Das autonome Fahren verlässt endgültig das Versuchsstadium und wird zu einem handfesten Wirtschaftsfaktor. Ein aktueller Bericht des chinesischen Marktforschungsunternehmens GACO Auto belegt eindrucksvoll, mit welcher Geschwindigkeit sich der Markt für Robotaxen weltweit dreht. Während China und die USA das Tempo bei individuellen Transportlösungen vorgeben, positioniert sich Europa völlig neu: In Städten wie Hamburg wird aktuell die Zukunft des autonomen Nahverkehrs erprobt. Gleichzeitig könnte eine anstehende Behördenentscheidung am 11. März Elon Musks Tesla-Robotaxen den Weg auf unseren Kontinent ebnen.

Robotaxi-Markt auf dem Weg zur Profitabilität

Der Markt für den autonomen Personentransport reift rasant heran. Laut der Prognose von GACO Auto wird der globale Robotaxi-Markt im Jahr 2026 ein Volumen von 31,8 Millionen US-Dollar erreichen.

Robotaxi in Shezhen 
Mit 23 Fahrten und einem Profit von 42 Euro am Tag hat der Shuttle-Service 2025 die Gewinnschwelle erreicht. Foto: Pony.ai
Robotaxi in Shezhen
Mit 23 Fahrten und einem Profit von 42 Euro am Tag hat der Shuttle-Service 2025 die Gewinnschwelle erreicht. Foto: Pony.ai

  • Für das Jahr 2026 wird in diesem Segment eine starke Wachstumsrate von über 70 Prozent prognostiziert.
  • China und die Vereinigten Staaten bilden die beiden größten Robotaxi-Märkte weltweit.
  • Chinesische Unternehmen gehen bei der Erforschung der Robotaxi-Kommerzialisierung tendenziell aggressiver vor als ihre amerikanischen Konkurrenten.
  • Baidu Apollo Go hat mit seinem globalen Ride-Hailing-Dienst bereits über 20 Millionen Fahrten absolviert.
  • Pony.ai hat im dritten Quartal 2025 mit seinem Robotaxi-Geschäft in Shenzhen mit 23 Fahrten und einem Nettogewinn von umgerechnet 42 Euro pro Tag bereits die Gewinnschwelle erreicht.
  • Auch der chinesische Anbieter WeRide aus Guangzhou steht mit seiner Flotte aus Robotaxis, Robovans und Robobussen nach eigenen Angaben kurz davor, mit Fahrzeugen und Fahrten Gewinne zu erzielen.
  • GACO Auto erwartet, dass im Jahr 2026 weitere Robotaxi-Unternehmen die Schwelle zur Profitabilität pro Fahrzeug erreichen werden.

Auch in den USA fließt massiv Kapital in den Sektor. Waymo sicherte sich im Februar eine Finanzierungsrunde in Höhe von 16 Milliarden US-Dollar. Mit diesen Mitteln plant die Alphabet-Tochter, im Jahr 2026 aggressiv in über 20 Städte zu expandieren, darunter auch Tokio und London. Angepeilt werden bis zu eine Million wöchentliche Fahrten bis zum Jahresende.

Tesla setzt unterdessen auf eine klare Expansionsstrategie: Mit einer aktuellen Flotte von über 500 Fahrzeugen plant das Unternehmen in der ersten Hälfte des Jahres 2026 eine Ausweitung auf Städte wie Dallas, Houston, Phoenix und Miami.

Die radikale Vision: Was Robotaxen für unsere Städte bedeuten

Dass dieser Wandel weit mehr ist als nur ein technologisches Upgrade, betont Professor Andreas Herrmann vom Institut für Mobilität an der Universität St. Gallen. In einem aktuellen Beitrag für die FAZ verdeutlichte der deutsche Mobilitätsforscher kürzlich die massiven gesellschaftlichen und städtebaulichen Auswirkungen dieser Technologie.

Da Robotaxen künftig rund um die Uhr in Bewegung sein werden, könnten laut Herrmann in den Städten je nach Datenbasis bis zu zehnmal weniger Fahrzeuge benötigt werden. Dies biete die historische Chance, Straßen, Verkehrswege und den gesamten städtischen Raum völlig neu zu denken.

