Eine Wortkreation, die man an Stammtischen öfters hört, wenn es um ein Automobil geht, lautet „porschig“. Gemeint sind die Agilität, die Lenkung und nicht zuletzt die Emotionen, die ein Auto aus Zuffenhausen vermittelt. Der Porsche 911 Carrera gilt dabei als Urmeter für Emotionen. Genau um die geht es jetzt auch beim Taycan. Der Elektro-Porsche hat technisch inzwischen ein paar Jahre auf dem Buckel, fährt aber fahrdynamisch immer noch in der Spitzengruppe elektrischer Sportlimousinen mit.

Was dem Stromer nach Ansicht mancher Stammtisch-Gäste mit Benzin im Blut fehlt, ist die Emotion. Der Porsche Electric Sport Sound sei zwar gut gemeint, springe aber etwas kurz. In Zuffenhausen ist die Botschaft angekommen. Dort wollen sie im Zuge der nächsten Modellpflege das Werk vollenden und dem Taycan eine emotionalere Seele einhauchen. Eine, die vieles vom 911er hat und der Charakteristik eines Verbrenners näher kommt.

Ein Manettino mehr
Der hellblaue Knopf unterhalb des Fahrmodus-Drehkranzes aktiviert den manuellen Schaltmodus.

Dazu hat Porsche den Blick nach Südkorea gewandt. Wie der Hyundai Ioniq 5 N bekommt auch der Taycan jetzt ein virtuelles Getriebe. Um genau zu sein: ein Porsche-PDK. Selbstredend betonen die Zuffenhausener Ingenieure, dass sie sich mit dieser Technik schon weit vor Hyundai beschäftigt haben. Wie dem auch sei. Auch wenn der Sportwagenbauer da ein wenig in Erklärungsnot gerät, will man mit diesem Feature punkten. „Wir haben PDK nicht einfach vom Panamera übertragen, sondern natürlich auf den Taycan angepasst“, sagt Markus Lindermeier, der Funktionsverantwortliche für das E-Shift-Getriebe. Klingt logisch, ist aber schwer umzusetzen. Zumal die Techniker ein möglichst authentisches Schaltgefühl erreichen wollen.

Virtueller Drehzahl-Begrenzer

Virtuelles Motorengebrüll beim Runterschalten zu erzeugen, ist eine einfache Übung. Aber wenn es um die Details geht, wird es schnell kompliziert. Allein schon deshalb, weil der Taycan bereits ein Zweiganggetriebe an der Hinterachse hat. Das reale mit dem virtuellen Getriebe in Einklang zu bringen, ist da schon eine größere Herausforderung. Gelingt das nicht, wirkt es schnell unharmonisch. Und ein nickender Beifahrer bei jedem Gangwechsel nervt eher als dass es positive Emotionen weckt.

Motorsound wie bei einem Verbrenner

Also synchronisierten die Techniker beim ersten und zweiten Gang das virtuelle Getriebe mit dem ersten Gang des mechanischen. Für alles weitere ist der zweite Gang zuständig. Damit das Beschleunigen und Abbremsen immer harmonisch und geschmeidig abläuft, überlappen sich die virtuellen Fahrstufen. So wie das bei einem klassischen Doppelkupplungsgetriebe der Fall ist. Die virtuelle Drehzahl wird zudem immer so gesteuert, dass beide Gänge fahrbar sind. Bei 7.500 Umdrehungen hämmert der Taycan mit dem E-Shift-Getriebe in den Begrenzer, während die E-Maschinen rund 16.000 U/min schaffen.

Manuelles Schalten nach Knopfdruck

Die Umsetzung der Software-Applikation war alles andere als einfach. Damit nicht genug: Der Schaltdruck wird immer in Echtzeit neu berechnet und folgt keinem Schema F. Er ist abhängig vom Fahrstil des Piloten und dem Fahrmodus. Dass das Getriebe im „Sport Plus“-Modus die Gänge knackiger hineinschnalzt und die Wechsel kürzer sind, liegt auf der Hand.

Genug der Vorrede. Jetzt schwingen wir uns hinter das Steuer des angeblich porschigen Verbrenner-Taycans. Sofort fällt das zweite Manettino unterhalb des Fahrmodus-Drehkranzes ins Auge. Damit aktiviert man das E-Shift und wechselt von der Automatik in den manuellen Schaltmodus. Die digitalen Instrumente imitieren die analogen. Bei Porsche heißt das: mittiger Drehzahlmesser und Leuchtdioden, die den Schaltpunkt anzeigen.

Selbst ist der Mann 
Wer meint, schneller und besser schalten zu können als die Automatik kann über Wippen hinterm Lenkrad selbst die Fahrstufe wählen.
Selbst ist der Mann
Wer meint, schneller und besser schalten zu können als die Automatik kann über Wippen hinterm Lenkrad selbst die Fahrstufe wählen.

Wir fahren los. Natürlich sofort im manuellen Programm. Einmal vergessen wir, per Schaltwippe hochzuschalten, und der Taycan rauscht in den Drehzahlbegrenzer. Inklusive Ruckeln und Lichtorgel. Ziemlich realistisch. Untermalt wird das Ganze vom Motorenklang, der vom Taycan Turbo GT abgeleitet ist und jetzt auf den ganzen Drehzahlbereich inklusive Begrenzer erweitert wurde.

