ausfahrt prangt dort ein Durchschnittswert von 30,1 kWh/100km. Unterwegs hatten wir auch Werte um die 33 kWh/100 km gesehen – Fahrspaß ging da ausnahmsweise einmal vor Effizienz.

Die mit Alcantara bezogenen Sportsitze des Opel Mokka GSE bieten einen ausgezeichneten Seitenhalt und trotzdem hohen Sitzkomfort.
Angeblich sollen allerdings auch niedrigere Stromverbräuche um die 18 kWh/100 km möglich sein, wenn man es gemächlich angehen lässt und in den Normal- oder Eco-Modus schaltet. Dann sinkt die Spitzenleistung allerdings deutlich und die Höchstgeschwindigkeit auf 180 km/h begrenzt. Für die Shopping-Tour reicht das allerdings allemal.
Opel sieht Potenzial für mehr
Und die Reichweite? Fällt natürlich geringer aus als in der zahmen Version des Mokka Electric. Denn der Bauraum reichte wohl nicht für einen größeren Akku: Wie die GS-Version schöpft auch die GSE-Version die Kraft nur aus einem Akku mit einer Kapazität von 54 kWh. Offiziell und mit Hinweis auf den Normverbrauch soll der Sportler mit einer Akkuladung bis zu 336 Kilometer weit stromern können. Wer es ordentlich krachen lässt, sollte zusehen, dass die nächste Ladesäule maximal 200 Kilometer weit entfernt ist. Für sieben Runden auf der Nordschleife sollte es aber reichen – wenn mal wieder das Fell juckt.

Der französische Reifenkonzern hat für den Mokka GSE eine 20-Zoll-Version des Pilot Sport gebacken, um die Kräfte des Elektromotors auch bei hohen Geschwindigkeiten sicher auf die Straße zu bringen und eine hohe Querdynamik darstellen zu können. Fotos: Opel
Unterm Strich ist der Mokka GSE ohne Zweifel eine tolle Bereicherung der Elektro-Flotte von Opel. Eine Verbrenner-Variante, versichern die Verantwortlichen, werde es nicht geben, aber möglicherweise noch weitere GSE-Ausführungen anderer Baureihen: Was John Cooper Works für Mini und Brabus für Smart ist, soll auch Opel künftig ordentliche Renditen bringen. Auf dem neuen Corsa Electric würden sich die drei Buchstaben sicher ebenso gut machen wie auf einem Astra Electric. Lassen wir uns überraschen, was sie sich in Rüsselsheim ausdenken.