Mit einer Flotte von Elektro-Kleinbussen und -Limousinen startete der US-Anbieter WeRide am 12. Februar den ersten kommerziellen Robotaxi-Dienst in der Innenstadt von Abu Dhabi. Präsent ist das Unternehmen bereits in 40 Städten von elf Ländern. Foto: WeRide

Zudem verweist der Experte auf den immensen ökonomischen Hebel: Da das menschliche Fahrpersonal aktuell rund 50 Prozent der Gesamtkosten bei Ride-Hailing-Diensten ausmacht, werden Mobilitätsangebote durch den Einsatz fahrerloser Shuttles in Zukunft drastisch günstiger. Und weniger störanfälliger durch Streiks. Allerdings warnt Herrmann mit Blick auf Europa auch vor zentralen Hürden: Technischer Rückstand, fehlende Standards und mangelnde Kooperation bremsten die flächendeckende Einführung auf dem heimischen Kontinent derzeit noch aus.

Der europäische Weg: Ridepooling statt Einzelkämpfer

Diese Analyse deckt sich mit den jüngsten Marktdaten: Betrachtet man die internationalen Studien, taucht Europa als treibende Kraft bei individuellen Robotaxen kaum auf. Doch der Kontinent schläft nicht – er wählt lediglich einen grundlegend anderen, stark kooperativen Ansatz. Statt den Individualverkehr durch Robotaxen eins zu eins zu ersetzen, fokussiert sich Europa auf die Integration autonomer Fahrzeuge in den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV).

Das Paradebeispiel dafür liefert aktuell Hamburg mit dem Großprojekt ALIKE (Autonomes Linienintegriertes KI-gestütztes E-Shuttle) der Hamburger Hochbahn AG. Hier entsteht eine Blaupause für autonome Shared-Mobility. Ab Sommer dürfen erstmals ausgewählte Test-Fahrgäste in die Shuttles einsteigen.

Ohne Fahrer und Streikgefahr durch Hamburg
Mit bis zu 60 km/h und 15 Fahrgästen an Bord soll der fünf Meter lange People Mover HOLON Urban ab Spätsommer durch die Hansestadt flitzen. Aus Sicherheitsgründen zunächst noch mit einem Fahrer, später ohne. Foto: Benteler
Ohne Fahrer und Streikgefahr durch Hamburg
Mit bis zu 60 km/h und 15 Fahrgästen an Bord soll der fünf Meter lange People Mover HOLON Urban ab Spätsommer durch die Hansestadt flitzen. Aus Sicherheitsgründen zunächst noch mit einem Fahrer, später ohne. Foto: Benteler

Dabei setzen die Hamburger auf ein Doppel-Gespann:

  1. Die VW-Tochter MOIA schickt den autonomen VW ID. Buzz AD auf die Straße.
  2. Die Hamburger Hochbahn betreibt den HOLON Urban, einen vom Paderborner Spezialisten Benteler entwickelten, voll barrierefreien Kleinbus für bis zu 15 Personen, der langfristig ganz ohne Lenkrad und Fahrerhaus auskommt.

Das Ziel ist ambitioniert: Bis 2030 sollen Tausende solcher Shuttles den Hamburger ÖPNV ergänzen und das „Ridepooling“ – das intelligente Teilen von Fahrten auf ähnlichen Routen – zum Standard machen.

20. März: Schicksalstag für den europäischen Markt?

Während Europa beim kooperativen Ridepooling im ÖPNV punktet, drängen internationale Player mit individuellen Robotaxi-Konzepten auf den Markt. Hier könnte der 20. März zu einem Schlüsseldatum für die europäische Mobilitätsbranche werden. An diesem Tag wird eine wegweisende Entscheidung der niederländischen Kraftfahrzeugbehörde RDW bezüglich der Zulassung von Teslas fortschrittlicher Fahrassistenzsoftware FSD erwartet.

Tesla Cybercab
Tesla Cybercab
Das zweisitzige Robotaxi auf Basis des Tesla Model Y soll den Straßenverkehr revolutionieren. Gebaut werden soll es auch in Grünheide.

Da die RDW als zentrale Typgenehmigungsbehörde für die gesamte Europäische Union fungiert, hätte ein „Go“ aus den Niederlanden eine immense Signalwirkung. Es würde Teslas Cybercab den Weg ebnen und den europäischen Rechtsrahmen massiv dynamisieren.

Der Wettbewerb der Zukunft ist damit klar umrissen: Das amerikanisch-chinesische Modell des individuellen Robotaxis trifft auf das europäische Konzept des autonomen Ridepoolings. Für die Verbraucher bedeutet das in jedem Fall: Die fahrerlose Zukunft hat bereits begonnen.

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