Lautsprecher tragen den Sound nach außen

„Der Taycan hat keine Verbrennerhistorie. Deswegen haben wir uns an den Porsche Electric Sportsound des Taycan Turbo GT orientiert und ihn auf E-Shift adaptiert“, erklärt Markus Lindermeier. Ein bisschen Zylinder- und Kurbelwellentanz schwingt dennoch mit. Dass der Fahrsound per Lautsprecher auch nach außen dringt, passt zur Porsche-Inszenierung, könnte allerdings noch die Politik auf den Plan rufen, die sich von Elektroautos nicht nur Klimaeffekte, sondern auch eine Verkehrs-Beruhigung erhofft.

Dass das E-Shift-Getriebe den Spaß erhöht, steht allerdings außer Frage. Automatik hin oder her. Sobald wir die Stadtgrenzen hinter uns gelassen haben, schalten wir in den manuellen Modus. Anbremsen, runterschalten, Zwischengas-Salve, einlenken, Scheitelpunkt treffen und progressiv rausbeschleunigen – alles ganz wie in der goldenen Zeit des sportlichen Automobils.

Extra-Spaß für über 4000 Euro

Der gut 2,3 Tonnen schwere Taycan Turbo GT legt für sein Gewicht eine flotte Sohle aufs Parkett. Mit dem virtuellen Getriebe kommt nun noch etwas Rennsport-Feeling dazu. Beim Taycan Turbo GT ist das E-Shift-Getriebe serienmäßig. Bei einem Grundpreis des Autos von 241.100 Euro sollte das auch drin sein. Ansonsten beträgt der Aufpreis rund 1.000 Euro, bedingt aber bisweilen Extras wie das Sport-Chrono-Paket, den Porsche Electric Sport Sound sowie das Bose Surround Sound-System. So summiert sich der Spaß beim Taycan 4S auf exakt 4.224,50 Euro.

Auf Rekordjagd 
In 6:55 Minuten umrundete der Porsche Taycan im Manthey-Trim die Nordschleife des Nürburgrings. Der Xiaomi SU7 Ultra brauchte dafür im vergangenen Jahr fast zehn Sekunden länger. Fotos: Porsche
Auf Rekordjagd
In 6:55 Minuten umrundete der Porsche Taycan im Manthey-Trim die Nordschleife des Nürburgrings. Der Xiaomi SU7 Ultra brauchte dafür im vergangenen Jahr fast zehn Sekunden länger. Fotos: Porsche

Apropos Rennsport. Wer es wirklich ernst meint, sollte auch gleich das sogenannte Manthey-Kit ordern. Das geht auch im Nachhinein und kostet noch einmal 91.050 Euro zuzüglich Montage. Damit kommt echte Nordschleifen-Technologie ans Auto. Allerdings schafft die Truppe aus Meuspath nur ein Set pro Woche.

Monströses Manthey-Kit für höhere Kurvengeschwindigkeiten

„Das sind keine Fake-Teile“, bekräftigt Taycan-Baureihenleiter Kevin Giek. Details gefällig? Der monströse Heckflügel generiert zusammen mit den anderen Carbon-Elementen einen Abtrieb von 740 Kilogramm bei 310 km/h. „Das Paket ist konsequent auf Sportlichkeit und Kurvengeschwindigkeit ausgelegt“, ergänzt Manthey-Racing-Geschäftsführer Nicolas (Nicki) Raeder.

Weitere Details wie die breiteren Vorderreifen (von 265 auf 305) – „das ist ein brutaler Schritt“ (Raeder) – und die aufwendige Software-Applikation des Zweikammer-Luftfederfahrwerks tragen Früchte, wie der Rekord auf der Nürburgring-Nordschleife belegt: Lars Kern legte die 20,8 Kilometer lange Strecke mit dem Manthey-Taycan in 6:55,533 Minuten zurück. Damit war das Auto über neun Sekunden schneller als der vorherige Klassenrekord für Oberklasse-Elektroautos und zwölf Sekunden kürzer als eine Rekordfahrt mit einem früheren Taycan Turbo GT.

Breiter, tiefer, schneller - teurer 
Für über 91.000 Euro baut das Manthey-Team aus der Eifel den Taycan Turbo GT in einer Woche zu einem elektrischen Rennwagen um.
Breiter, tiefer, schneller – teurer
Für über 91.000 Euro baut das Manthey-Team aus der Eifel den Taycan Turbo GT in einer Woche zu einem elektrischen Rennwagen um.

Die Kehrseite zeigt sich beim WLTP-Normverbrauch. Der beträgt beim Taycan Turbo GT mit Manthey-Kit 24,8 kWh/100 km, die Reichweite schrumpft darüber auf etwa 460 Kilometern. Das ist kein Effizienz-Wunderwert und soll auch keiner sein. Wer so etwas möchte, wird im Konfigurator ebenfalls fündig: Porsche bietet für die heckgetriebenen Einstiegsmodelle neue rollwiderstandsarme 20-Zoll-Sommerreifen an. In Kombination mit der 93,4 kWh großen Performance-Batterie Plus erreicht die Sportlimousine eine WLTP-Reichweite von bis zu 700 Kilometern. Der Sport Turismo kommt damit bis zu 671 Kilometer weit.

Damit das Fahrerlebnis rund wird, musste auch das Infotainment aufgewertet werden. Porsche zieht beim Taycan nach und bringt mehr Cayenne Electric ins Auto. Der Kern der neuen Hardware ist der Qualcomm-Prozessor mit einer fünfmal höheren Rechenleistung als bisher. Neben kleinen Extras wie dem 3D-Modell des Fahrzeugs im Display bringen Details wie das flüssigere Scrollen und die schnellere Berechnung der Navigationsroute eine spürbare Verbesserung im Alltag. Die Opulenz eines Xiaomi SU7 Ultra oder eines Denza Z9GT erreicht die Unterhaltungswelt des Taycan freilich nicht.

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